George R. R. Martin – Das Lied von Eis und Feuer (Buch) – Die Herren von Winterfell (Band 1) & Das Erbe von Winterfell (Band 2)

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George R. R. Martin - Die Herren von Winterfell (Band 1)Böse Zungen behaupten, dass Fantasy-Bücher einen gigantischen Appetit auf ihre Leser haben. Wie Zombies würden diese Genre-Geschichten Unmengen an Leserhirnen verspeisen und so die armen Leute in ihrer Welt gefangen halten.

Ich mag diese Zungen nicht besonders. Ein gutes Gegenargument zu deren Vorurteil sind die ersten beiden Bände von George R.R. Martins Fantasy-Epos Das Lied von Eis und Feuer. Auch sie verschlucken den geneigten Leser. Vorweg: Dieser Vorgang bringt große Lesefreude. Aber man ertrinkt dabei nicht gleich in einem Verdauungssaft aus Fantasy, der außer ein paar spinnenbeinigen Allegorien nichts übrig lässt.

Die originale englische Ausgabe des Fantasy-Epos besteht aus fünf Büchern. Blanvalet (Marke des Random House Verlags, Bertelsmann) verlegt die deutsche Fassung in einer vollständig überarbeiteten Neuausgabe (broschiert), wobei die Originalfassungen aber auf jeweils zwei Bände aufgeteilt wurden. Die hier rezensierten Bände 1 und 2, “Die Herren von Winterfell” und “Das Erbe von Winterfell”, entsprechen damit dem ersten Buch der englischen Fassung, “A Game of Thrones”. Daher werden die Bände im Folgenden nicht getrennt behandelt.

Die Geschichte um dieses Spiel der Throne spielt hauptsächlich in Westeros, einem schlauchartigen Kontinent, dessen Norden in ewige Kälte und Schnee gehüllt ist, während im Süden ein mildes fruchtbares Klima vorherrscht. Die Erzählung bewegt sich in einer mittelalterlichen Welt zwischen Rittertum, höfischem Geplänkel und Herrschaftsgeschlechtern. Klassische Fantasy-Elemente werden jedoch nur in homöopathischen Dosen verabreicht. Ein zentraler Bestandteil des ganzen Epos ist “die Landkarte”.

Westeros ist in die sieben Königslande aufgeteilt, die von jeweils einer hohen adeligen Familie und deren Vasallen geführt werden. Zusammen bilden sie ein Königreich, das von Königsmund aus von König Robert verschwenderisch regiert wird und im dekadenten Süden liegt. Winterfell im kargen Norden ist der Herrschaftssitz der Familie Stark. Sie übernimmt in den ersten beiden Bänden eine entscheidende Rolle. Die nördlichste Grenze des Königreichs bildet die Mauer, ein gigantisches Bollwerk aus Eis und Schnee, das von der Bruderschaft der Nachtwache bewacht wird. Dieser Grenzposten dient dem Zweck, die Bewohner und ihr fruchtbares Land vor den Menschen jenseits der Mauer zu schützen. Wildlinge versuchen immer häufiger, vor dem drohenden Wintereinbruch in die wärmeren Regionen zu flüchten. Doch jenseits der Mauer lauern noch weit größere Gefahren für den gesamten Kontinent.

Im Osten dieses Weltentwurfs liegt der Kontinent Essos mit den sieben freien Städten, die eher orientalisch und märchenhaft gestaltet sind.

Zur Geschichte: Lord Eddard Stark wird von seinem alten Freund König Robert gebeten, die Stelle seines Beraters in Königsmund einzunehmen, nachdem dieser unter verdächtigen Umständen verstorben ist. Gleichzeitig liegt Starks achtjähriger Sohn Bran nach einem Sturz im Koma und entgeht nur knapp einem Mordanschlag. Als der Junge querschnittsgelähmt wieder erwacht, sind Vater und Mutter fort. Eddard Stark ist aufgebrochen, um sich in Königsmund seiner Rolle als Berater zu fügen. Außerdem ist er fest entschlossen, den Mord an seinem Vorgänger aufzuklären. Seine Frau und Brans Mutter, Catelyn Stark, hat sich auf den Weg gemacht, den Mordanschlag auf ihren Sohn aufzuklären. Beide Geschichten führen letztendlich in Kriegshandlungen, die einen größeren Anteil des zweiten Bandes darstellen.

George R. R. Martin - Das Erbe von Winterfell (Band 2)Martin erzählt uns das Spiel um die Throne aus der Perspektive von acht Charakteren, die nicht nur als wirklich glaubwürdige Persönlichkeiten daherkommen, sondern auch vortrefflich untypisch gewählt wurden. Zudem schafft der Autor es, ihre Eigenarten und ihr Alter gekonnt in individuelle Erzählstimmen umzusetzen. So wird beispielsweise Eddard Stark als intelligenter Anführer und Mann von Ehre eingeführt. Er muss seine neue Rolle als Berater und Diplomat spielen, gerät aber zusehends in Konflikt mit seinen Vorstellungen von guter Herrschaft. In einem Labyrinth aus Intrigen, Meuchelmord und Spionage versucht er, sich treu zu bleiben und gleichzeitig seine Familie zu beschützen. Während seine Tochter Arya mit acht Jahren dem Traum nachhängt, gegen jede Konvention ein Ritter zu werden, anstatt eine Lady, sieht Sansa, elf Jahre alt, ihren Traum Wirklichkeit werden. Sie soll den Thronerben Prinz Joffrey ehelichen und Prinzessin werden. Beide Träume werden in den Folgeschäden der Machtspiele pervertiert.

Martin gelingt es außerdem, die dargestellten Ereignisse mit teilweise klaffender Differenz zur erzählten Perspektive noch schärfer und intensiver zu erzählen. So erleben wir aus der Sicht der Mutter Catelyn, was Krieg bedeutet, wenn der vierzehnjährige Sohn sich notgedrungen der Verantwortung eines Mannes annimmt, um als Heerführer Schlachten zu schlagen. Wir lesen die Außenseitergeschichte von Eddards Bastardsohn, Jon Schnee. Der dreizehnjährige Junge schließt sich der Nachtwache an. Dabei erhält er, soviel darf schon zu den Folgebänden gesagt werden, eine etwas andere Perspektive auf die Wildlinge, quasi die Bastarde der Zivilisation. Auch die anderen Charaktere Bran Stark, Daenerys Targaryen und Tyrion Lennister halten interessante Blickwinkel und spannende Entwicklungen bereit.

Was die ersten zwei Bände von Das Lied von Eis und Feuer auszeichnet, ist das richtig gute Verhältnis von dramatischer Verwicklung und bildhaft erzählter, lebendiger Fantasy-Welt. Das Drama überwiegt hier deutlich. Und so erlebt der Leser die Realität dieser Welt nicht nur durch bloße Beschreibung, sondern vielmehr dadurch, dass sich die Charaktere an ihr stoßen. Gleichzeitig erzeugt Martin mit seinen authentischen Erzählstimmen, die auch in der deutschen Übersetzung hörbar bleiben, ein wirkliches Lesevergnügen und Lust an der Geschichte. Überflüssig dagegen ist die Erwähnung von offensichtlichen Dingen und Wiederholungen ohne neue Perspektive. Beides kommt vor, hält sich aber im Vergleich zu anderen Geschichten dieses Genres in aushaltbaren Grenzen.

Cover © blanvalet Verlag

 

  • Autor: George R. R. Martin
  • Titel:
    Band 1: Die Herren von Winterfell
    Band 2: Das Erbe von Winterfell
  • Originaltitel: A Game of Thrones 
  • Übersetzer: Jörn Ingwersen
  • Verlag: Blanvalet/Random House
  • Erschienen: 11/2010 (Band 1) & 03/2011 (Band 2)
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 545 (Band 1) & 514 (Band 2) + 24 Appendix 
  • ISBN:
    978-3-44226-774-3 (Band 1)
    978-3-44226-781-1 (Band 2)
  • Sonstige Informationen:
    Die ersten zwei von aktuell zehn Bänden des Fantasy-Epos “Das Lied von Eis und Feuer”

 

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


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»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, “Blade Runner”)

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2 Kommentare

  1. Avatar
    K.Karczewska am

    Hallo Booknerds und alle Leseratten,
    dieser Bewertung kann ich nur zustimmen.Das erste Buch ( auf english) fesselte mich,, das zweite auch.Bei dem dritten wurde es lang, das vierte war völlig unnötig und im fünften wird wieder etwas interesanter, aber so grausam, dass man das Gefühl nicht los wird ,dass Herr Martin von der Science-Fantsy zum Horror gewächselt hatte.Gut dass wir noch keine olfaktorische Bücher herstellen können, sonst würden wir vom Gestank verwesenden Leichen, vergossenen Blutes und anderen Körpersäften eingehen! BÄÄÄÄH!

    Die fünf Bänder nacheinander zu lesen ist, wie einem alten Mann zuzuhören, der, wenn er einmal angefangen hatte, zu keinem Ende kommen kann.
    Die Geschichte nimmt ständig neue Fäden auf, die nachhinein im Nichts verlaufen, die Häuser und ihre Zusammenhänge werden immer komplizierter, nichts bleibt bestehen.
    Die Geschichte ist fantastisch, aber es bleibt uns NICHTS worauf man sich freuen könnte.

    Ich kann leider nichts zur detschen Übersetzung sagen.Im Orginal bedint sich der Author einer Mischung aus English, alt und neu, Mischbegiffen aus alten germanischen Sprachen und Latein.Es wirkt historisch und ist zwar nicht ganz leicht zulesen, dennoch sehr wirksam.
    Ich halte ntürlich durch und werde auch die kommenden Bänder durcharbeiten.
    Und mich wahrscheinlich weiterhin ärgern!

    • Christian Bischopink
      Christian Bischopink am

      Hallo,

      vielen Dank für Deinen/Ihren tollen Kommentar. Es zeugt wirklich von Durchhaltevermögen, die Bände hintereinander wegzulesen. :) Auch ich fand den dritten Band sehr lang. Im Grunde geschieht dort keine Figurenentwicklung und deswegen wird ein Ereignis nach dem anderen an die nächste Wendung gehangen, sodass im Grunde nichts passiert. Daher schiele ich auch eher vorsichtig auf den vierten Band und frage mich, ob sich die Zeit dazu lohnt.

      Dass sich Martin über das “alte” Englisch hinaus in historischen Sprachen bedient hat, kommt in der deutschen Überstetzung, glaub ich, nicht durch. Diese hält sich jedoch wirklich stimmig an mediävistische Wendungen, wenn z.B. Greyjoy zu Graufreud wird.

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von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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