Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt (Buch)

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Karen Köhler - Wir haben Raketen geangelt (Cover © Hanser)Da wird in der ersten Auflage dieser Erzählungssammlung die Story „Il Comandante“ weggelassen, weil diese Geschichte für den 2014er Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt als Lesung geplant war – die Seiten 12 – 33 sind in vorliegendem Leseexemplar jungfräulich weiß -, und dann setzt eine Windpockenerkrankung die Autorin außer Gefecht. Ärgerlich. Doch immerhin können sich jene, denen diese anrührende Kurzgeschichte fehlt, auf der Autorinnenseite die .pdf-Datei herunterladen (Link).

Jene eröffnende Geschichte ist dann auch eine der anrührendsten des 240-Seiters: Eine krebskranke Frau befindet sich in einem Krankenhaus, dem Tode geweiht. Doch dann begegnet sie dem ebenfalls todkranken alten Mann „Il Comandante“, der trotz seiner aussichtslosen Lage eine Lebensfreude und -energie an den Tag legt, die vielleicht auch die Lebensgeister der jungen Frau ein stückweit wiedererwecken könnte. In „Cowboy und Indianer“ wiederum begeben wir uns in die Wüste, wo wir auf eine beinahe verdurstende junge Dame treffen, die von einem modern lebenden Indianer aufgelesen wird. Zwischen den beiden entwickelt sich ein respektvolles und produktives Miteinander. Man kann sich aufeinander verlassen, einander vertrauen und die Hoffnung wiedergewinnen, wenn man nur will. Dazwischen zahlreiche Rückblenden auf das eigene Leben.

Stilistisch anders ist „Polarkreis“ – statt einer Erzählung bekommt man den Inhalt von insgesamt siebzehn aus Italien kommenden Postkarten einer Person namens „Polar“ an eine(n) nicht weiter beschriebene(n) Empfänger(in) – inwieweit nimmt das Von-zu-Hause-weg-Sein Einfluss auf die momentane Gefühlslage eines Menschen?

„Name. Tier. Beruf.“ erzählt die Momentaufnahme eines Wiedersehens. Eine Frau und ein Mann – ihre erste große Liebe – treffen nach fünfzehn Jahren wieder aufeinander. Sie, ihn in der zweiten Person ansprechend, springt zwischen Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Vergleicht den Ihn von damals mit dem Ihn von heute. Sie schildert, was die Zeit mit ihr angestellt hat, wie sie heute ist, warum sie heute so ist, wie sie ist. Stellt ihn vor das Jetzt. Die titelgebende Erzählung „Wir haben Raketen geangelt“ handelt ebenfalls von einer Mann-Frau-Geschichte, allerdings wieder völlig anders und in Fragmenten. Was sind sie beide? Freunde? Ein Paar? Oder befindet sich das Etwas irgendwo dazwischen? Der Leser darf hier spekulieren, denn er bekommt nur ein paar Erinnerungen und Gedanken vor die Füße geworfen.

Gnadenlos: die „Familienportraits“: Ein Miniaturpanoptikum des Aufgeschmissenseins in Form von sechs Individuen, die alle ihr eigenes Päckchen zu tragen haben. Die Menschen um sie herum: ohne Empathie und den geringsten Anflug von Verständnis, stattdessen mit maßloser Gleichgültigkeit. Wäre das Leben der Protagonisten eine Suchmaschine, würde sie ausspucken: »Es tut uns leid, kein Ergebnis für die Suchbegriffe „Besserung“ und „Hoffnung“ gefunden.«

Hilft da die Flucht? Ebenjene ist die Hauptfigur von „Starcode Red“ angetreten. Um vor ihrer Vergangenheit wegzulaufen, hat sie sich für die Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff entschieden, bei welcher sie überwiegend Statistenrollen in Bordmusicals verkörpert. Hierbei lernt sie die Passagiere ein wenig kennen, ebenso die Kollegen. Doch was bringt ihr persönlich dieses Leben auf einer auf dem Wasser schwimmenden Kleinstadt?

Als eine der heftigsten Geschichten ist dann das protokollähnliche „Wild ist scheu“, ebenfalls die Flucht als eines der Hauptthemen. Eine Malerin kann die Trennung von ihrem Freund nicht verkraften und bricht mit dem Nötigsten aus dem zivilisierten Leben aus. Ihr Domizil ist ein weit abgelegener Hochsitz. Dort draußen in der Wildnis begleitet man die Frau, die bewusst den Hungertod gewählt hat, bei ihrem langsamen Verschwinden aus dem Leben.

Als finale Story bekommt der Leser „Findling“ präsentiert – eine schriftliche Aufzeichnung der irgendwann mit siebzig Jahren im tiefen Winter verstorbenen Asja, die ihr Leben im trostlosen, mittellosen Sibirien gelebt hat. Der Tod als Selbstverständlichkeit, als Schlusspunkt nach einem Leben in Bescheidenheit, Armut und viel Nichts. Fatalismus in seiner entwaffnendsten Form.

Wenngleich hier und dort auch mal humorvolle Fünkchen hervorblitzen, meist auf sarkastisch-nüchterne Art, ist die Atmosphäre dieses Erzählbandes dunkel und traurig. Karen Köhler zeichnet ihre Figuren charakterstark, nahezu plastisch – die Figuren selbst leben, das drumherum ist fühlbar, spürbar, man riecht und schmeckt mit – in Verbindung mit der sehr klaren, ungeschönten Sprache wird eine Nähe geschaffen, die beinahe erschreckt. Obgleich alles fiktiv ist, wirkt es beängstigend echt, als seien diese Erzählungen Niederschriften und Abschriften wahrer Ereignisse.

Die Autorin lässt den Lesenden dabei in Abgründe blicken – konfrontiert ihn mit den hässlichen Grimassen, die das Leben ziehen kann: Verlust, Hoffnungslosigkeit, Tod, Resignation, Krankheit. Das Buch zu lesen schmerzt. Doch so sehr es zahlreiche negative Schwingungen in sich birgt, so spült die Direktheit und Wortwucht die eigenen Bedrückungen des individuellen Lebens für eine ganze Zeit weg. Beinahe kann man „Wir haben Raketen geangelt“ eine überraschend kathartische Wirkung attestieren – denn die Düsternis zwischen den Buchdeckeln macht einem erst das Licht bewusst, das das Leben und die Zukunft desselben in sich tragen können.

Bedenkt man, dass die 1974 in Hamburg geborene Karen Köhler mit vorliegender Veröffentlichung mehr oder minder debütiert – ganz ohne Schreiberfahrung (Prosa, Theaterstücke) ist sie nicht -, ist es doch erstaunlich, dass sie bereits aus dem Nichts und aus dem Stand derart beeindruckend mit der Tür ins literarische Haus fällt.

Das Cover ist – ganz gleich, ob nun so gewollt oder nicht – raffiniert gewählt worden, denn es macht auf gewisse Weise neugierig und spielt mit den Erwartungen des Betrachters. Die werden, was nun nicht negativ zu deuten ist, nicht erfüllt. Strahlt das Außenherum noch in kräftigen Blautönen, in weiß und in leuchtendem Rot, dringen aus den Buchseiten dunkelnebelschwarze Schwaden hervor, die den konzentrierten Blick geradeaus erzwingen, denn der ist, nun, da man als Beobachter auf sich alleine gestellt ist, dringend nötig.

Sucht man stromlinienförmige Literatur, womöglich noch mit Happy End oder mit einer klaren Handlung, wird man bei „Wir haben Raketen geangelt“ wohl kaum fündig, denn dieses Buch ist wie die Launen des Lebens: Es kann unschön sein, sein Verlauf manchmal unerklärlich, unvorhersehbar, und nicht immer wartet am Ende auch die Erfüllung auf den Menschen. Manchmal ist das Leben ein Schlacht- und Trümmerfeld, und Karen Köhler hat diesen Schrott des Lebens aufgesammelt und daraus virtuos Skulpturen erschaffen.

Cover © Hanser Literaturverlage

Wertung: 13/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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