Imperium (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Imperium Cover © Ascot EliteWorte erscheinen auf der schwarzen Leinwand: „Worte sind Brücken in unerforschte Regionen.“ Ein Satz, der Adolf Hitler zugeschrieben wird. Dann fliegt die Kamera übers Wasser, hebt den Blick und fängt das Lincoln Memorial ein. Dahinter ragt der Obelisk in den Himmel und am Ende der Sichtachse wölbt sich die weiße Kuppel des Kapitols. Wir befinden uns in Washington D.C., wo ein weißer Lieferwagen eine Bombe transportiert. Erst in letzter Sekunde offenbaren sich zwei der drei Täter als verdeckte Ermittler des FBI und der Anschlag wird vereitelt.

Neonazis haben keine Haare auf dem Kopf, dafür Springerstiefel an den Füßen und Bomberjacken, um sich die kalten Herzen warmzuhalten. Wären sie nur so leicht zu erkennen wie die Skinheads unter ihnen. Daneben gibt es andere: die religiös verblendeten Hakenkreuzbindenträger, die Herren vom KKK, einige treusorgende Ehefrauen, ihre kreuzbraven Ehemänner und einen Moderator, der die frohe Botschaft vom „weißen Stolz“ gewürzt mit allerlei Verschwörungsgewichtel im Lokalradio verbreitet. In dieser Welt gibt es keine Mischehen von Farbigen und Weißen, Homosexualität sowieso nicht, aber dafür eine Menge Kameradschaft, Sendungsbewusstsein, Treue ebenso wie paranoides Misstrauen. Es gibt eine Menge Klischees in diesem Film, in denen sich „Imperium“ aber – vor allem dank seiner Darsteller*innen – nie verheddert.

Daniel Radcliffe spielt den FBI-Agenten Nate Foster: jung, tatendurstig und der klassische Außenseiter. Bereits in der Highschool eher eine geduldete Randerscheinung, findet Foster auch in seinem Team beim Geheimdienst wenig Anschluss. Radcliffes traurig nachdenklicher Blick (der zuletzt im brillanten „Swiss Army Man“ auf der großen Leinwand zu sehen war) ist perfekt für diese Rolle, in der er nach Aufnahme in eine soziale Gruppe lechzt.
Die Gelegenheit bietet ihm seine Vorgesetzte Angela, gespielt von Toni Collette, sehr gut in einer leider kleingehalteten Rolle. Angela beauftragt Nate, eine Struktur von Neonazis zu unterwandern, die in den nordöstlichen USA ihr Unwesen treibt und einen größeren Anschlag plant. Ihr gegenüber steht Nestor Carbonell als Tom Hernandez, der Nates Befähigung zu diesem Einsatz mit Arroganz und überzeugend unsympathisch anzweifelt. Aber auch seine Rolle beschränkt sich auf kurze Auftritte.

Denn eigentlich geht es um das „Imperium“ – oder das, was US-amerikanische Neonazis als solches gern anbrechen sähen. Wie es die Eigenschaft von Fanatikern ist, sehen sie nicht die Widersprüche in ihrer schönen, neuen Welt. Den Zuschauer*innen werden die dagegen umso deutlicher vorgeführt: Machtgerangel verschiedener Gruppen, Heuchelei, gänzlich unterschiedliche Ansätze und das alles in einer Gruppe, die sich selbst äußerst homogen sieht. Die Darsteller freilich sind Prototypen dieser Differenzen: Pawel Szajda als Vince ist ein Skinhead; aggressiv, impulsiv, aber als Anführer immer noch klüger als seine trunksüchtigen Spießgesellen. Tracy Letts als Dallas Wolf ist gar kein Nazi, dafür ein ambitionierter Entertainer, der seine Stimme auch um den Preis der Unwahrheit und geistigen Brandstiftung am liebsten selbst hört. Chris Sullivan spielt den religiös verblendeten Andrew Blackwell mit der ihm eigenen Körperlichkeit als eine Art stillen Riesen, den man in seinem Wahn ungern ausbrechen sehen möchte. Sie alle, bis auf einen, fordern lauthals den Umsturz: Dieser eine ist Gerry Conway, gespielt von Sam Trammell. Gerry ist Bildungsbürger, befleißigt sich einer angemessenen Rede- und Handlungsweise. „Imperium“ zeigt auf nüchterne und ebenso erschreckende Weise: Sie sind alle nur Menschen, allerdings sind auch solche unter ihnen, die bereit sind, ihre Menschlichkeit abzulegen.

Dies ist die Gemengelage, in die Nate sich stürzt; zunächst als Skinhead, später als Intimus von Andrew, schließlich als Familienfreund von Gerry kommt er den gefährlichen Leuten immer näher (frei nach dem Motto: Hunde, die bellen, beißen nicht). Dabei zeigt sich Radcliffes schauspielerische Begabung: Angst, Paranoia, Unruhe steigern sich gemeinsam mit der Filmmusik (bedrohliche Streicher und dumpfe Klangteppiche). Nate muss sich auf seine Gegner einlassen, sie verstehen und ihr Vertrauen gewinnen, ohne ihrem Irrglauben zu erliegen Die Kamera schaut ihm immer wieder ins Gesicht und erforscht seine Mimik, die zwischen höchster Unruhe und völliger Ausdruckslosigkeit wechselt.

„Imperium“ ist ein Drahtseilakt, dessen Pointe – die Frage, warum Nate für den Einsatz ausgewählt wurde – nicht wenige Zuschauer*innen überraschen dürfte. Der Film ist ein Blick auf die Extreme der US-amerikanischen Rechten, der vor allem von seinen Darsteller*innen getragen wird, die manche Schwächen in Drehbuch und Figurenzeichnung ausgleichen.

Cover  © Ascot Elite

  • Titel: Imperium
  • Originaltitel: Imperium
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2016
  • Genre: Thriller
  • Erschienen: 30.11.2016
  • Label: Ascot Elite
  • Spielzeit:
    109 Minuten
  • Darsteller*innen:
    Daniel Radcliffe
    Toni Collette
    Tracy Letts
    Pawel Szajda
    Nestor Carbonell
    Sam Trammell
    Chris Sullivan 
  • Regie: Daniel Ragussis
  • Drehbuch: Daniel Ragussis
  • Musik: Will Bates
  • Extras:
    Trailer
    Gala Premiere Footage
    Interviews mit Daniel Radcliffe
  • Technische Details (Blu-ray)
    Video:
    2,38:1
    Sprachen/Ton
    :
    D HTS-HD Master Audio 5.1, GB HTS-HD Master Audio 5.1
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

    Wertung: 12/15 dpt (15 für AfD und NPD-Anhänger*innen)


Über den Autor

Henri Vogel


Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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Imperium (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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