Interview mit Agnes Hammer (Autorin von „Dorfbeben“, „Regionalexpress“, „Ich blogg dich weg!“ etc.)

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Agnes Hammer (c) script5Starker Tobak sind sie, die Bücher der Autorin aus dem Westerwald. Zwar sind alle fünf bisher erschienenen Romane bewusst auch auf Jugendliche zugeschnitten, doch anstatt mit angepassten, vollkornkekspädagogischen Geschichten inklusive Zeigefingergymnastik den Oberlehrer zu spielen, bevorzugt es Agnes Hammer, auch die jüngeren ihrer Leser nicht zu schonen. Erschreckende Zustände, brutale Szenen und seelische Grausamkeiten stehen demnach ebenso an der Tagesordnung wie die „ganz normalen“ Probleme der jeweiligen Protagonisten. Die Werke schockieren und erfreuen, sind warmherzig, dann wieder eiskalt. Sie bewegen. Genug Gründe also, der auch als Anti-Aggressivitäts-Trainerin aktiven Schriftstellerin ein paar Fragen zu stellen.

Hallo Agnes, bei Dir geht das Bücherschreiben ja wie das Brezelnbacken. Das jüngste Werk „Regionalexpress“ geht ja auch wieder in eine deutlich heftigere Richtung. Gab es irgendeinen Impuls, der ausgelöst hat, inhaltlich auch die extremen Ausläufer des Islam zu behandeln?

Ein äußerer Anlass war bestimmt, dass ich in einem der Züge steckte, die im Juli 2006 nach der Sperrung des Kölner Hauptbahnhofes („Kofferbomber von Köln“) ewig auf der Strecke Düsseldorf-Köln herumstanden. Ab da wollte ich eigentlich etwas dazu machen. „Regionalexpress“ ist aber keine Abhandlung über den Islamismus. Es geht darin meines Erachtens auch um kaputte Familien, um ein Leben mit und ohne einer wie auch immer gearteten Spiritualität, um den Tod und den Umgang damit. Auf der anderen Seite schreibe ich da auch über die Arbeit des Verfassungsschutzes, soweit man etwas davon mitbekommt. Als im Winter die ganzen sogenannten „Pannen“ in Zusammenhang mit den Morden der Zwickauer Zelle ans Licht kamen, war ich zwar schockiert, aber nicht sonderlich überrascht.

Offensichtlich sind soziale Brennpunkte Deine Inspirationsquelle, zumal Du damit auch beruflich zu tun hast. Erzähl uns doch mal ein wenig darüber.

Ich komme selbst nicht gerade aus einem behüteten Elternhaus. Mein Vater war Hilfsarbeiter und hat viel zu viel getrunken, nie war Geld da, und so weiter. Zum Glück war meinen Eltern trotzdem wichtig, dass ich „etwas werde“. Vielleicht war das meine Motivation, mit Jugendlichen zu arbeiten, die auch „etwas werden“ könnten. Heute gibt es allerdings viel weniger Möglichkeiten und auch viel weniger Träume. Der soziale Aufstieg durch Bildung, das war in den Siebzigern/Achtzigern. Heute findet man sich viel leichter damit ab, zum „Prekariat“ zu gehören, und das macht mich oft wütend.

Wie nah sind die Geschichten, die Du in Deinen Büchern erzählst, eigentlich an der Realität?

Die Figuren sind immer ein Mischmasch aus mir selbst und mehreren Menschen, die ich kenne. Allerdings entwickeln sie dann ein Eigenleben. Lissy aus „Herz, klopf!“ und „Nacht, komm!“ wollte zum Beispiel auf keinen Fall in irgendeinem „Problembuch“ vorkommen. Da kam mir die Idee, dass sie ermitteln könnte. Oft schreibe ich mir aus der Perspektive der Figur Briefe, in denen sich die Figur erklärt. Wenn sich das für mich stimmig anhört, bin ich auf dem richtigen Weg. Trotzdem recherchiere ich durchaus, frage beispielsweise meine Anwältin nach Feinheiten des Jugendstrafrechts, oder ich besuche und fotografiere bestimmte Orte, die später im Text vorkommen.
 
Es ist recht schwierig, Deine Bücher alterstechnisch einzuordnen. Generell sind die Bücher immer in der Jugendbuchabteilung zu finden, und in einer ortsnahen Buchhandlung ist dies ebenfalls der Fall. Doch ich bin beispielsweise Ende dreißig und kann mich für die Werke begeistern, meine Frau ist Mitte vierzig und hat auch schon alles ab „Bewegliche Ziele“ gelesen… hast Du eine Zielgruppe oder dergleichen?

Agnes Hammer – Bibliographie:

  • Bewegliche Ziele (Jugendroman, 2008/Loewe Verlag)
  • Herz, klopf! (Thriller, 2009/script5) – Rezension
  • Dorfbeben (Thriller, 2010/script5) – Rezension
  • Nacht, komm! (Thriller, 2011/script5) – Rezension
  • Regionalexpress (Thriller, 2012/script5) – Rezension
  • Ich blogg dich weg! (Jugendroman, 2013/Loewe Verlag) – Rezension

 

Nein, eigentlich nicht. Natürlich weiß ich, dass script5 ein All-Age-Verlag ist. Mein eigenes Leseverhalten ist ja auch so, dass ich lieber ein gut geschriebenes Jugendbuch lese als einen schlechten Roman. Als ich so fünfzehn, sechzehn war, habe ich zum Beispiel viel „Erwachsenenliteratur“ gelesen, weil ich mich von den damaligen Jugendbüchern nicht mehr ernst genommen fühlte. Ich glaube, das möchte ich gerne: Die Leserinnen und Leser ernst nehmen.
 
Allerdings können zum Beispiel „Herz, klopf!“ und „Nacht, komm!“ in der Mediothek der Schule, auf die unsere beiden Töchter gehen, nur an Schüler ab 18 Jahren ausgeliehen werden. Eine ganz normale Gesamtschule im Zensurwahn?

Vielleicht geht es um Sex? Darauf werde ich, besonders bei „Nacht, komm!“, häufiger angesprochen. Schule und Sex ist ja, nun, ein schwieriges Thema.

In der selben Schule wird nun zum Thema Drogensucht in der 9. Klasse „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als Arbeitsmaterial eingesetzt, und die Kids müssen sich nun das Buch kaufen. So kann man die Drogensucht der offensichtlich wieder rückfällig gewordenen Christiane F. ja wunderbar finanzieren… Wie kommt es, dass sich viele Schulen permanent an diesen „Klassikern“ festhalten und nur bis zu einem bestimmten Punkt mitdenken? Hätten wir mitentscheiden dürfen, hätten wir wohl „Bewegliche Ziele“ ausgewählt, in dem Drogensucht auch ein großes Gebiet absteckt…

Tja, das ist ja inzwischen eher ein zeitgeschichtliches Dokument. Interdisziplinär eingesetzt, also zusammen mit dem großen Thema „deutsche Teilung“ in den Sozialwissenschaften lässt sich da bestimmt etwas Interessantes stricken. Allerdings weiß ich von verschiedenen Jugendlichen, dass die Drogenerfahrungen von Frau F. immer noch faszinieren können. Wahrscheinlich ist der Text aber einer der eindrücklichsten für die Lehrkräfte gewesen und sie wollen – hoffentlich – dieses Leseerlebnis weitergeben. Oder – aber das ist jetzt eine Unterstellung – das Unterrichtsmaterial ist fertig im Ordner… Inzwischen bieten die Verlage ja auch Material an. Macht der Loewe-Verlag zumindest für „Bewegliche Ziele“.

Kannst Du Dir eigentlich auch vorstellen, statt der ernsten Thematik auch mal einen etwas unterhaltsameren Roman herauszubringen?

Klar, ich plotte momentan endlich mal eine große Liebesgeschichte. Da freue ich mich schon wirklich drauf!

Und wie würde es sich mit einem Roman verhalten, der eher auf die erwachsene Leserschaft abzielt und dementsprechend deutlich komplexer gestrickt ist?

Ehrlich gesagt träume ich manchmal davon, eine große Familienchronik zu schreiben, also nicht über meine Familie, bloß nicht, aber… mal sehen.
 
Zum Schluss frage ich immer noch gerne ein paar auflockernde Fragen: Welches ist das Deiner Meinung nach meist unterschätzte Buch?

Jonas Gardell: „Ein Komiker wächst heran“. Leider hat das Buch es in Deutschland nicht geschafft, vielleicht weil die falschen Leseerwartungen geweckt wurden.
 
Und das überbewertetste?

Haha! Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Die Begeisterung dafür wird mir vielleicht immer ein Rätsel bleiben. Bei den Filmen schlafe ich auch ein. Ich verstehe es einfach nicht.
 
Ich danke vielmals für dieses Interview. Die letzten Worte gehören wie immer meinem Interviewpartner.

Auch von meiner Seite aus herzlichen Dank!

Foto © script5

Dieses Interview führte Chris Popp im Sommer 2012, es erschien ursprünglich in noisyNeighbours #36. Vielen Dank an dieser Stelle für die Gestattung der Artikelübernahme.

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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