Sophie Seeberg – Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey! (Buch)

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Sophie Seeberg - Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey! (Cover © Knaur)Die Diplom-Psychologin Sophie Seeberg ist seit rund zwei Jahrzehnten als Sachverständige für diverse Familiengerichte tätig. Meist in Kooperation mit dem Jugendamt, wird sie beauftragt, Gutachten für das Gericht zu erstellen, um in den verschiedensten Fällen zu erforschen, ob es dem Wohl des Kindes oder der Kinder zuträglich ist, wenn sie bei ihren Eltern oder Elternteilen bleiben – oder bei ihren Pflegefamilien wirklich gut aufgehoben sind.

Ähnlich wie bei Philipp Möllers „Isch geh Schulhof“ steht das Comedy verheißende Cover in teilweise deutlichem Widerspruch zum Inhalt, denn wer in Sophie Seebergs Sammelsurium der Erfahrungen ihrer beruflichen Laufbahn eine voyeuristische Freakshow der sozialen Randgruppen erwartet, auf deren Kosten sich der Leser amüsieren soll, wird überrascht sein. Die Schauplätze, in die Seeberg gerät, bergen zuweilen zwar wahrhaftig einiges an Dokusoap-Flair in sich, da man  hier oder dort durchaus glauben könnte, man habe im literarischen Sinne versehentlich  ins schlechteste Nachmittags- oder Vorabendprogramm eines Privatsenders gezappt. Doch traurigerweise existieren solcherlei tragikomische Szenarien (teilweise auch ohne das Komische, dann aber zumindest Grauen erregend) auch in der Realität – hier genügt bereits ein waches Auge, und es ergeben sich genügend Situationen, in denen man innerlich die Hände über den Kopf zusammen schlägt.

Sicherlich hat Seeberg aus diesen rund zwei Dekaden die  – zugunsten der Wahrung der Privatsphäre mit fiktionalisiertenen Charakteren versehenen – Extremfälle herausgefischt, und hier und dort wäre es gar nicht mal auszuschließen, dass die Autorin ihre Erlebnisse zusätzlich etwas ausgeschmückt hat, doch letztendlich wirkt das Ganze durch die sehr bildhaften Schilderungen beinahe plastisch-realistisch – das ist möglicherweise nicht im Sinne derer, die ein berichtendes Sachbuch erwarten, dem empathisch veranlagten Leser, der sich zwischen den Buchdeckeln jedoch einfach lesbare Kost wünscht, kommt der Schreibstil allerdings doch sehr entgegen.

Seeberg schreibt sehr emotional, sehr reflektierend, ist jedoch um den ein oder anderen zynischen oder gar sarkastischen Kommentar nicht verlegen. So wird dem Leser ziemlich angenehm vermittelt, dass nicht nur Kinder, Eltern und Pflegeeltern Menschen sind, sondern auch diejenigen, die zwischen den Parteien und Familienteilen vermitteln – in diesem Fall die Autorin und Psychologin selbst. Hierbei driftet der 256-Seiter allerdings nie in eine denunzierende, verlächerlichende oder zur Schau stellende Richtung ab.

Es ist nicht abzustreiten, dass so manch Geschildertes auf bittere Art und Weise amüsant ist. So zum Beispiel „Die Insektensammlerin“, eine Geschichte über ein Mädchen, das von seiner Lehrerin für geistig gestört gehalten wurde, weil sie sich für Schwerter und Mittelalter interessierte und bei einem Schulausflug Käfer gesammelt hat – und sich letztendlich herausgestellt hat, dass das Mädchen gänzlich bei Sinnen war und lediglich nicht dem Pferd-Barbie-Rosa-Klischee entsprach, sondern schlichtweg anders als ihre gleichaltrigen Geschlechtsgenossinnen war.

Mit einem weinenden und lachenden Auge verfolgt man in „Der Mischael, der kann das alleine“, die Geschichte von „Mischael“ und seiner dominanten Mutter, in der sich eine komplett andere Konstellation als erwartet ergibt. Ebenso muss man gleichermaßen schmunzeln und leiden, wenn man in „Der Müll ist fort!“ den aufgeräumtesten Messi-Haushalt der Welt präsentiert bekommt, in „Fühl dich doch selber!“ einen völlig überforderten Vater vorfindet, dem die Kinder gnadenlos auf der Nase herumtanzen, beiwohnt oder in „Mann mit Spinne“ einen wahrhaftig schrägen Zeitgenossen erleben darf, dessen Motive sich erst offenbaren, als Seeberg das im Buch dokumentierte Gespräch mit ihm führte. Auch sehr schräg: „Gib Kuss!“, die Story des kleinen Boris, der im Gegensatz zu seinen zwei Brüdern nicht bei deren Pflegeeltern aufwächst, sondern bei seinen leiblichen russischen Eltern, die so gar nichts mit dem Jungen anfangen können, weder sozial noch sprachlich. An wahrer Bizarrerie hingegen grenzt „Und täglich grüßt der Weihnachtsmann“, ein Fall, in welchem ein Mädchen tagtäglich Weihnachten erlebt. Mit allem, was dazugehört.

Allerdings ereigneten sich in der beruflichen Laufbahn der Psychologin auch zahlreiche rührende und erschütternde Fälle, so beispielsweise der der kleinen Nadja, die in einer völlig verwahrlosten Obdachlosenunterkunft mit Seeberg nach deren Besuch „mitkommen“ möchte  („Das is normal!“) oder „Keine Chance“, in der eine übereifrige Jugendamtmitarbeiterin zwei sehr jungen, unerfahrenen, aber liebevollen Eltern ihr Kind entreißt, um es anderen Pflegeeltern zu übergeben, die ein Kind adoptieren wollten und die Welt gleich mehrerer Personen immens ins Wanken gerät, da hier jeder gewissermaßen zum Opfer wurde. Besonders schaurig ist auch der Fall, in der ein aalglatter Vater Machtkämpfe ausübt und Sophie Seeberg völlige Ahnungslosigkeit unterstellt und in seinem Handeln so weit geht, dass die Psychologin um ihr eigenes Wohl und das ihrer Kinder bangen muss.

In ihren Erzählungen schimmert nicht selten Kritik am doch eingefahrenen und bürokratisierten System, speziell in ihrem beruflichen Umfeld, hindurch, ebenso oftmals harsche Kritik am mangelnden Einfühlungsvermögen so mancher Kollegen, denn auch diese sind durchaus dazu in der Lage, das Leben eines Kindes  für die Zukunft zu verbauen oder gar zu zerstören.

Einereits ist die Art und Weise der Gestaltung in Form des comichaften Covers und des doch sehr comedylastigen Titels ein cleverer Schachzug, weil das Buch hierdurch klar aus der Masse heraussticht, andererseits sollte dem potentiellen Käufer mit auf den Weg gegeben werden, dass der Inhalt nicht aus dem Zeigen auf andere mit dem nackten Finger besteht, sondern zwei wichtige Punkte Basis sind: Gerechtigkeit und ein möglichst gutes Leben für die in den Fällen beschriebenen Kinder.

Cover © Knaur Verlag

  • Autor: Sophie Seeberg
  • Titel:
    Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey!
    Aus dem Leben einer Familienpsychologin
  • Verlag: Knaur
  • Erschienen: 2. 12. 2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3-426-78603-1
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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