Interview mit Tom Bresemann (Mitgründer des Literaturhauses Lettrétage, Autor von „arbeiten und wohnen im denkmal“)

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Tom Bresemann (Interview) - Autorenfoto1 - © - Lisa BorriesDer erste Impuls für das Zustandekommen des Interviews entstand aus Faszination für das Prager Microfestival für Lyrik und Literatur, das Anfang Mai 2015 stattfinden wird – und bei dem Tom Bresemann lesen sollte, jedoch kurzfristig absagen musste. Über Vermittlung diverser Kanäle, unter anderem hochinteressante Projekte wie Displej.eu, konnten wir Tom in seiner Wohnung im Berliner Dreibezirkseck von Kreuzberg, Schöneberg und Tempelhof treffen und uns über infizierte Personalpronomen, Führerkulte von Jesus bis Merkel und über den Sinn der Zwecklosigkeit unterhalten. Obwohl es den Doppelbödigkeiten der Unterhaltung kaum gerecht wird, wurde das erfreute Auflachen Tom Bresemanns bei Provokation und Kritik von unserer Seite als „schelmisches Lachen“ notiert. Neben den zahlreichen Fingerzeigen auf Tisch und Selbst gehört das zu den Dingen, die sich sicherlich am besten auf einer Lesung erfahren lassen und hier nur ein Schlaglicht auf die ironisch-ernste Handhabung der Lyrik im Gespräch werfen können. Mit anderthalb Stunden Gesprächszeit und zahlreichen Twists ist es aber ein besonders intensives Schlaglicht geworden!

„(selbstverständlich sterben wir gern für interviews zur verfügung)“, schreibst du in „Punktlandung im Sinusmilieu“ – doch das Interview hatte ich angefragt, bevor ich deinen aktuellen Gedichtband ‚arbeiten und wohnen im denkmal‘ gelesen hatte. Sollte ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben?

[schelmisches Lachen]

Nein, wir sind ja alle Teil derselben Bewegung, darum geht es ja in dem Gedicht. Es geht um das Ausprobieren von diesem ‚Wir‘ mit kulturpolitischen Versatzstücken. Das ist etwas, was hier gerade aktiv passiert. Die freie Literaturszene, die auf einmal ganz offen miteinander ist. Institutionen und Autoren, die gemeinsam versuchen, sich eine politische Stoßrichtung zu geben. Da ich Teil davon bin, fällt es mir schwer, das nicht zu ironisieren, weil ich mich darin irgendwie wohl fühlen muss.

Aber auch du bist Teil dieser Bewegung.

Etwas Ähnliches fiel mir beim Lesen der Gedichte häufiger auf: Die Anrufung des Lesers – zumindest habe ich oft ‚du‘ gelesen.

Ja, aber mir ist dabei wichtig, dass es eine dialogische Situation gibt. Personalpronomen sind ein Thema. Wenn man in einem Text sieht: Dort steht ein ‚wir‘ und ‚wir machen dies, wir machen das‘, dann kann man gut fragen: Wer ist dieses ‚wir‘? Was macht dieses ‚wir‘? Was ist dieses ‚wir‘? Wer spricht da? Und wen spricht es an? Meint es mich?

Das ‚du‘ meiner Leseerfahrungen war bisher meist ein Monolog-Ding, so ein Selbstmord-‚du‘. Ein ‚du‘, das wie ein ‚ich‘ gemeint ist, ist so aufgeweicht, davon gibt es endlos viel Zeug. Mir geht es darum, sehr bewusst damit umzugehen. Und wenn das ‚du‘ dann doch wieder auftaucht, dann hoffentlich nur in einer dialogischen Situation.

Gleichzeitig ist die Schriftform immer top-down – Texte antworten nicht.

Aber auch in dieser Form ist Bewegung möglich. Es muss nicht klar sein: Wer spricht da eigentlich gerade? Wer reagiert da? Manchmal wechselt das ‚ich‘ den Sprecher im selben Satz. Und die Perspektive. Das ist vielleicht, um zu Allgemeinplätzen zu kommen, was mich an Literatur am meisten interessiert: Nicht ‚was‘. Niemand muss mir die Welt zeigen, ich kann selber gucken. Und kein Mensch braucht die Welt gezeigt bekommen, wir sind alle Teil dessen und wir sehen das, was wir sehen.

Aber mich interessiert das ‚wie‘! Wie die Welt wahrgenommen wird. Oder wie sie formuliert wird, also das Herunterbrechen auf die Sprecherhaltung: Wer ist der Erzähler? Mich interessiert nicht, was in einem Roman erzählt wird; mich interessiert das ‚wie‘, das ‚warum‘. Und bei den Gedichten ist das ganz ähnlich. Mich interessiert nicht: ‚was steht da?‘ – sondern: ‚woher kommt das und wo geht es hin?‘

Entsteht daraus eine Art Sinnesfeindlichkeit? Aus dem ersten Gedicht „Mir nach, spricht Jesus Christus, unser Held“ hatte ich mir notiert: „knochenkarl, allein die sinne sind der quell. / wer will uns damit locken.“

Ja, an dieser Stelle, am Anfang. Wenn man denkt, es gibt etwas wie mündige Leser und ich will ihnen mündige Gedichte anbieten, dann kann ich nicht so tun, als wüsste ich mehr als sie. Gerade wenn man sich mit ethisch, moralisch oder sogar juristisch bewertbaren Dingen beschäftigt, kann es im Gedicht nicht darum gehen, jemandem zu sagen: „Schau mal, das ist gut, das ist böse; gut, dass ich’s dir sage, wenn du es selber nicht schnallst.“ Auch nicht: „Schau mal wie toll der Tisch ist und wie toll man ihn jetzt durch mein Gedicht anfassen kann.“ Sondern lass uns mal darüber reden, wie wir reden, wie wir kategorisieren und wo unsere Sinne zusammenlaufen. Jetzt kannst du natürlich sagen „die Sinne sind der Quell, wer will uns damit locken?“ – Aber das ist ja sowieso alles Jesus-Kram, ein Jesus-Propaganda-Gedicht.

Das hatte ich mich gefragt und gewundert: Wieso Jesus als Held, und das in der Gegenwart?

Das Gedicht dreht sich nicht unbedingt um Jesus, sondern um einen Punkt, den man an Jesus gut festmachen kann und der bis in die Gegenwart hineinreicht: Was ist mit Putin und dessen Leninisierung? Was ist mit Obama und ‚hope‘?  Wenn vierzig Prozent Angela Merkel wählen, dann sind wir in so einem Jesus-Staat, wo sich alle auf eine Sache einigen. Auf einen Weg. Das ist das ‚mir-nach-Prinzip‘, ein konstitutives Prinzip unserer Gesellschaft.

Tom Bresemann (Interview) - Autorenfoto3 - © - Adrian LiebauEs geht also nicht so sehr um Jesus, ich glaube nicht an eine ‚Jesus-Welle‘. Man kann an Klaus Kinski sehen, warum das nicht geht. Dennoch erwarten viele, etwa von Obama, wenn er etwas Politisches ankündigt, dass er etwas erlösendes mache. Aber es gibt niemanden, der alles gut macht, dem man hinterher gehen kann. Und wo es ’schön‘ ist und ‚gut‘ ist, dem anzugehören.

Aber immerhin können wir miteinander im Interview sprechen; du bist also nicht Kinski…

Es bleibt aber spannend und schwierig. Die Rezeption und Produktion meiner Gedichte sind demokratische Vorgänge. Und daraus entstehen Gedichte, die in undemokratischen Ländern zensiert werden könnten. Etwa Sachen wie: „Ich will auf gar keinen Fall wie ein Schwuler diskriminiert werden.“ Oder: „Jeder kennt einen Antisemiten, den er mag“. Eine Zensurbehörde funktioniert ja so, dass es drei Fälle gibt: Jemand äußert sich negativ zu etwas, zu dem er es nicht sollte. Jemand äußert sich positiv. Oder jemand äußert sich so, dass man es nicht versteht. Und nur der positive Fall ist für diese Behörde ok.

Aber wenn jemand sich zwischen negativ und positiv äußert, ist das auf eine viel schwierigere Art nicht ok, weil man nicht weiß, ob es eine Art von Subversion hat. Aber: Das bestärkt eine Rezeptionshaltung, die Dinge grundsätzlich in Frage stellen möchte, die bei jedem Inhalt sagt: ‚Aha, ok, ich schau mir das noch einmal von einer anderen Seite an. Und von noch einer anderen Seite.‘ Und ich lese es drei, vier, fünf Mal. So zu schreiben und so zu lesen schult eine Art von kritischem Bewusstsein, welche nur in einer demokratischen Gesellschaft Platz hat. Und deshalb würde ich sagen, dass meine Gedichte demokratische Gedichte sind.

Würdest du sagen, dass es eine Art Zensur in einer demokratischen Kultur gibt?

In Bezug auf Gedichte schönerweise nicht. Wir leben ja jetzt nach einer neuen Zeitrechnung, zwei Tage nach Beginn der Wagner-Ära. Jetzt finden alle Lyrik wichtig, weil Jan Wagner den Buchpreis gewonnen hat. Jetzt gibt es einen Markt dafür. Aber ich weiß nicht, ob es stimmt, dass wir jetzt in einer neuen Zeit leben. Die Zeit vorher war dadurch bestimmt, dass man Lyriker einfach machen ließ. Weil es ja eh keiner liest, und es keinen interessiert. Jeder Lyriker in Deutschland findet früher oder später einen Verlag, der seinen Scheiß druckt; weil es nicht viel kostet.

Keiner von uns will 10.000 € Vorschuss haben. Lyriker sind meist die, die selber Verlage gründen und sich spätestens mit dem fünften oder zehnten Buch selber verlegen. Und das Schöne an der Lyrik-Szene in Deutschland und Berlin der letzten zehn Jahre ist, dass es etwas für alle ist, dass du die mittelmäßigsten, langweiligsten und beschissensten Gedichte schreiben kannst, aber es trotzdem ein Publikum dafür gibt. Und das ist nicht einmal unbedingt kleiner als das von Jan Wagner oder irgendwem anders. Das ist ein komplettes Feld von: Alles geht.

Und für mich auf eine positive Art. Mir hat mein Verlag noch nie reingeredet. Aber vom Prinzip ist der Eingriff des Verlags nach wirtschaftlichen Elementen in Cover und Titel ist bei Lyrik verhältnismäßig gering, weil du zwischen fünfhundert und sechshundert, vielleicht tausend Exemplare verkaufst. Und es ist nicht so, dass du mit dem richtigen Cover und dem richtigen Titel dreißigtausend Exemplare verkaufst. Während das beim Roman durchaus anders ist, oder anders ein kann.

Mit dem ‚alles geht‘ oder ‚alles ist möglich‘ geht eine Art Unsichtbarkeit einher. Doch du wirkst dagegen, gerade mit transnationalen Projekten.

Das Literaturhaus Lettrétage und das Europa-Netzwerk sind andere Welten als das Schreiben. Aber die Perspektivwechsel, wenn ich mal ein Lyriker, mal ein Veranstalter, mal ein Moderator bin, interessieren mich. Natürlich glaube ich schon, dass es Analogien gibt. Bei den Projekten der Lettrétage kann ich sagen, dass wir gewisse Ebenen wie die des ‚mündigen Lesers‘ in die Veranstaltungen zu übersetzen versuchen: Mich interessiert das Publikum. Keine abgehobenen Veranstaltungen, bei denen man einem Dichter zuhört, der viel mehr über die Bäume und den Himmel weiß; bei dem man sich freuen konnte, dass man mit ihm in einem Raum sein durfte – und sich am Ende noch ein Autogramm abholen kann.

Wie sieht das konkret bei deinen Lesungen aus?

An dem Überbordenden der Lyrik – auch dem Unverständnis – muss man während der Lesung weiterarbeiten. Da kann man sich überlegen, was eine durchschnittliche Lesung ausmacht: Da gibt es einen Autor, einen Verlag, ein Publikum, ein Wasserglas und so weiter – jeden dieser Aspekte kann ich mir anschauen und verändern. Dabei kann ich zehn Aspekte unberührt lassen und nur einen nehmen. Man hat viele schnelle Ideen – und die sind meist die Schlechtesten, deshalb muss man das ausarbeiten, sich selbst beobachten, wie man bei Lesungen normalerweise agiert und dann neue Dinge ausprobieren. Aber dass man diese schnellen Ideen hat, ist gut und später kommt dann etwas, was einen weiterbringt. Sich diese Fragen zu stellen ist aber grundsätzlich spannender, als zu einer schnellen Antwort zu kommen! Das muss nicht immer funktionieren oder ein neues Konzept ergeben. Aber jeder in diesem Raum merkt, dass etwas anders war.

Es ist auch spannend, zu beobachten, wie neue Normen kreiert werden – um ihnen zu entgegnen.

Ich versuche mich, aus einem Jan-Wagner-Lawinenthema rauszuhalten. Aber meine These ist: Dieser Hype zementiert nur, was sowieso schon common sense ist. Würden jetzt die großen Verlage wieder ihre Lyrik-Reihen aufnehmen, die sie in den letzten Jahren alle eingestellt haben, dann würden die Freaks trotzdem nicht häufiger verlegt werden. Sondern die Naturlyriker, die Poesie, die poetisch sein will, die sagt: ‚guck mal her, ich bin ein Gedicht.‘

Würdest du sagen, dass die populäre Gegenwartspoesie anachronistisch ist?

Tom Bresemann - Arbeiten und wohnen im Denkmal Cover © luxbooksNein, natürlich passt das in unsere Zeit – restaurative Impulse sind doch total gegenwärtig, hundert Prozent. Aber ich auch. Und ich brauche niemanden, dem ich hinterher gehen kann. Das ist das Schöne an der Gegenwart: Alles ist möglich. Das ist meine einfache Antwort: Ich kann machen, was ich will, alles, was mich nicht langweilt. Ich kann meine Schulhefte abschreiben und sagen: Das ist ein Gedicht. Vielleicht das beste, was ich je geschrieben habe. Das macht total Spaß, darüber nachzudenken und sich damit zu beschäftigen – und alle Leser verstehen das anders. Und das ist toll, total geil! Dann ist Literatur genau das Richtige: Wenn es Anlass zur Begegnung von Positionen ist – und diese Positionen dann geschärft werden. Aber ich glaube nicht daran, dass Poesie helfen kann. Jeder, der mit meiner Scheiße etwas anfangen kann, der ist schon cool. Mein Gedichtband hat den nicht cool gemacht.

Die Frage, die jetzt in meinem Kopf pocht, ist: Warum hast du Anmerkungen, in denen du unter anderem unmarkierte Zitate aufdeckst, an das Ende geschrieben? Wer spricht das überhaupt, ist das nicht gerade der, der alles weiß?

[schelmisches Lachen]

Ja, das ist doof, mit den Anmerkungen, weil es eine Konzession ist. Mein voriges Buch beim Berlin Verlag war da noch schlimmer. Da war das so ’schaut mal her, was ich alles gelesen habe‘. Und ich versuche, davon wegzukommen. Andererseits genieße ich Anmerkungen als Leser, sehe aber, dass meine Kollegen das ganz anders machen.

Bei diesem Band bin ich das angegangen, zum Beispiel, wo ich Ton, Steine, Scherben zitiere und es hauptsächlich um Rauchhaus-Dokus geht, und mir das lätschernde Berlinerisch der Interviewten so gefallen hat. Und dann habe ich in die Anmerkungen nur geschrieben: „Ton, Steine, Scherben, wa.“ Aber da bin ich noch nicht sehr weit. Was Anmerkungen betrifft, bin ich noch im 20. Jahrhundert.

Man kann Anmerkungen aber auch wunderbar persiflieren. Bei Arno Schmidt werde ich manchmal (im positiven Sinne) unheimlich wütend, weil er seine Texte doppelt und dreifach mit Anmerkungen überschreibt. Und im selben Gedanken zieht er dann über die Luther-Übersetzung der Bibel her, die ’nur ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten‘ sei …

Aber die Luther-Übersetzung muss ich jetzt lesen, vielleicht geht es in diese Richtung demnächst weiter. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass es nichts Kontaminiertes gibt, wenn ich den Mund aufmache. Auch, wenn ich ‚uns‘ sage, ist das schon kontaminiert – alles ist schon durch hunderte von Jahren Pervertierung durchgegangen – oder umgekehrt: was an unserer Sprache ist denn nicht einmal pervertiert worden?

Sprache macht keinen Unterschied zwischen Ge- und Missbrauch, das ist dasselbe. Denn immer, wenn du Sprache gebrauchst, benutzt du sie zugeschnitten auf deine Situation. Für mich ist dann die Frage, wie ich das an Sprecherhaltungen festmachen kann. Das hat mir an der Jan Kuhlbrodt-Rezension in den Signaturen so gut gefallen: Dass er angemerkt hat, dass das, was meine Gedichte sein wollen, vielleicht gar nicht mehr mit Gedichten funktioniert.

Dieses Gefühl habe ich auch. Wenn ich mich in diese Richtung weiterentwickeln möchte, wird das nächste Buch etwas zwischen Lyrik und Prosa sein. Obwohl lyrische Prosa schlimmer ist als Smooth Jazz, der Inbegriff der ekligen Gattung.

Allgemein finde ich ‚reine Lyrik‘ problematisch oder beunruhigend, weil ich beim Lesen das Gefühl bekomme, dass die Worte vom Weiß erdrückt werden. Auf ihnen lastet zu viel Sinn.

Ja, diese Sichtweise gefällt mir. Aber mein Literaturstudium habe ich abgebrochen. Und es hat lange gedauert, bis ich mich von der Herangehensweise, die ich im Studium gelernt habe, lösen konnte. Ich dachte, die Worte in Gedichten seien ganz besondere Worte. Oder, dass der Dichter viel mehr als andere weiß.

Und es war dann so schön, Brinkmann zu lesen. Obwohl er es will, schreibt er aber keine US-amerikanischen Gedichte. Es gibt immer noch die Parzen bei ihm. Und ohne Hölderlin kommt er auch nicht aus. Aber er hat mir die Augen dafür geöffnet, dass ich etwas wie den Hundehaufen aufschreiben kann, wenn ich will. Es geht aber um das ‚wie‘! Ich kann genauso über die Seele schreiben. Das Environment muss dann aber stimmen.

Mir ist nach dem Studium aufgefallen, dass Gedichte Lebensmittel sind. Gedichte kann man lesen, wie man dem Radio zuhört – man kann sie wegschalten. Aber die Songs, die ich mir erarbeite, die machen mir nach Jahren noch Spaß. Was mir aber an der Überforderung nicht gefällt – weil es mich eigentlich nicht überfordert – ist, wenn das Gedicht auf sich selbst zeigt und immer wieder sagt: ‚Schau mal, wie bedeutungsvoll ich bin‘. Ein Gedicht muss nicht bedeutsam sein, aber es muss mir spannende Sachen erzählen! Andererseits kenne ich ‚die Lyrik‘ nicht.

Dann wäre der Sondtrack zu deiner Lyrik ’stop making sense‘?

Nein! Es macht ja Sinn! Aber ich verstehe das Verstehen nicht! Wenn jemand sagt, ‚ich verstehe dich nicht‘, dann kann ich sagen ‚ich verstehe dein Unverständnis nicht‘. Und die Person sagt dann: ‚Ich verstehe nicht, wie du mein Unverständnis nicht verstehst.‘ Das ist endlos! Da kann man so viel drüber reden, ohne dem Punkt näher zu kommen! Und das sind dann die selben Menschen, die zu Kunst sagen: Das sind ja nur Flecken an der Wand. Aber auch dein bestes Kaiser-Bismarck-Portrait sind nur Flecken an der Wand!

Die Kunst besteht dann vielleicht mehr im Lesen. Ein Lesen, das den Sinn nicht fest-stellt, sondern beweglich hält.

Lesen ist Schreiben ist Lesen. Lesen ist ein kreativer Vorgang. Ja, Lesen ist Literatur. Literatur entsteht nicht, wenn ich ein Gedicht aufschreibe. Das entsteht nicht, wenn ich ein Gedicht lese. Sondern nur, wenn beides stattgefunden hat, dann erst fängt es an. 

Doch die Idee des mündigen Lesers ruft die Aufklärung auf und geht fast ins Humanistische hinein. Das wiederum nennt Brinkmann in ‚Film in Worten‘ »mieser, lumpiger abgelebter Humanismus … eine ‚Idee‘ vom Menschen, die vor dem ‚Menschen‘ steht und alles eintrübt«. Aber du meinst mit diesem Leser etwas anderes, oder?

Bei mir geht es mehr um Brinkmanns Standfotos. Stil – man hat ihm oft vorgeworfen, er hätte keinen Stil gehabt und daher keine Gedichte geschrieben – Stil ist etwas für Tischmanieren. Diese stehen meist im Mittelpunkt humanistischer Bildung. Aber humanistische Inhalte sind erstmal nur – auch linke – Fundusse seltsamer und spannender Dinge. Wie zum Beispiel der Luther-Übersetzung der Bibel. Aber trotzdem war Luther einer der größten Antisemiten seiner Zeit. Und das wird bei meinem nächsten Buch eine große Rolle spielen: Da werde ich den bösen Luther rausholen.

Ist das der ‚Antisemit, den du magst‘?

Tom Bresemann (Interview) - Autorenfoto2 - © - Lisa BorriesJa, durchaus. Aber Aufklärung bedeutet für mich, zu wissen, das es mehr Schattierungen gibt als schwarz und weiß. Aber die Aufklärung liegt hinter uns: Und es erschreckt mich, wie einfach sie wegzuwischen ist. Auch in unserer Gesellschaft gibt es weit verbreiteten Schwulenhass, und unsere Gesellschaft ist in den Grundfesten antisemitisch, einfach, weil jede christliche Gesellschaft das per se ist. Und wir können nicht so tun, als hätten wir das im Griff.

Wenn Angela Merkel nach den NSU-Ereignissen sagt, dass sie „uns beschämen müssen“, dann sagt sie das, weil sie die meisten nicht beschämen – sondern, weil sie es müssen. Was ist das anderes als verordneter Antifaschismus? Deshalb können ganz schnell so viele Leute für Pegida auf die Straße gehen. Aber finde mal 30.000 Leute, die zum 1. Mai gehen! Auf einmal ist es wieder ganz einfach möglich, Leute mit Buzz-words zu manipulieren.

Da kann man sich an die 20er erinnern und was die Intellektuellen damals gesagt haben. Das waren schon immer die Dumpfbacken und Pegidas aus dem fernen Sachsen und wir saßen schon immer in unseren Kreuzberger Wohnungen und haben gedacht: ‚ach, was haben die mit uns zu tun?‘ Die dachten damals auch, sie wären aufgeklärt und humanistisch gewesen. Überleg mal, was die Leute über uns sagen werden.

Ich will kein Kulturpessimist sein. Ich will nur etwas machen, das etwas mit dem Leben zu tun hat. Und ich glaube eben nicht, dass ich mit Gedichten Aufklärung betreiben könnte. Ich kann aber auf sie bestehen. Das heißt, dass ich als Leser nicht will, dass mir jemand etwas vorkaut.

Ich will, dass man mir etwas Neues erzählt. Etwas, das mir zeigt: ‚Ey, du bist ein Nazi, genau aus deiner bequemen linken Einstellung heraus.‘ Aber vielleicht gibt es ‚die Nazis‘ gar nicht und es ist totale Verblendung, das einfach abzutun, als könnten wir uns da herausziehen. Aber du könntest in jeder Sekunde ein Nazi sein. Und das kann sich in jeder Sekunde ändern. Und du kannst das in jedem Moment ändern.

Das klingt ein wenig nach paranoider Poesie.

Darüber muss ich nachdenken, aber die Idee finde ich schön. Doch ich glaube nicht an Paranoia. Ich weiß nicht, ob ich gut oder böse bin, aber ich weiß, dass ich von vielem Bösem profitiere. Jemand der behauptet, es gäbe das Böse, es gäbe die Islamisierung des Abendlandes, der beleidigt meinen Alltag. Natürlich kann ich in Neukölln, wo ich zehn Jahre gelebt habe, morgens zum Bäcker gehen und mich darüber ärgern, dass es nur türkische Bäckereien gibt. Aber ich kann auch mit den Leuten sprechen.

Doch es ist interessant, dass halb West-Berlin voll von Türken ist und die meisten anderen nicht einmal wissen, was Bitte und Danke auf Türkisch heißt – es macht mich nicht zu einem guten Menschen, wenn ich das weiß. Das ist einfach nur Nachbarschaft. Wenn ich eine Frau mit schweren Tüten und einem Kinderwagen eine Treppe hochgehen sehe, dann versuche ich der zu helfen, egal, ob sie irgendwie vermummt ist oder nicht. Es ist ganz normal: Alltag. Das bedeutet nichts.

Alltag macht mich nicht zu einem guten Menschen. Aber ich kann ihn trotzdem gestalten. Ich kann selbst entscheiden, ob ich in einer Welt leben möchte, die mir Angst macht. Und trotzdem ist alles veränderlich; was richtig und falsch ist, kann sich in jedem Moment ändern.

Du sprichst über diese Alltäglichkeiten, wie von deiner Lyrik: „das bedeutet nichts“ – und trotzdem geht es um bedeutende Dinge.

Das wäre der Idealzustand.

Es ist eine schöne Metapher für Gedichte, dass du rausgehen und die Dinge gestalten kannst. Die Welt ist nicht da, ohne durch dich zu sein. Aber wenn Leute ihren Kindern rosa Kleidchen anziehen und Ohrlöcher stechen, dann finde ich das nicht ok, ganz egal, ob rheinländischer Katholik oder nicht, weil das an jedem Gedanken von Mündigkeit vorbeigedacht ist.

Wenn ich von Individualität ausgehe, dann sollte ich annehmen, dass jeder so viel ab kann, wie ich. Ich sollte keine Angst haben, jemanden zu beleidigen, aber mir im Klaren darüber sein, dass er reagiert, mich etwa genauso beleidigen kann – oder verklagen, wenn ich zu weit gehe. Und das ist bei Gedichten vielleicht ähnlich. Dass es versucht, ein Individuum zu sein. Dass es nicht weiß, ob es gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Also vielleicht doch paranoid, ok.

Vielleicht ist das die Rede, um die Grausamkeiten, die offensichtlich, aber nicht direkt sichtbar geschehen, zur Sprache zu bringen. Ich glaube aber schon, dass die Sprachlichkeit da dranhängt und es in den 20ern erkennbar war, dass so etwas wie der Holocaust geschehen konnte. Es war erkennbar durch Dinge wie den Futurismus, zum Beispiel Marinettis Manifest, wo die faschistoide Gewaltsamkeit ausgedrückt wird – und dadurch im Nachhinein beschreibbar wird. Ein solches Experimentieren für die Gegenwart, wo gibt es das? Ich glaube, das ist bei dir vorhanden.

Bei mir? Ha!

Um das zu verstehen: Der Futurismus in diesem Sinne ist gut? Meine Lyrik könnte wirklich so ein Versuch sein, diese neue Gewalt zu benennen. Das ist genau das, was ich versucht habe.

Einklang. Scheiße. [beide lachen]

Nein, es ist auch schön, wenn ein Konzept mal aufgeht. Das ist etwas anderes als die Idee vom Seismographen oder vom Durchlauferhitzer. Das, was ich da sehe, das sieht und schreibt auch jeder. Ich will nichts zeigen, aber ich kann mich mit meinen Ängsten wie Homophobie auseinandersetzen. Denn meine Sätze wie „ich will auf keinen fall wie ein schwuler diskriminiert werden“ sind schwulenfeindlich, das ist in mir drin. Als ich das geschrieben habe, habe ich nicht nachgedacht, das war einfach da. Aber wir müssen darüber sprechen.

Ich könnte natürlich einen Tag Fernsehen gucken und bekloppte Sachen aufschreiben, die Angela Merkel gesagt hat. Aber die entscheidene Frage ist, was das mit mir zu tun hat. Wenn ich sage: ‚Hier bin ich, da sind die‘, dann bin ich nicht anders. Aber wenn ich sage: ‚ich bin die‘, dann passiert etwas.

In diesem Zusammenhang stehen auch deine Zitate, oder?

Ein ganz wichtiges Erlebnis war für mich, als ich Mitte/Ende der Neunziger im Fernsehen live einen Parteitag der Grünen gesehen habe. Dort lief aus riesigen Boxen Ton, Steine, Scherben: ‚Wann, wenn nicht jetzt‘, während in riesiger Großaufnahme die singende Claudia Roth, der Ex-Managerin der Gruppe, zu sehen war. Natürlich haben alle mitgesungen. Ton, Steine, Scherben sind wichtig für mich, aber die Rezeption ist der springende Punkt!

Es gibt jetzt auch etwas wie eine Bresemann-Leserschaft. Ich glaube dann, dass man zu etwas gemacht wird. Ich habe so Helden, wo ich mich immer freue, wenn sie mich enttäuschen. Aber ich will nicht die Rolling Stones sein. Deshalb ging dieser Band auch gegen meine Leser. Diese komische Übereinkunft, dass wir die Guten sind, will ich torpedieren. Mir linkem Wichser will ich eine reinhauen.

Ich war noch nie so glücklich mit einem Buch wie jetzt. Und ich war noch nie so unglücklich beim Schreiben. Aber ich weiß jetzt auch, nach dem dritten Buch, dass die Welt sich nicht dadurch ändern wird, weil ich schreibe. Das Einzige, was nach dem Buch kommt, ist das nächste Buch. Da bin jetzt. Den ersten Text habe ich schon geschrieben. Aber das Level der Unsicherheit ist hier noch viel größer. Da weiß ich nicht einmal mehr, ob die Form ok ist. Ich habe sogar noch verschiedene Varianten, zum Beispiel eine Luther-Bibel-Form, mit Kommentarspalten. Aber vielleicht mache ich es wie Prosa – aber dann doch nicht. Vielleicht mache ich eine richtige Story?

Vielleicht machen wir damit vielleicht einen Punkt, oder?

Ja, sonst höre ich nie auf.

Autorenportaits (farbig) © Lisa Borries

Autorenportrait (s/w) © Adrian Liebau

Buchcover „arbeiten und wohnen im denkmal“ © luxbooks

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Über den Autor

Tim König

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Studiere im Lehramtsmaster Deutsch und Philosophie/Ethik an der Humboldt-Universität Berlin. Mit Freundinnen und Freunden gebe ich die anwesenheitsnotiz heraus, die an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist, an der ich meinen Bachelor gemacht habe. Obwohl ich einen Großteil meiner Zeit in hinter Büchern, in Klassenräumen oder vor der Filmleinwand verbringe, habe ich nach wie vor die ein oder andere Liaison mit Film/Comic/Videospiel/Kunstaustellung/Musik. Vor allem Musik, mit einer besonderen Vorliebe für Avantgardistisches, auch in Gestalt von Pop.

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Interview mit Tom Bresemann (Mitgründer des Lit…

von Tim König Artikel-Lesezeit: ca. 17 min
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