Das war 2013 – Eva Bergschneider

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eva-neuMein literarisches Jahr 2013 war vom Phantastik-Genre geprägt, was sich mit dem Wechsel der Rezensions-Spielwiese, von der Phantastik-Couch zu den booknerds, in 2014 vielleicht ändern wird. Schaut man auf die Phantastik-Bücher des Jahres 2013 zurück, so gibt es schlechte und gute Nachrichten zu vermelden. Die schlechte Nachricht lautet, wirklich neue Ideen haben sich nicht entwickelt. Vielmehr haben sich bereits bestehende Trends wie Young Adult Dystopia etabliert und die klassische High Fantasy profitiert weiterhin von den „Hobbit“-Verfilmungen, dagegen konnte sich die so faszinierende Spielart des Steampunk leider nicht durchsetzen. Hier bleibt den Fans dieses Genres nur, sich bei spezialisierten Phantastik-Verlagen umzuschauen, die Publikumsverlage veröffentlichen aufgrund mangelnden Absatzes kaum noch Steampunk-Romane. Schade!

Die gute Nachricht lautet, 2013 haben zwar die meisten Phantastik-Autoren ihre Werke innerhalb der etablierten Genres angesiedelt, einige haben dennoch – oder gerade deswegen – für Überraschungen sorgen können. Ich bin kein Fan von Ranglisten und werde hier darauf verzichten. Vielmehr möchte ich Bücher vorstellen, die mich in der einen oder anderen Weise im Jahr 2013 überrascht haben.

eva-Licht hinter den WolkenDass sich ein Autor wie Oliver Plaschka, nach Ausflügen zum „Steampunk“ („Der Kristallpalast“) und in phantastische Gefilde, die man lieber nicht in Unterkategorien einordnen sollte („Fairwater“, „Die Magier von Montparnasse“), nun der klassischen High-Fantasy zugewandt hat, kam an sich schon etwas unerwartet. Der Roman „Das Licht hinter den Wolken“ sei eine Bestätigung des Vorurteils, dass Fantasyautoren ihre Ideen aus dem Rollenspiel beziehen, verkündet der Autor in der Danksagung. Und tatsächlich finden wir viel vom „Üblichen“ im Setting des Romans, einen Zauberer, magische Schwerter, Gestaltwandler und andere menschenähnliche Wesen, eine Queste. Überraschend war, wie weit entfernt vom ‚tolkienesken‘ Schema man derartige Fantasy trotzdem gestalten kann. Ein ambivalentes Spiel mit den Klischees Gut und Böse, Gewalttaten ohne Schlachtenlärm, Mystik ohne jegliche Verklärung, das alles in eigenwillig schöner Sprache und, trotz der knapp siebenhundert Seiten fast schon zu kurz geraten.

Für die Verleihung des SERAPH-Preises auf der Leipziger Buchmesse hatte ich das Vergnügen, als Jurorin zu fungieren, ich nahm mir die für das „Beste Debüt“ ausersehenen Werke vor. Erstaunlicherweise war mein Favorit zunächst der einzige Science-Fiction Roman in der „Long-List“, keines der vielen Fantasy-Bücher; „Alle Zeit der Welt“ von Pia Biundo, eingereicht vom kleinen aber feinen Verlag Saphir im Stahl. Besprochen habe ich den Roman unter einem Pseudonym, weil vorab nicht bekannt werden sollte, wie die Juroren die Bücher bewerten. Und war positiv überrascht, einen fast altmodisch konstruierten Zukunftsroman zu lesen, in dem es allerdings weniger um das Bild einer möglichen Zukunft geht, sondern der eine tiefsinnige Geschichte über das Menschsein erzählt.

eva-alle-zeit-der-welt-Ein wunderschönes utopisches Zukunftsmärchen, das leider nicht auf die „Short List“ also in die Endrunde der SERAPH Verleihung kam. Dafür aber Mechthild Gläsers Auftakt ihrer „Eisenheim“-Reihe, „Stadt aus Trug und Schatten“, eine ideenreiche Story um ein siebzehn jähriges Mädchen, das bizarre Abenteuer in einer parallelen Traumwelt im Steampunk- Stil erlebt. Die Nachwuchsautorin gewann den „Debüt“-Preis, gemeinsam mit Jan Oldenburg, der für „Fantastik AG“ ausgezeichnet wurde. Der finale zweite Teil „Nacht aus Rauch und Nebel“ (Surprise – keine Trilogie, weniger ist manchmal mehr) erschien im Sommer 2013.

Young adult Dystopia war das beherrschende Thema der Jugendbuch-Phantastik, befeuert sicherlich auch durch den Kinofilm „The Hunger Games“ nach der Romanvorlage von Suzanne Collins‘ „Die Tribute von Panem“, dessen im Herbst gezeigter zweiter Teil „Catching Fire“ sogar noch positivere Kritiken bekam als der erste Teil.

eva-Stadt aus Trug und SchattenNachdem der Autor Dan Wells einige Horror-Thriller veröffentlicht hatte, wagte auch er sich an das Thema Dystopie heran und zeichnete in „Aufbruch“ eine apokalyptische Zukunftsversion, in der die menschengleich designten Roboter „Partials“ und ein Virus unsere Zivilisation zerstörten. Eine Gruppe Überlebender, die sich nicht fortpflanzen kann, versucht der Menschheit eine Zukunft zu sichern. Nicht unbedingt überraschend, weil eben das auch seine bisherigen Bücher auszeichnet, aber dennoch faszinierend ist, wie wertfrei und vielschichtig Dan Wells seine Figuren auf jeder Seite darstellt. Aus ihrer Sicht handeln auch die vermeintlichen Monster nachvollziehbar, was nicht nur zu spannenden Wendungen, sondern auch zu ungewöhnlichen Einsichten führt.

eva-Nacht aus Rauch und NebelUnd wenn man sich als Rezensent mit dem Thema Moderne Dystopien beschäftigt, darf auch ein Blick auf die „Klassiker“ des Genres nicht fehlen. Nach Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und George Orwells „1984“ ist hier „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess zu nennen, zu dessen Lektüre mich auch die „Krach der Republik“-Tour der „Toten Hosen“ mit dem Song „Hier kommt Alex“ inspirierte. Zudem bot Klett-Cotta das Werk in neuer Übersetzung von Ulrich Blumenbach an. Sperrig und verstörend lesen sich die aus dem Russischen übernommenen Slang-Begriffe und die zelebrierte Gewalttätigkeit. Wenn im zweiten Teil die staatlich verordnete Umerziehung des Gewalttäters Alex geschildert wird, glaubte man schon fast, sich an die „Horrorshow“ gewöhnt zu haben – und steht vor einem moralischen Dilemma. Darf der Preis für die Ordnung in der Gesellschaft tatsächlich deren individuelle Freiheit sein? Eine Frage, die sich anhand des im Jahr 2013 aufgedeckten Skandals um eine staatlich verordnete globale Überwachung mit erschreckender Aktualität stellt.

eva-AufbruchEine weitere Überraschung – im negativen Sinne – erlebte ich in meiner rezensionsfreien Zeit im Sommer 2013. Einst (Mai 2010) hatte ich den Serienauftakt zu „Vampire Earth – Tag der Finsternis“ von E. E. Knight besprochen und beschloss nun, diese Serie zu Ende zu lesen. Anders als der Serientitel vermuten lässt, handelt es sich hier um Science-Fiction Literatur, einer Apokalypse im Stil von „Krieg der Welten“ von H.G. Wells. Die „Vampire“ sind Aliens, genannt die „Kur“, die sich von menschlicher Lebensenergie ernähren und eine Schreckensherrschaft auf der Erde errichten. Diese etablieren sie nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch und nutzen für deren Infrastruktur Teile der Bevölkerung als Kollaborateure (die eine begrenzte Garantie erhalten, nicht ausgesaugt zu werden), sowie andere bereits eroberte Aliens, zum Beispiel die „Grogs“. Es formiert sich Widerstand, und ausgesuchte Menschen erhalten von den „Weltenwebern“, einer Alienrasse, die ebenfalls gegen die „Kur“ kämpft, übernatürliche Fähigkeiten (eine der wenigen Fantasy-Komponenten der Reihe), so auch der designierte Held David Valentine, der zum „Wolf“ ausgebildet wird. Kurz und gut, die Serie überzeugte vor allem mit Spannung, einer Fülle von gruseligen Ideen und vielschichtigen Charakteren. Klar, etwas Heldenklischee und Westernromantik durfte nicht fehlen, diese hielt sich aber in erträglichen Grenzen, zumal es der Autor schaffte, plakative Schwarz-Weiß Malerei zu vermeiden.

eva-Vampire Earth_500Die Frage, die sich mir und anderen „Vampire Earth“ Fans stellte, war, warum der Heyne-Verlag nur sechs von insgesamt neun Bänden der Serie übersetzt und auf Deutsch veröffentlicht hatte. Wollte man das Ende der Saga erleben, würde man also auf die amerikanischen Originale zurückgreifen müssen. Ärgerlich. Doch obwohl ich zunächst fest entschlossen war, alle Bände zu lesen, habe ich nach dem sechsten Band aufgehört. Denn leider, leider sank die Qualität, die bereits im fünften Band stark nachließ, im sechsten Band auf unterdurchschnittliches Niveau. In der Handlung passte immer weniger zusammen, und es blieb nur noch ein klischeehaftes Bild des nun gebrochenen Helden. Wirklich schade, wenn von einer so viel versprechende SF-Reihe so wenig Story und erzählerische Qualität übrig bleibt, „Vampire Earth“ entpuppte sich als meine literarische Enttäuschung des Jahres 2013.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein Jahr 2014 voller positiver Überraschungen!

Cover © Klett-Cotta Verlag, Saphir im Stahl Verlag, Loewe Verlag, ivi Verlag, Heyne Verlag (von oben nach unten)


Über den Autor

Eva Bergschneider


Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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4 Kommentare

  1. Avatar

    Achje, ich habe mir Teil 1 „Vampire Earth“ gerade zum nächsten lesen zurechtgestellt. Dann greife ich wohl lieber zu „Aufbruch“. Persönlich hoffe ich ja, dass die öffentlichen Phantastikfreunde wieder etwas weniger zu Jugendbüchern greifen, aber ich denke, das wird zumindest 2014 nicht passieren. Leider ist der Markt an sich, außer YA, gefühlt geschrumpft.
    Jordans letzte beiden Bände habe ich zuhause, aber noch nicht gelesen. Der Re-Read einer so buchstarken Reihe dauert dann doch länger als ich dachte.

  2. Avatar

    Liebe Eva, danke für diesen fundierten Überblick. Es ist ja mittlerweile schwierig geworden, Insider der weltweiten Fantasyszene zu treffen. Drei dieser Bücher werde ich kaufen. Ich habe 2013 ein wenig Moderne gelesen und die beiden letzten Bände von Robert Jordans „Rad der Zeit“. Es bleibt zu hoffen, dass Brandon Sanderson mit seinen eigenen Romanen auch unvergessliche Leseerlebnisse schafft. Das Format und das Talent hat er. Ich wünsche uns allen wunderbare, aufregende, aufrüttelnde und zu Herzen gehende neue Bücher. With compliments Amandara

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Das war 2013 – Eva Bergschneider

von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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