John le Carré – Empfindliche Wahrheit (Buch)

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John le Carré - Empfindliche Wahrheit © Ullstein VerlagAgenten- und Spionage-Romane haben es derzeit nicht leicht. Die bislang bekannt gewordenen Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden übertreffen bei Lichte betrachtet alle bislang entworfenen literarischen Vorstellungen von der Spionage- und Geheimdienstbranche. Doch den Kampf mit der scheinbaren Realität nimmt der britische Schriftsteller John le Carré, einer der herausragenden Autoren, wenn es um Spionage-Literatur geht, auf sich und veröffentlicht unter dem Titel „Empfindliche Wahrheit“ einen Roman, der vor allem durch seine Leerstellen und seine Psychologie überzeugen kann.
In den Verlagsankündigungen, in den Buchhandlungen und in den Rezensionen zu diesem Titel finden sich immer wieder Hinweise, dies sei der Roman zur Snowden-Affäre – doch sei dahingestellt, ob es – inhaltlich – wirklich klug und hilfreich ist, hier eine marktschreierische Analogie zu ziehen. Tatsächlich aber ist dieser Roman eine Hommage und ein Hohelied auf den Typus des aufrechten Whistleblowers, der in diesem Fall auf den Namen Toby Bell hört. Bell ist ein junger, aufstrebender Diplomat, der als Sekretär des umstrittenen Staatsministers Fergus Quinn mittels eines eingeschmuggelten Aufnahmegeräts Kenntnis von einer brisanten Geheimdienstmission und Quinns fragwürdige Kontakte zu einer amerikanischen Söldnerfirma erlangt: Gemeinsam mit dieser Firma hat Quinn am britischen Geheimdienst und der britischen Regierung vorbei Aktionen gegen vermeintliche Terroristen durchgeführt. Dabei ist es immer wieder zu Pannen mit Todesfällen unbeteiligter Menschen gekommen. Toby Bell, der erst nur von einem kleineren Vergehen seines Vorgesetzten ausgegangen ist, wird von diesen Enthüllungen überrollt. Er beginnt zu recherchieren und stößt dabei auf einen Vorfall auf Gibraltar, wo im Rahmen einer solchen geheimen Mission eine Muslima und ihr Kind zu Tode gekommen sind. Diese geheime militärische Aktion liefert den spannungsgeladenen Einstieg in den Roman und führt mit Christopher Probyn einen in die Jahre gekommenen Geheimdienstagenten ein, der während dieser Aktion zwar zugegen aber nie so wirklich involviert war.

Erst als ihn Jahre später der ebenfalls beteiligte Soldat Jeb aufsucht, kann er das komplette Ausmaß dieser Mission samt ihrer Todesopfer umreißen. Gemeinsam mit Toby Bell verfassen sie zahlreiche Memoranden und ein Dossier für die britische Regierung. Doch so wünschenswert der aufrechte Gang moralisch sein mag, so führt dieser auch in le Carrés aktuellem Roman nicht zum gewünschten Erfolg und wird von Militär und Geheimdienst gar als Hochverrat missverstanden.
All diese Entwicklungen, die noch zahlreiche Nebenstränge entwickeln und eine beträchtliche Anzahl an Protagonisten einführen, folgen dabei dem von le Carré routiniert beherrschten Erzählmuster. Das ist wenig überraschend und eigentlich für den geübten und le Carré-erfahrenen Leser sehr schnell vorhersehbar. Aber – und dieses „aber“ gehört wirklich großgeschrieben – es ist wie immer le Carrés Fähigkeit, seine Hauptfiguren derart plastisch und mehrdimensional anzulegen, dass ein Hauptteil der Spannung aus den Beziehungsgeflechten und der feinen Psychologie der Handelnden entsteht. Und an dieser erzählerischen Front kann er auch mit diesem Buch auf ganzer Linie punkten und einiges von der vergleichsweise platten Handlung  wettmachen – zumal er auf dieser Ebene Fragen aufwirft und nicht einfach nur Antworten gibt.

Warum wird jemand zum Whistleblower? Eine Antwort darauf vermag le Carré nicht zu geben. Toby Bell eignet sich wirklich nicht als Heilsbringer, der sich allein der Wahrheit und nur der Wahrheit verpflichtet fühlt. Christopher, oder wie ihn seine Freunde nennen dürfen: Kit Probyn, ist nicht nur der nette liebe Onkel, der mit seinen Geschichten aus seinen Geheimdienstjahren reüssiert. Und auch Fergus Quinn ist nicht einfach nur der böse, allein eigennützig handelnde Machtmensch, der en passé über Leichen geht. Ganz so einfach macht es le Carré seinen Lesern nicht.

Platte Handlung, aber virtuose Psychologie also – so würde das Zwischenfazit bis hierin lauten. Zu wenig, um wirklich zu überzeugen, zumal dem Ende auch noch die obligate Liebesgeschichte aufgepfropft wird. Doch gebührt der Blick des Lesers auch auf all die Leerstellen, die ungeschriebenen und nur leicht angedeuteten Protagonisten und Handlungsebenen im Hintergrund. Im Gegensatz zu all den Enthüllungen, die öffentlich kursieren, ist es erschreckend, welche Rolle die Presse und die Öffentlichkeit in diesem Roman spielen. Ganz zu schweigen von der Kälte und Rigorosität des Verhaltens auf Seiten der Regierung. Die Kälte, das Desinteresse, das hier dem Leser beispielhaft vor Augen geführt wird, ist eines der beeindruckendsten Lehrstücke in Sachen „Wegschauen“, „Desinteresse“ und „absichtliche Verleumdung“. Im vergangenen Spätsommer wurden die Räume und einige Laptops und Server der britischen Tageszeitung „The Guardian“ beschlagnahmt und zerstört. Warum? Weil der Guardian aus den Papieren Edward Snowdens zitiert. Diese tölpelhafte und demokratisch dumme Reaktion des britischen Premierministers übertrifft John le Carré mit der eleganten Darstellung eisigen Schweigens. Tatsächlich konnte Cameron diese Aktion schweigend aussitzen. Und wer damals in England war, wird sicherlich „beeindruckt“ gewesen sein … von dem kollektiven Desinteresse der Bevölkerung an diesem Zensur-Akt.  Es ist dieses Schweigen, egal, ob von Presse- Politiker- oder Bevölkerungsseite, die weitaus größere gesellschaftspolitische Gefahr, die der Terrorismus in sich birgt. Nicht zuletzt mag dies die „delicate truth“, wie der Roman im Original heißt, sein. Und diese „Wahrheit“ ebenso elegant wie old-fashioned literarisch zu ummanteln, das ist ein wirklich großes Verdienst John le Carrés, dem man vor diesem Hintergrund das offensichtige und arg vorhersehbare Plotting verzeiht.

 Cover © Ullstein Verlag

  • Autor: John le Carré
  • Titel: Empfindliche Wahrheit
  • Originaltitel: A delicate truth
  • Übersetzer: Sabine Roth
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 2013
  • Einband: gebunden
  • Seiten: 400
  • ISBN: 978-3-550-08036-4
  • Sonstige Informationen:
    Offizielle Website des Autors

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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John le Carré – Empfindliche Wahrheit (Bu…

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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