Benjamin von Stuckrad-Barre – Soloalbum (Hörbuch, Autorenlesung)

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Benjamin von Stuckrad-Barre liest SoloalbumNach vier Jahren Beziehung wird der Erzähler dieses Romans von seiner Freundin davon unterrichtet, dass es nun vorbei sei mit den beiden. Schluss. Aus. Und das per Fax. Na toll. Großartig. Das zieht ihn in einen Sog der verschiedensten Krisen. Er treibt Sport, will neu anfangen, lässt es dann doch wieder, er ruft sie an, legt dann doch wieder auf, dann versucht er es mit Alkohol und süßlich duftenden Rauchwaren, doch der Indie- und Britpop-Fan kommt nicht so recht von seiner Verflossenen los. Eigentlich nicht einmal von seiner Vergangenheit. Nervtötende Partys mit schönen Mädchen, tolle Partys mit grausigen Tussis,  – alles soll sich ändern und doch so bleiben, wie es ist; Sehnsucht und Aufbruchstimmung geben sich die Klinke in die Hand, der junge Mann in den Frühzwanzigern fühlt sich hin- und her gerissen. Neben allerlei anderer cooler Musik ist die Band Oasis sein ständiger Wegbegleiter.

Gerade jene Band spielt in gewissem Sinne eine Rolle in diesem bereits 1998 erschienenen und 2003 verfilmten Roman, welchen es nun als über siebenstündige ungekürzte Autorenlesung in Form einer mp3-CD zu erwerben gibt. So ist jedes Kapitel des „Soloalbum“ nach einem Oasis-Songtitel benannt: „Roll With It“, „Don’t Look Back In Anger“, „Cigarettes & Alcohol“ oder etwa „Flashbax“ – eine schöne Idee, vor allem eine passende, wenn man sich das Buch, in welcher Form auch immer, zu Gemüte geführt hat.

Es ist als Zuhörer gar nicht so einfach, wie man zum Protagonisten dieser Geschichte mitten aus dem Leben stehen soll, denn einerseits sind seine Gedankengänge so unglaublich nachvollziehbar und logisch, andererseits denkt man sich allerdings wieder: Was ist der Kerl eigentlich für ein egoistischer, unsympathischer Typ? Zuerst ist er ein gefühlsbetonter, verletzbarer, verwundbarer und sensibler Charakter, dem Werte wichtig sind und die ihn, liebeskummernd und leidend, zum liebenswerten Menschen werden lassen, doch dann wieder mutiert er zu einem völlig debilen Trottel, der sich die Birne zuknallt, endlich mal wieder ein Rohr verlegen will, irgendwann resigniert Handliebe-Joghurt produziert und sich generell wie ein gefühlloser Idiot verhält. Und nichts gebacken bekommt.

Doch man stellt anhand dieses Hörbuchs wieder einmal fest, dass man, egal in welchem Alter man selbst ist, nie vor seinen eigenen emotionalen und hormonellen Schwankungen und vor allem auch vor den persönlichen Schicksalen gefeit ist – ganz egal, ob die jeweiligen Verläufe im Missverhalten der eigenen Person oder in dem der anderen fußen. Umso interessanter ist es, während der Geschichte, die uns vom äußerst umtriebigen norddeutschen Schriftsteller (der auch im Fernsehen und journalistisch äußerst aktiv ist) erzählt wird, auch etwas Selbstreflexion walten zu lassen, denn es gibt nicht selten den ein oder anderen „Genau so!“-Moment zu erleben, der die Mundwinkel gelegentlich nach oben zucken lässt.

Die Story selbst wird flüssig vorgetragen, Stuckrad-Barre verfügt über eine zwar trockene, aber angenehme Art des Lesens, und besonders seine Formulierungen bereiten viel Hörspaß, zumal er gerne auch mit unterhaltsamen Vergleichen und Metaphern um sich wirft, die das Werk zuweilen extrem plastisch wirken lassen. Und sofern man wie der Autor selbst zur Generation der in den Mittsiebzigern Geborenen zählt und somit die Neunziger, in denen „Soloalbum“ stattfindet, inklusive ihrer musikalischen und modischen Entwicklungen und Trends/Untrends selbst miterlebt hat, fühlt man sich in einen Strudel eingesogen, der einen in Nostalgie schwelgen lässt – sowohl kopfnickend, was die Positiva angeht als auch kopfschüttelnd und grinsend, was die Negativa betrifft.

Was ein wenig nervtötend ist, ist, dass die siebenundzwanzig Kapitel sehr heterogene Spielzeiten aufweisen – das kürzeste Kapitel ist beispielsweise gerade mal etwas mehr als drei Minuten lang, das längste wiederum schlägt mit achtunddreißig Minuten zu Buche. Beim Lesen ist das durchaus weniger relevant, da man nach einem Absatz sagen kann: „So, den Rest nachher!“, doch beim Hörbuch weiß man nie so genau, wo eine echte „Atempause“ existiert, sodass man gewissermaßen dazu gezwungen wird, das jeweilige Kapitel bis zum Schluss zu hören. Und das ist, wenn man nicht gerade die Möglichkeit hat, über eine halbe Stunde am Stück zu lauschen, fast schon etwas mit Stress verbunden. Dies ist jedoch eher eine technische Unzulänglichkeit, die man durch die Verteilung der überlangen Kapitel auf zwei bis drei Tracks hätte ausbügeln können und die mit der Qualität des Romans selbst nichts zu tun hat.

„Soloalbum“ ist mitten aus dem Leben gegriffen, authentisch, ungekünstelt, und gerade das Auf und Ab inklusive sehr viel Eiertanz macht die besondere Würze dieses audiobelletristischen Produktes aus. Möglicherweise liegt es auch am ursprünglichen Veröffentlichungsdatum, aber eines fällt im Nachhinein noch deutlich auf: Auf überdrehte Spaßeinlagen wird verzichtet, und das ist gerade bei Romanen aus diesem Genre eine Seltenheit.

Cover © Roof Music/tacheles!

  • Autor: Benjamin von Stuckrad-Barre
  • Titel: Soloalbum
  • Verlag/Label: Roof Music/tacheles!
  • Sprecher: Benjamin von Stuckrad-Barre
  • Erschienen: 10/2012
  • Spielzeit: 440 Minuten auf 1 mp3-CD
  • ISBN: 978-3-86484-016-6

Wertung: 11/15 dpt

 

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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