Nora Luttmer – Tiefergrund (Buch)

Holt die Vergangenheit die Gegenwart ein?

Tiefergrund
© Rowohlt

November 1986. Anna, Helen und Daniel steigen in eine leerstehende Lagerhalle ein, wo sie von zwei Männern überrascht werden. Helen kann fliehen, die anderen beiden werden in einem Regenauslass gefangen gehalten. Dann wird auch Daniel überraschend freigelassen, um ein Lösegeld für Anna klarzumachen, doch bei der Übergabe wird ein Entführer erschossen, der andere kann fliehen. Die fieberhafte Suche nach Anna scheitert, denn sie stirbt qualvoll nachdem das Hochwasser einsetzte.

November 2019. Ende des Vorjahres wurde bei Bette Hansen eine Narkolepsie diagnostiziert die dazu führt, dass sie regelmäßig und nicht selten überraschend einschläft. Daher musste sie ihren Job als Kommissarin bei der Hamburger Mordkommission aufgeben und zog in ihr Elternhaus im beschaulichen Ochsenwerder vor den Toren der Stadt zurück. Hier liegt jener Uferabschnitt der Elbe, der Tiefergrund genannt wird. Dort fand damals das Verbrechen statt. Bette war als Neuling bei der Polizei selbst an der Suche beteiligt, war zudem mit Anna, Helen und Daniel befreundet. Aufgrund der Geschehnisse zerbrach die Freundschaft, man verlor sich aus den Augen.

Ich trau mich gar nicht mehr zu ihm, nach all der Zeit.“
„Wenn du mehr über die Entführung wissen willst, musst du wohl oder übel mit ihm reden. Meinst du nicht?“
„Ich will keine alten Wunden aufreißen.“
„Manchmal ist das gar nicht das Schlechteste. Vor allem, wenn die Wunden nicht richtig verheilt sind. Dann kann der Eiter abfließen.

Nun wendet sich Helen an Bette, da ihre neunzehnjährige Tochter Jasmin verschwunden ist. Zuletzt wurde sie am späten Sonntagabend von ihrem Cousin Tarek gesehen. Wenig später wird Yasmins Leiche gefunden und Tarek sowie Yasmins Vater Amar geraten in Verdacht von Kommissar Mark Thorben, Bettes Nachfolger. Ein Ehrenmord, da sie nicht akzeptieren konnten, dass Yasmin mit Lara, der siebzehnjährigen Tochter der Werftinhabers Eike Paulsen, liiert war? Zudem wollten beide am Montagmorgen heimlich nach Amsterdam und damit ihren jeweils erdrückenden Familienverhältnissen entfliehen. Doch weder von ihrem Verhältnis noch über ihre geplante Flucht wusste jemand Bescheid.

Bette erkennt Parallelen zum damaligen Fall, denn Yasmins Fahrrad wurde am Tiefergrund gefunden. Zu ihrer großen Überraschung bittet sie Thorben, sich die alten Unterlagen noch einmal anzusehen. Sie muss sich dem alten Fall erneut stellen, was ein Wiedersehen mit Daniel, der auf der Paulsen-Werft arbeitet und Yasmin kannte, erfordert. Derweil macht sich dessen Frau Yvonne darüber Gedanken, warum ihr Mann in der Nacht von Sonntag auf Montag mit blutverschmierter Kleidung und einer starken Verletzung an der Hand nach Hause kam, zumal er sich bei seiner Erklärung in Widersprüche verstrickt.

Zweiter Fall für Bette Hansen

Bette Hansen, die erst im Sommer ihren ersten Fall („Hinterland“) als Ex-Ermittlerin souverän aufklärte, gerät einmal mehr eher zufällig in einen Mordfall. Gab es beim Debüt noch gewisse Streitigkeiten zwischen ihr und ihrem wenig empathischen, dafür aber eher trotteligen Nachfolger, so herrscht hier schon fast so etwas wie Harmonie. Aber eben nur fast, denn spätestens als Thorben den denkbar einfachsten Weg wählt, schließlich sind Vater und Cousin der Ermordeten für ihn keine Syrer, sondern nur „Araber“, ist Bettes Einsatz mehr denn je gefragt. An ihrer Seite ist der junge Tyler sehr aktiv, der im Vorgänger lediglich die Rolle des Chauffeurs übernahm. Nachdem er bei seinem Vater rausflog, ist er vorrübergehend bei Bette eingezogen.

Der Plot ist gut konstruiert und wenngleich das Personaltableau überschaubar ist, gibt es doch reichlich Spannung. Die Geschehnisse von damals, die daraus entstandenen Entwicklungen für alle Beteiligten und die aktuellen Geschehnisse ergeben eine interessante Mischung, zumal sich gleich mehrere Personen durch ihr Verhalten verdächtig machen. Allen voran Daniel, der nicht erzählen will (oder kann), woher seine Verletzung stammt; Laras reaktionärer Vater, der Tarek „verdächtigt“ und diesem zu Unrecht vorwirft, er habe sich wiederholt auf der Werft herumgetrieben und nicht zuletzt Tarek, der nicht von Beginn an mit offenen Karten spielt. Außerdem gilt es die zeitlichen Abläufe zu beachten, auch da passt einiges nicht zusammen.

Bette, Anfang fünfzig, ist eine bemerkenswerte Ermittlerin. Empathisch, intelligent, ehrgeizig, aber natürlich macht sie besonders ihre Narkolepsie interessant. Eine eher unbekannte Krankheit, die die Autorin Nora Luttmer gekonnt in einigen Szenen einsetzt. Apropos gekonnt: Neben des insgesamt treibenden Schreibstils gelingen wieder zahlreiche, wunderbare Cliffhanger. „Tiefergrund“ ist ein Pageturner, wenngleich hier die psychologischen Aspekte beziehungsweise das daraus resultierende Verhalten mehrerer Personen die Handlung prägen. Es geht in den Ermittlungen nur schrittweise voran, mitunter nimmt die wasserreiche Landschaft an der Dove-Elbe reichlich Platz in Anspruch und der Leser wird gekonnt in die Irre geführt. In den einzelnen Kapiteln werden immer unterschiedliche Personen, abwechselnd mit Bette, in den Vordergrund geschoben. Langsam und schleichend wird erkennbar, dass hier die Geschehnisse aus dem Ruder laufen könnten. Und tatsächlich, das furiose Finale ist ein Kracher. Kein Wunder, dass sich Bette und Tyler am Ende der Geschichte erstmal erholen müssen und dazu – wie sollte es bei Nora Luttmer anders sein – ein vietnamesisches Bistro aufsuchen, um dort Lau Thap Cam zu genießen. Lebt eigentlich Kommissar Ly noch?

  • Autorin: Nora Luttmer
  • Titel: Tiefergrund
  • Verlag: Rowohlt
  • Umfang: 416 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: März 2022
  • ISBN: 978-3-499-00711-8
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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