Mark Z. Danielewski – Das Fünfzig-Jahr-Schwert (Buch)

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Mark Z. Danielewski - Das Fünfzig-Jahr-Schwert Cover © Tropen/Klett-CottaDass man vom US-amerikanischen, sehr experimentell veranlagten Autor Mark Z. Danielewski keine gewöhnliche Lektüre in jederlei Hinsicht erwarten darf, sollte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein. Mit seinen Werken „Das Haus“ (Originaltitel „House Of Leaves“) sowie „Only Revolutions“ stieß er zahlreichen Lesern vor den Kopf, da diese beiden Bücher sowohl sprachlich als auch typographisch enorm aus dem Rahmen fallen. 2006 erschien in einer niederländischen Kleinauflage von eintausend Exemplaren bereits „The Fifty Year Sword“, welches heute als begehrtes Sammlerstück gilt, zumal einige davon von ihrem Erschaffer signiert und mit verschiedenfarbigen ‚Z‘ versehen wurden. Es mussten ganze sechs Jahre verstreichen, bis es dann in den USA von Pantheon Books für die Allgemeinheit aufgelegt wurde (Rezension hier), und nur ein knappes Jahr später kommen auch die deutschsprachigen Danielewski-Anhänger in den Genuss der fürwahr ungewöhnlichen Publikation – hier hat Übersetzerin Christa Schuenke mal wieder respekteinflößende Arbeit geleistet, denn die teilweise abenteuerlichen textlichen Ergüsse des Mannes mit den unergründlichen Gehirnwindungen in eine andere Sprache zu übersetzen und dabei Sinn, Intention und Glaubwürdigkeit des Textes beizubehalten, ist eine wahre Gratwanderung.

Denn alleine schon überhaupt die Handlung in „Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ zu ergründen und den Durchblick zu bewahren, ist kein einfaches Unterfangen: Wir wohnen einem Oktoberabend in einem Waisenhaus im osttexanischen Upshur County bei, als die Näherin Chintana, einst verheiratet mit einem gewissen Pravat, von der weit über hundertjährigen Mose Dettledown zu einer halloweenesken Geburtstags-Party eingeladen wird. Dort trifft sie auf Belinda Kite – aufgrund derer Ekelpaket Pravat Chintana verlassen hatte. Die Näherin ist entsetzt, dass gerade diese Frau das Geburtstagskind ist – es ist ihr hierbei vollkommen gleich, dass deren ehevernichtendes Verhältnis inzwischen auch Geschichte ist.

Eine Sozialarbeiterin hat just zur gleichen Zeit einen Geschichtenerzähler herbeigerufen, damit der die fünf Waisen Tarff, Ezade, Iniedia, Sithis und Micit, allesamt im Kindergarten- und Grundschulalter, ein wenig bespaßt. Hierzu hat er, der mit seinem silbrig-schwarzen Umhang gruseligst auf die Kinder wirkt, einen langen schwarzen Kasten mitgebracht, in welchen eine sehr spezielle Waffe mit sehr speziellen Eigenschaften gebettet sei. Der extrem charismatische „erZähler“ nimmt Platz und beginnt nun, die Geschichte davon zu erzählen, wie er diese Waffe erworben habe. Doch seine Ausführungen rufen polarisierende Reaktionen hervor, und die Dinge nehmen ihren grausamen Lauf.

Vielerorts wird „Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ als Märchen für Erwachsene beschrieben, als eine Art Geistergeschichte, und weitgehend kann man dies auch so stehenlassen, doch gleichermaßen mutet es wie eine ‚als Kinderbuch im Buch verpackte Horrorstory‘ an. Die Erzählweise ist bereits in puncto Perspektive sonderbar, denn wenngleich das Ganze aus Chintanas Perspektive dargelegt wird, kommen die anderen anwesenden Charaktere ebenfalls zu Wort. Durch Anführungszeichen in fünf verschiedenen Farben von gelb bis braun, die meist in ihrer doppelten, teilweise auch in ihrer einfachen Form platziert sind, soll dem Leser nahegebracht werden, wer gerade zu wem spricht – und hierbei kann man nur spekulieren, ob Danielewski nur Verwirrung stiften möchte oder ein bestimmter Code hinter alledem steckt. Es ist nicht abwegig, zu vermuten, dass der Gesprächsverlauf stark synergetisch geprägt ist.

Auch die einzelnen geschriebenen Zeilen sind wundersam arrangiert, denn auf manchen Seiten findet man verhältnismäßig viel Text, auf anderen nur wenige Wörter, und immer wieder sind die Zeilen an unterschiedlichen Positionen eingerückt – immer dann, wenn ein andersfarbiges doppeltes Anführungszeichen vorangestellt ist. Eine weitere eigenwillige Eigenschaft ist, dass ausschließlich die linken, geraden Seiten Text beinhalten, während die rechten, ungeraden Seiten bis auf die Pagination entweder leer sind oder mit einzelnen Bildern versehen sind, die die Geschichte visualisieren und gelegentlich auch in den Textbereich übergehen.

Ebenfalls sehr ungewöhnlich ist, dass sich das Thema Nähen in optischer Form durch das gesamte Buch zieht. Es beginnt mit dem Schutzumschlag, welcher mit vielen einzelnen Nadelstichen von innen nach außen durchstochen wurde. Nimmt man den Schutzumschlag ab, offenbart sich ein rotes genähtes Chaos, welches sich erst durch den literarischen Inhalt erklären wird. Öffnet man das Buch, sind sowohl die Buchdecke als auch der Vorsatz mit einem beeindruckenden Fadengewirr bedruckt. Blättert man weiter, findet man auch auf dem  Titelblatt die Anführungszeichen in genähter Form. In der kompletten Story ist jedes einzelne grafische Element ebenfalls mit Nadel und verschiedenfarbigen Fäden erstellt worden. Was das dreiköpfige „Atelier Z“ dabei geleistet hat, ist schlichtweg phantastisch.

Gedruckt wurde „Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ obendrein auf (schätzungsweise) mindestens 110g/m² starkem Papier, was dieses mit 288 Seiten eigentlich nicht allzu dicke Buch  zu einem über siebenhundert Gramm schweren Brocken werden lässt – und statt einer rauen Oberfläche verfügt das vierfarbig bedruckte Papier über einen deutlich vernehmbaren Hochglanzcharakter.

Inhaltlich fordert Danielewski seine Leser anhand der blumigen Sprache einmal mehr erbarmungslos heraus. Nicht genug damit, dass die Gesetze der Grammatik gerne auch mal ausgehebelt werden oder so manche Textpassagen mitunter konfus-verschachtelt erscheinen – auch was Wortschöpfungen betrifft, werden abenteuerliche Schreibweisen aus dem Repertoire gezaubert oder einfach mal Wörter in sich verdreht („Kollinzidenz“, „insispariert“, „freventlich vergalgen“, „Barmercigkeit“, „Gürteltiergestrafftheit“, …) – gelegentlich wirkt die Lektüre so, als sei man auf einem papiernen halluzinogenen Trip hängen geblieben, der zudem auch auf andere Sinne übergreift, wie beispielsweise das Fühlen des mehrfach durchstochenen Schutzumschlags.

Vor Beginn der Story wird zwar vom Autor auf den Umgang mit dem Folgenden eingegangen, aber ob und  inwiefern dieses in Schwertgriffform gestaltete Intro für den Lesenden hilfreich oder verwirrend sein mag, muss der selbst entscheiden. Ihm werden schlichtweg Brocken vor die Füße geworfen,  ganz getreu dem Motto: »Hier, friss. Ob es dich nährt oder dir im Halse stecken bleibt? Koste davon und du erfährst es.«

Ebenjene polarisierende Wirkung gehört zu Danielewskis Werken wie der Schuh zum Fuß. Man kann seine Form der Literatur als freigeistige und faszinierende Kunst interpretieren, doch genauso kann man sie als selbstherrliche, profilneurotische und erzwungene Form des Andersseins auslegen. Das ist das selbstgeschmiedete Schicksal eines jeden Kreativen, der aus eingefahrenen Schemata ausbricht, Konventionen und Gesetze ignoriert und diese mitunter respektlos pervertiert.

Danielewskis Form der Literatur ist Kunst in ihrer Essenz. Beflügelt von Feingeist, Verspieltheit und einem nicht unbeachtlichen Maße an Genie.

Cover: © Tropen/Klett-Cotta
Fotos: von Chris Popp mit freundlicher Genehmigung des Tropen/Klett-Cotta-Verlags.

  • Autor: Mark Z. Danielewski
  • Titel: Das Fünfzig-Jahr-Schwert
  • Originaltitel: The Fifty Year Sword
  • Übersetzer: Christa Schuenke
  • Verlag: Tropen/Klett-Cotta
  • Erschienen: 23.09.2013
  • Einband:
    Gebunden mit Schutzumschlag
    Zehnfarbig
    Fadenheftung
  • Seiten: 288
  • ISBN: 978-3-60850-126-1
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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