Nils Mohl – Zeit für Astronauten (Buch)

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Nils Mohl - Zeit für Astronauten (Cover © rowohlt/rororo/rotfuchs)Man stelle sich die derzeit in verschiedenen Versionen durch das Netz geisternde John Travolta-GIF-Animation vor. Die Version für diese Rezension: Die drei lebensgroßen Bücher der „Liebe-Glaube-Hoffnung“-Trilogie des Hamburger Autors Nils Mohl verbleichen im Hintergrund, die Realität blendet ein, der Leser ist der sich verwirrt umschauende Travolta und wirkt in dieser Realität verloren. Untertitel: »Wie, was? Das soll es jetzt gewesen sein? Wo zur Hölle…« – so geht es dem Verfasser dieser Zeilen jedenfalls nach dem Zuklappen und Verarbeiten des vorliegenden Romans. Ende. Schluss. Finito. Denn mit „Zeit für Astronauten“ schließt Mohl die mit „Es war einmal Indianerland“ gestartete und mit „Stadtrandritter“ weitergeführte „Liebe-Glaube-Hoffnung-Trilogie ab. Wie eine Silvesterrakete, die ins Nirgendwo verschwindet. Zischen Knallen Glittern Leuchten. Und weg.

Wie kaum anders zu erwarten, spielt auch „Zeit für Astronauten“ – wenn dieses Mal auch nur teilweise – im Hamburger Stadtteil Jenfeld; Zumindest stand er, wie im Quasi-Vorwort angemerkt, auch für diesen Roman „behelfsweise“ Modell. Doch auch Sinillyk, ein nicht googlebarer und somit fiktiver Ort auf einem fast 3000 Kilometer entfernten Landstrich des Peloponnes (Halbinsel im Süden des grieschischen Festlands) dient als Schauplatz. Auf jenen beiden Schauplätzen bekommt man ein paar neue Gesichter zu sehen, aber auch ein paar Figuren aus den Vorgängerromanen und dem nicht zur Trilogie gehörenden, aber im selben Kosmos spielenden „Mogel“ tauchen wieder auf – in teilweise sogar tragenderen Rollen als zuvor. Hauptpersonen in diesem rot-türkis-weiß-schwarz ummantelten Buch gibt es erneut viele, sodass man auch dieses Werk nicht auf ein oder zwei Protagonisten herunterbrechen kann – jeder hat im mohlschen Universum seine eigene Umlaufbahn, jeder ist der Protagonist seines Pfades, und diese Pfade kreuzen sich hier einmal mehr.

Eröffnet wird die über vierhundert Seiten starke multitaskende Geschichte vom fünfzehn-, fast sechzehnjährigen, ein altmodisches Hörgerät, Trainingsanzug und Daunenweste tragenden Kevin Körts, der in bescheidenen Verhältnissen aufwächst und eines garantiert nicht möchte: Nach dem Schulabschluss in der Schokoladenfabrik arbeiten, in der sein Vater seit Ewigkeiten tätig ist. Ohnehin fühlt er sich in der kinderreichen Familie, die anhand der adipös veranlagten Eltern durchaus dokusoap-tauglich ist, sehr unwohl. Immer wieder wird er von zwei bomberjackentragenden, lollilutschenden Halbstarken drangsaliert. Dem alten, gebrechlichen Heinrich Himmelein-Roden greift er durch Einkäufe unter die Arme, doch bald wird der Mann ins Heim verfrachtet werden. Da kommt ihm seine neue Aufgabe ganz recht: Er beginnt bald ein Praktikum im örtlichen Reisebüro – das Schokopraktikum hat er seinem besten Freund Adil aufschwatzen können, der dafür Feuer und Flamme zu sein scheint.

Körts, der vom alten Himmelein-Roden ein paar Hemden für sein Praktikum gesponsert bekommt, ist mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein gesegnet, und das zeigt sich in seinem doch sehr direkten (Halbzitat Ulf Cronenberg, der übrigens auch den Ortsnamen Sillinyk sowie andere Ortsnamen in seinem Text absolut logisch ‚entschlüsselt‘ hat), aufschneiderischen – Verhalten. Er lässt sich von nichts abbringen, um für seine Ziele zu kämpfen. Eines davon ist, das Herz der einstmals im selben Wohnkomplex lebenden, offenbar extrem attraktiven 20-jährigen Domino, zu erobern. Seine Hormone tanzen allein beim Gedanken an das seiner Meinung nach heißeste, wunderbarste weibliche Geschöpf im gesamten Universum wildeste Tänze, und so schrieb er ihr sehr deutliche Briefe – sehr zum Entsetzen seiner Eltern. Sie ist von diesem aufdringlichen, pubertierenden Kerlchen äußerst genervt und zeigt dies auch. Doch Körts wird weiter von dieser jungen Frau träumen.

Er begegnet eines Tages dem beliebten Schauspieler Tiller, der für eine TV-Reportage ins selbe Haus muss, in welchem auch Körts wohnt – und erfährt nach einiger Zeit, dass sich der Prominente Urlaub in einem bekannten Club auf Sillinyk gönnen will. Dass dieses Dahergesagte für Körts von Bedeutung sein wird, offenbart sich erst später.

Völlig aus dem Häuschen ist Körts – oder Commander Körts, wie er sich in seiner Selbstüberschätzung gern nennt -, als ebenjene Domino, im Reisebüro auftaucht. Seine Hormondrüsen feuern erneut aus allen Rohren, und sein Interesse, Domino zu helfen, ist groß. In Dominos Hand: Eine Postkarte – das Stück Papier stammt von ihrem ehemaligen Mitbewohner (und aus den Vorgängerwerken bekannten) Bozorg, der irgendwann, völlig bedient vom Jenfelder Leben, einen Neuanfang weit, weit weg von seiner Heimat gewagt hat. Sie kann nicht wirklich erkennen, woher diese Postkarte stammt, aber sie möchte sich auf die Suche nach diesem Menschen machen. Und da kommt wieder Körts ins Spiel, denn der meint zu wissen, dass dieser auf der Postkarte abgebildete Club, nämlich das „Shangri-LaBamba“, in Sillinyk liegt. Er drängt sich Domino auf – Domino reagiert entsprechend barsch und abweisend.

Dennoch handelt sie irrational: Sie macht sich, unsicher, ob Körts die Wahrheit sagt – ja eigentlich sicher, dass Körts nur Müll erzählt -, trotzdem auf den Weg in Richtung Süden. Und wenn nur eine geringe Chance besteht, Bozorg zu finden – warum sollte sie diese Chance nicht nutzen? Vielleicht ist Körts ja doch ein Guter? Was Domino noch nicht weiß: Körts gibt nicht auf, reist ihr, dreist wie er ist, hinterher und überrascht sie bald. Eine schräge Suche beginnt – und er möchte ihr helfen, den verloren geglaubten Menschen zu finden. Zwischenfälle vorprogrammiert.

Während Strang eins die Geschichte von Körts erzählt und Strang zwei die von Domino, bekommt man als Leser später einen dritten Erzählstrang mit diversen Personen, die auf Sinillyk leben oder Urlaub machen, präsentiert und trifft dort nicht nur auf Tiller, sondern sehr bald auch auf eingangs erwähnte Bekannte, unter anderem die im ersten Trilogie-Teil „Es war einmal Indianerland“ eine Schlüsselrolle spielende Jackie. Und was sich wie ein riesiger Spoiler liest, ist nicht wirklich einer. Denn es ist beim Lesen des Klappentextes und der Buchrückseite sonnenklar, um wen es sich bei dem auf Sinillyk lebenden Aussteiger handelt.

Drei Personen haben sich demnach auf ihre ureigene Quest begeben. Sie steigen allesamt in ihr persönliches Raumschiff namens „Hoffnung“, das sie in die Zukunft schießen soll – ohne zu wissen, was sie erwarten und wo es genau hingehen wird. Doch das Universum ist ein unvorhersehbares Gefüge aus Raum und Zeit – wird man miteinander kollidieren? Und wenn ja, wo? Und wann? Und wie wird es ausgehen? Man wird es scheibchenweise ab der zweiten Hälfte des Buches erfahren, denn ab dort wird ein Countdown von 10 auf 0 herunterzählen und man wird Begleiter all der menschlichen Himmelskörper werden, die risikofreudig aus dem Alltags-Orbit ausgebrochen sind…

Dachte man schon nach „Es war einmal Indianerland“, da könne nichts Größeres mehr nachkommen, erschlug das ereignisreiche, mehr als doppelt so dicke „Stadtrandritter“ den Leser mit einer ebenso packenden und ergreifenden Mehrstrang-Geschichte – mit „Zeit für Astronauten“ wächst Nils Mohl nun erneut über sich hinaus und saugt den Leser mit seiner Erzählkunst in eine neue, komplexe Story hinein. Wie ein schwarzes Loch, das sämtliche Materie absorbiert.

Dabei lässt er vieles offen und gewährt dem Neugierigen sogar einen Blick in verschiedene Stationen der Zukunft Dominos, Bozorgs und Körts‘ – wie sie sein wird oder sein könnte. Und man weiß bis zum Ende hin auch nicht so wirklich, was das alles soll – so absurd manches anmuten mag, so logisch wird es mitunter sein. Logischer als das, was in manchen Menschen vorgeht.

Wie gewohnt skizziert Mohl seine Figuren äußerst präzise und nahezu plastisch. Man kann sich nicht nur lebhaft vorstellen, wie sie aussehen, sondern nachfühlen, was in ihren Köpfen passiert. Man spürt förmlich, was sie spüren, man ahnt, wie sie sich bewegen, man nimmt die Charaktere und auch die Settings, in denen sie sich aufhalten, mit nahezu allen Sinnen wahr. Gerüche und Geräusche. Wärme und Kälte. Das heiße Gefühl im Bauch und das Ausgelaugtsein. Die Hoffnung und die Liebe. Die Desillusion und den Verlust. Die Lust und den Verdruss. Man schmeckt den Sand, der von Autoreifen aufgewirbelt wird sowie die salzige Luft am Meer. Man spürt, wie nach einem langen Fußweg bei sengender Sonne die Füße glühen und der Schweiß den Körper klebrig werden lässt.

Mohl malt die Szenarien mit seiner ganz eigenen, mitunter gewöhnungsbedürftigen Technik, wie sie sich bereits in Teil eins und zwei bewährt hat: Dialoge mit vorangehenden Strichen statt Anführungszeichen. Zeitsprünge, die das Buch auf den ersten Blick zwar diffus wirken lassen, jedoch nötig sind, um die Puzzleteile im Kopf logisch aneinanderzufügen. Eingestreute Wortgruppen aus (meist) Substantiven, ohne Kommatrennung – fast ein wenig so, als wolle Mohl die Geschwindigkeit simulieren, mit der die Eindrücke auf die jeweilige wahrnehmende Person einprasseln.

Den Groove, mit dem „Zeit für Astronauten“ pulsiert, kann man nur schwer in Worte fassen, denn allein der Stil, der fürwahr Konventionen bricht, ist gleichermaßen roh wie elegant. Auch lässt es sich Mohl nicht nehmen, die Gesetze der literarischen sprachlichen Standards zu brechen, immer und immer wieder. Und anstatt aufgesetzt zu versuchen, die gerade angesagte Jugendsprache zu adaptieren, gibt er seinen Figuren Individualität mit auf den Weg und kreiert für sie eine authentische Ausdrucksweise – das kennt man von Wolfgang Herrndorf (R.I.P.) sowie von Stefanie de Velasco sehr gut, die einem hier und dort immer wieder in den Sinn kommen, auch was die Atmosphäre und das Ungeschönte betrifft. Im Kopf des Rezensenten schießt der Gedanke sogar so weit aus der Umlaufbahn, dass er sich zuweilen ausmalt, wie es denn sein könnte, wenn die Figuren aus den Werken dieser drei Autor*innen irgendwann in künftigen Büchern aufeinanderträfen. Doch wollen wir nicht zu weit ausufern.

Die gesamte, auf der Verlagsseite auch „Stadtrand-Trilogie“ genannte Romandreifaltigkeit vibriert letztendlich vor Intensität, und in all den Worten, die in diesen drei Büchern geschrieben sind, finden sich unglaublich viele Perlen wieder, die nahezu philosophischer Natur sind – ganz gleich, ob sie positiv gefärbt sind oder lupenreinen Pessimismus ausstrahlen. Sie sind Einblicke in die Psyche des Menschen. Einblicke in das Chaos, das das Leben (das eigene, individuelle) und das Leben (als Entität auf diesem Erdball) in sich birgt. Sie zeichnen Diagramme der Unberechenbarkeit. Und letztendlich strahlen sie trotz gelegentlich absurd anmutender Situationen eine entwaffnende Echtheit aus.

Mohl schreibt nicht Bücher, die einfach „nur“ eine unterhaltsame oder spannende Geschichte erzählen – seine Werke gehen tiefer. Anstatt auf den Leser einzurieseln, fordern die Geschichten ihn und belohnen ihn mit lebensbereichernden Happen. Man wird zum Sinnieren angeregt, zum Hinterfragen, man wird manchmal von Situationen oder Gedankengängen regelrecht aufgewühlt – da hat sich ein Autor mit Akribie und sehr bewusster Wortwahl ganz klare Gedanken gemacht. Raffiniert ist dabei, wie Mohl diese Feinheiten in „Zeit für Astronauten“ (und den anderen Druckerzeugnissen) zu platzieren weiß. Nicht selten wird man kalt erwischt. Eiskalt.

Ja, die Begeisterung beim Rezensenten ist auch bei diesem Buch unleugbar, und deswegen muss auch kein Hehl daraus gemacht werden. Denn Mohls Bücher wecken Emotionen auf ihre spezielle Art, und es würde sehr lange dauern, bis eine ausreichende Distanz für ausreichend Sachlichkeit vorhanden ist – da darf es gern auch mal euphorisch und voller Überschwang sein. Wahrscheinlich wird folgender Satz in unzähligen anderen Rezensionen ebenfalls stehen, aber es ist, wie es ist: „Zeit für Astronauten“ ist ein würdiger Abschluss der Trilogie und darf, wenn man die vorherigen Teile kennt, bedenkenlos zu den anderen ins Bücherregal wandern.

Im Gegensatz zu vielen anderen Trilogien ist es bei dieser übrigens völlig gleichgültig, in welcher Reihenfolge man sie liest, denn wenngleich es diverse Verwebungen und Überschneidungen gibt, steht jede Geschichte zeitlich und erzählerisch für sich – es gibt in keinem Teil etwas, das wirklich Voraussetzung für das Verständnis der jeweils anderen Teile ist. Man kennt lediglich die ein oder andere Figur etwas besser.

Cover © rotfuchs (rororo/rowohlt)

Wertung: 13/15 dpt

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
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