Katinka Buddenkotte – Betreutes Trinken (Hörbuch, Autorenlesung)

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Katinka Buddenkotte - Betreutes TrinkenDie Sozialarbeiterin Doris Kindermann, Anfang dreißig, von allen liebevoll „Doki“ genannt, ist in einem Kölner Jugendzentrum namens „Anker“ tätig, doch dort regiert die Langeweile. Die Teenager sind viel zu brav und angepasst, die Kollegen gehen ihr auf den Keks, und so häufen sich ihre Besuche in der Stammkneipe „Dead Horst“ stetig. Immerhin eine Herausforderung, denn die schwer erziehbaren Fälle sind doch eher jene, die bereits erwachsen sind.Der russische Ex-Olympionik Vladimir wäre ein solcher Fall. Oder Toddy, der dauergenervte Barkeeper. Oder die beste Freundin Katja. Eines Abends taucht allerdings ihre Jugendliebe Gunnar im „Dead Horst“ auf, und das weckt in Doris den Wunsch, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben. Ein Parcourslauf zwischen „Schwerenötern, Schwermut und Schwermetall“ (O-Ton auf dem Backcover) beginnt.

Die Wendungen sind hierbei stets nachvollziehbar, und obwohl die Story sich über fünf CDs zieht, entstehen niemals Längen oder Logiklöcher in der Erzählung. Eher sind es Momente des Luftholens, die dann jedoch niemals inhaltsleer sind. Innere Hürden und Schweinehunde, andere Schweinehunde, emotionale Bänder und Barrieren, kaputte Charaktere und furchtbar normale solche, Selbstzweifel, Zweifel an anderen, Integrität, Ehrlichkeit und Lügen hauchen „Betreutes Trinken“ genügend Atem ein, damit es selbst zum Leben erweckt, und das steckt den Zuhörer spätestens nach einer halben Stunde an. Ein wenig ist das vorliegende Werk wie eine Palette audioliterarischer Überraschungseier, wobei die Neugier siegt: Man möchte im übertragenden Sinne auch das nächste auspacken. Was ist das nun mit Gunnar? Wieso ist Vladimir, wie er ist? Wie kommt Doris mit all den äußeren Einflüssen klar? Und wie sehr „Doris“ ist Doris überhaupt?

Erfreulich bei dieser etwa sechsstündigen, in ein dickes Jewelcase gebetteten Hörerfahrung ist, dass Buddenkotte die „Mädchenklischees“, die leider viele ihrer Kolleginen mit ihren Expertisen erfüllen, geschickt umschifft. Hier gibt es ein eher natürlich wirkendes, realistisches Ende, bei dem man nicht mit den Augen rollen muss, nicht etwa ein kitschig-pathetisches Friede-Freude-Eierkuchen-Happy-End mit Prinzencharakter. Davon gibt es ohnehin viel zu viel, und am liebsten würde man die Autorin, die sich obendrein noch als Poetry-Slammerin und Vorleserin ihre Brötchen verdient, dafür drücken.

Das Zuhören bereitet viel Freude, denn die Autorin, die es sich nicht nehmen ließ, ihr Buch auch selbst vorzutragen, lebt ihr Geschriebenes und findet ein gutes Maß an eingesetzten Gefühlen. Einerseits liest sie ihr Buch nämlich nicht einfach lustlos oder emotional kalt herunter, andererseits ist sie aber auch weit entfernt von Overacting – stattdessen ist die Vorleseweise ruhig, besonnen und irgendwie ein Stück weit heimelig. Hinzu kommt, dass Katinka Buddenkotte eine wunderbar tieffrequente, etwas flapsig klingende, aber stets warme Stimme hat, die sehr gut zum Inhalt passt. Man fühlt sich schnell wie ein Begleiter, so als sei man selbst Dokis guter, aber stiller Kumpel, den sie überallhin mitnimmt. So, als wolle sie, mit der man ganz bestimmt auch Pferde stehlen kann, ihre Geschichte unbedingt loswerden, und zwar direkt beim Leser.

Zwar ist die Produktion sowie die Aussprache nicht immer perfekt, und hier und da hört man sogar mal ein paar Nebengeräusche, doch kurioserweise ist diese kleine Macke ein (unbewusstes?) Bindeglied gen Story, denn so, wie die Protagonisten und Nebenfiguren ihre kleinen Schrullen und Unwuchten haben, sind diese auch in aufgenommener Form hörbar. Das wirkt letztendlich grundehrlich, authentisch – ja, schlichtweg echt.  Auch hinsichtlich der Tracklängen besteht kein ernsthafter Grund zur Kritik, denn diese sind mit Spieldauern von zwischen rund drei und maximal etwa zwölf Minuten angenehm hörerfreundlich aufgeteilt – und wenn es mal sein musste, wurde auch mal die digitale Schere angesetzt und ein Kapitel auf zwei Tracks verteilt.

„Betreutes Trinken“ ist eine warmherzig erzählte Geschichte mitten aus dem Leben, mal hart, mal herzlich – vor allem aber ohne schriftstellerischen Füllstoff und ohne Stereotypen, die man von einem Roman, in dem Beziehungen eine Rolle spielen, oftmals fürchten muss. Somit dürfte jeder, der Spaß an moderner, lebensnaher Literatur hat, bestens bedient sein, sollte er sich für den Kauf des Druck- oder Hörwerks entscheiden.

 Cover © Random House Audio

  • Autor: Katinka Buddenkotte
  • Titel: Betreutes Trinken
  • Verlag/Label: Random House Audio
  • Sprecher: Katinka Buddenkotte
  • Erschienen: 10/2012
  • Spielzeit: 366 Minuten auf 5 CDs
  • ISBN: 978-3-8371-1706-6
  • Sonstige Informationen: Gekürzte Lesung

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Katinka Buddenkotte – Betreutes Trinken (H…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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