China Miéville – Dieser Volkszähler (Buch)

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Stellt euch vor, es war Krieg. Jetzt liegt die bekannte Welt in Trümmern, ein Neuaufbau steht an. Wie wird der aussehen? Die Regentschaft des Chaos oder der Versuch klare Strukturen zu schaffen? Eine Einteilung in oben und unten und der vehemente Versuch alles zu verwalten, zu archivieren, katalogisieren, zu bestimmen? Wegzuschließen, was nicht benötigt wird, verborgen werden soll oder wertvoll ist. und hervorzukramen, was man liebt, was Trost spendet oder schlicht zum Leben benötigt wird. In China Miévilles Roman „Dieser Volkszähler“ wird letzteres versucht: „Zählung des ganzen Landes. Klassifizierung in Gruppen. Erfassen, veranschlagen, Interessen durchsetzen“.

So fromme wie diktatorische Wünsche. Denen sich der Erzähler, das „Ich“ alias „der Junge“ beugen wird. Gerne sogar. Er hat eine Aufgabe gefunden in Zeiten des Zerfalls, in der die Unsicherheit regiert. Dabei weiß er um die mysteriösen Kreaturen, die im Dunkeln lauern, weiß sogar um den Riss in der Welt, den Abgrund, in den sein Vater Kadaver wirft. Von Lebewesen, die er eigenhändig und ohne Not getötet hat. Möglicherweise. Erst nach 137 Seiten wird der titelgebende Volkszähler auf dem Berg erscheinen, um ins Loch hinabzusteigen und es uns wissen lassen. Oder auch nicht.

Der vorherrschende Zustand in Miévilles Roman ist die Unsicherheit. Der Erzähler beschreibt eine rätselhafte Welt in der Schwebe, voller Sehnsucht nach Ordnung und Nähe. Der Protagonist selbst torpediert jedes Gefühl der Sicherheit, er ist ein äußerst unzuverlässiger Erzähler. Beschreit er zunächst, dass seine Mutter seinen Vater umgebracht hat, wird er später das Gegenteil behaupten und seinen Vater zum Mörder deklarieren. Was aber kaum mehr als ein Schulterzucken bei den Bewohnern auslöst, und schon gar keine Ermittlung der Dorfpolizisten. Nur ein weiteres Geheimnis. Das weder gehütet, bewahrt oder entschlüsselt wird. Obwohl der Vater des Jungen Schlüsselmacher ist und viele Kunden besitzt. Doch wofür dienen die Schlüssel, die er herstellt – sind sie zum Öffnen geschaffen oder zum Verschließen? Auch das bleibt im Ungefähren.

„Dieser Volkszähler“ entzieht dem Leser mit jeder Seite den Boden unter den Füßen. Voller poetischer Bilder und Verweise, fast halluzinogen tastet sich unsere Hauptfigur durch eine Umgebung, in der es weniger auf das Erkennen ankommt als das Deuten. Nichts ist mehr wie es war und manchmal werden Wünsche wahr und manchmal Alpträume. Was aber, wenn alles nur erträumt ist, eine andauernde Agonie, mit kurzen Ausflügen an die Oberfläche des Bewusstseins.

Dorthin, wo die vermeintlich elternlosen Kinder und Jugendlichen des Brückendorfes auf den Erzähler warten, um ihn quasi zu adoptieren, beziehungsweise unter ihre Fittiche zu nehmen. Wenn sie nicht spurlos verschwinden oder nur noch in Erzählungen und Erinnerungen weiter existieren. Die trübe sind im flackernden Kerzenschein.

Das ist fast so als schicke Franz Kafka den Jungen in ein dunkles Wunderland hinter blinden Spiegeln. Miéville ist ein meisterlicher Erzeuger von Stimmungen. Ihm reichen Andeutungen, kleine ausgefeilte Episoden, wie aus den Augenwinkeln beobachtet, um seine Novelle in fahles Licht zu tauchen und das Sinistere hinter den Worten zu betonen, eine Poesie des Schreckens zu erzeugen. Im Prinzip lässt er seinen Erzähler Gegenaufklärung betreiben. Je mehr wir erfahren, umso unergründlicher wird das, was wir zu wissen glauben.

Schleichender Horror durchzieht Miévilles Werk, kein lauter, polternder, blutiger. Er verbirgt sich im Schatten, im Geheimnisvollen, für das es keine Erklärungen gibt, nur Vermutungen. Es ist die ständige Bedrohung durch Verlust von Werten, Sicherheit und Beziehungen, Menschen, die einem nahe stehen. Der erzählende Junge verliert sich im Fabelhaften, hofft im Volkszähler seinen Messias zu sehen, der Ordnung ins Chaos bringt, der die Zerstörung und die Ungewissheiten überwindet. Durch Katalogisierung und die Erfassung von Daten. Doch diese Hoffnung könnte eine trügerische sein, oder schlimmer noch, der Beginn einer neuen Diktatur. Der Riss in der Welt wird sich nicht schließen, er wird größer werden. „Ich habe von dem Loch geträumt“ heißt es gegen Ende der Novelle. Der Berg wird darin verschwinden, und mit ihm all die „Ausrangierten“, die dort lebten.

Letztlich ist „Dieser Volkszähler“ eine große Abwesenheitsnotiz. Ein Buch des Abschieds, voller Sehnsucht nach Versöhnlichem. Mit nur linder Hoffnung, es zu finden.

Ein großes Lob geht wieder an den Übersetzer Peter Torberg, dem es gelungen ist, China Miévilles ganz eigenen, lyrischen Sprachfluss auch im Deutschen zu erhalten.

Cover © Liebeskind Verlag

  • Autor: China Miéville
  • Titel: Dieser Volkszähler                           
  • Originaltitel: This census-taker
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 23.01.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 173
  • ISBN: 978-3-95438-071-8
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    Leseprobe

Wertung: 12/15 genaue Volkszählungen


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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