Jonathan Green – Unnatural History, Reihe: Pax Britannia (Buch)

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Jonathan Green - Unnatural History, Reihe: Pax Britannia (Buch)Das ist nicht schlecht. Das muss so.

Dieses Buch ist wirklich nichts für Feinschmecker. Wer Jonathan Greens ersten Teil der von ihm co-kreierten „Pax Britannia“-Steampunkreihe liest, ohne ein Mal lauthals loszulachen, weil das Ding erstklassiger ‚Pulp‘ ist, ohne ein Mal schamverkrampft Luft durch die Zähne zu ziehen, weil manche Stellen richtig schlecht sind und ohne ein Mal das Buch in die Ecke gedonnert zu haben, weil der Weltentwurf ober-affen-geil, die Ausführung aber jede Schmerzgrenze in bester Groschenroman-Manier übertritt, der ist Analphabet oder Hardcore-Phantast mit dem eindimensionalen Geschmacksvermögen eines Koalas.

2007 eröffnete Jonathan Green die Reihe „Pax Britannia“ mit dem Titel „Unnatural History“ in Zusammenarbeit mit dem UK-Verlag Abaddon Books, der sich auf ’shared world‘-Bücher spezialisiert hat. Für Suhrkamp-Fans und Diogenes-Abonnenten sei das kurz erklärt: Der Verlag denkt sich alleine oder in Zusammenarbeit mit einigen Autoren das narrative Konzept für eine Fantasy- und/oder Science Fiction-Welt aus und fragt dann bei Autoren an, ob sie nicht (Serien-)Romane schreiben wollen, die in dieser Welt spielen. Das soll nicht nur an die guten alten Groschenheftchen aus dem Supermarkt, die ‚Pulp Magazines‘ bzw. ‚Pulp Fiction‘ erinnern, das soll auch genauso funktioniern: Hauptsache die Story ist bepackt mit testosterongeblasenen Genremuskeln (egal welcher Sorte), der Rest ist nicht so wichtig. Bekannte, aber gemäßigte Beispiele solcher Schreibprojekte sind die Comic-Universen von Marvel und DC oder die Black Library-Romane zum Tabletop „Warhammer 40.000“.

Nun denn! Hinein ins pulpige Vergnügen: „Pax Britannia“ (und damit auch „Unnatural History“) spielt in einer alternativen Zeitlinie gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Großbritannien hat sich inklusive aller Merkmale der viktorianischen Epoche dank der immer noch lebenden Queen Victoria zu einem Weltreich entwickelt. Mechanik und Elektronik besitzen ein etwas anderers Mischverhältnis als bei uns, sodass der Leser eine hauptsächlich mechanische Welt mit einem weltumspannenden Schienenverkehr, mit Polizeirobotern, aber auch mit Kommunikationsapparaten, ‚Differenzmaschinen‘, Automobilen, Pferdekutschen und Bildschirmen vorfindet. High-Tech im Stil der Industrialisierung, Steampunk also, und das wird bei der weiteren Lektüre wirklich Spaß machen! Ebenso lockt die düstere Atmosphäre.

Dinosaurier verwüsten an einem nebeligen Tag Londons Straßen, während Terroranschläge, eine Regierungsverschwörung und ein verschwundener Evolutionsbiologe den Helden der Geschichte, Ulysses Lucian Quicksilver, beschäftigt halten. Der reiche Abenteurer und Geheimagent im Dienste ihrer Majestät ist genauso comic-esk überzeichnet wie alle anderen Charaktere in dem Roman. Mit der Persönlichkeitsstruktur einer Nebenfigur fightet sich Ulysses, markig-ulkige Einzeiler von sich gebend, durch dieses Abenteuer, liebäugelt mit Frauen in roten Kleidern und hohen Schnürstiefeln, die Geneviève heißen oder scherzt mit seinem ewig butlerhaften Butler Nimrod.

Wenn der Kopf des Lesers durch jahrelangen, exzessiven Phantastik-, Comic-, Film- und Videospielkonsum zu so einer Bildersprache in der Lage ist und diese überzeichneten Welten mag, belohnt die Lektüre das mit wahrhaft filmischen Lesesequenzen, die den eigentlichen Leseanreiz bieten. Das Buch ansich ist, was es ist – ein mit der heißen Nadeln gestricktes Schreibprojekt, dessen Erzählstil nicht selten an ein Rohmanuskript erinnert. Wiederholungen, Swifties und allzu Offensichtliches wird seitenweise als Füllmaterial herhalten müssen. Mit absoluter Sicherheit dient das einerseits dazu, den  Trash-Charme dieses Romans zu befeuern. Das ist nicht schlecht. Das muss so. Andererseits hätten hundert Seiten weniger der Story das richtige Mischverhältnis aus Pulp und Lesevergnügen geliefert.

Cover © Luzifer-Verlag

  • Autor: Jonathan Green
  • Titel: Unnatural History
  • Teil/Band der Reihe: Pax Britannia, 1. Teil
  • Übersetzer: Rona Walter
  • Verlag: Luzifer-Verlag
  • Erschienen: 10/2013
  • Einband: Broschur, Softcover
  • Seiten: 369
  • ISBN: 978-3-943408-19-5
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit

Wertung: 9/15 dpt


Über den Autor

Christian Bischopink


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»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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Jonathan Green – Unnatural History, Reihe:…

von Christian Bischopink Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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