
Mit ihrem Debütroman „Bunte Tage, graue Nächte“ berührt Lucie Kolb wichtige Themen. Es geht um Selbstbestimmung und Kunst, aber auch um den hochaktuellen Diskurs, inwieweit die junge Generation für die Pflege der Älteren verantwortlich ist.
Im Mittelpunkt steht die 35-jährige Lena. Als ihre demenzkranke Mutter sie das erste Mal nicht mehr erkennt, brennen bei ihr die Sicherungen durch. Halsüberkopf steigt sie in einen Zug nach Berlin und lässt alles zurück: die Enge des bayrischen Dorfs, den ungeliebten Job als Erzieherin, Martin, mit dem sie seit 15 Jahren in einer festen Beziehung lebt, die erdrückende Erwartungshaltung aller, sich um die ungeliebte Mutter kümmern zu müssen. Im Zug begegnet ihr Doris, die ihr eine vorübergehende Bleibe in ihrer Berliner WG anbietet. Aus der Wohngemeinschaft mit Doris und Mitbewohnerin Jaika wird Freundschaft. Dennoch fällt es Lena nicht leicht, ihre Zukunft neu zu sortieren. Sie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen äußerem Erwartungsdruck und Freiheitswunsch.
Einfühlsam nähert sich Kolb der Lebenskrise ihrer Protagonistin. Was wie eine Kurzschlussreaktion aussieht, entpuppt sich im Laufe der Handlung als ein komplexer innerer Konflikt. Wie viel Loyalität ist man im Rahmen einer verwandschaftlichen Beziehung verpflichtet anderen zu geben? Ab wann mündet genau diese Loyalität in Selbstaufgabe? Wie definieren wir Verantwortungsbewusstsein im gesellschaftlichen Kontext? Und wird in diesem Zusammenhang nicht gerade „Liebe“ als ein Druckmittel instrumentalisiert?
Wirkt Lena anfangs noch naiv in ihrer Weigerung, die Probleme, die ihr über den Kopf wachsen, anzunehmen, erweist sich ihr Akt der Weigerung im Laufe der Handlung als überfälliger Befreiungsschlag. Lena weiß, was ihr fehlt, aber den Mut, sich das Fehlende zu nehmen, hatte sie bislang nicht. In berührenden kleinen Szenen lässt die Autorin ihre Figur ihr Künstlerin-Sein entdecken. Kunst und Kreativität stehen hier auch symbolisch für Selbstermächtigung und persönliche Freiheit. Beides, das macht Kolb durch ihre Protagonistin deutlich, ist jedoch kein Geschenk. Diese Rechte muss man sich aktiv nehmen. Widerstände zu überwinden gehört dazu.
Der Autorin gelingt es, einen unvoreingenommenen Blick auf die unpopulären Entscheidungen ihrer Protagonistin zu kreieren. Kolb befreit grundsätzliche Lebensentscheidungen von der Last allgemeiner Erwartungshaltung.
Mir hat dabei gefallen, wie Kolb Lenas Fluchtort Berlin nicht romantisiert. Im Gegenteil. Ebensowenig wie Lenas Weggang eine einfache Lösung für ihre Probleme darstellt, ist Berlin ein idealer Ort, an dem auf einmal alles möglich ist. In seiner Grenzenlosigkeit erscheint Berlin im Vergleich zum engen Dorf vorallem als ein Ort, an dem die Verlorenheit der Protagonistin einen neuen Höhepunkt erreicht.
Sprachlich erwartet Leser:innen eine leicht lesbare, gut zugängliche Lektüre, modern, gradlinig, mit zahlreichen Dialogen. Auch die nachdenklichen Passagen hat Kolb nicht überfrachtet. Einiges wird angedeutet, aber nicht auserzählt, was die Entwicklung der Protagonistin offenhält und Glaubwürdigkeit verleiht. Das Debüt von Kolb ist ein Roman, der ein breites, junges Publukum adressiert und inhaltlich wie stilistisch gut abholen dürfte. Klare Empfehlung!
- Autorin: Lucie Kolb
- Titel: Bunte Tage, graue Nächte
- Verlag: Ulrike Helmer Verlag
- Erschienen: April 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 196 Seiten
- ISBN: 978-3897415065

Wertung: 12/15 dpt







