Antje Wagner – Unland (Buch)

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Antje Wagner - Unland (Cover © Beltz/Gulliver)Story:
Für die 14-jährige Franka beginnt nach etlichen Pflegefamilien ein neues Leben im Haus „Eulenruh“ im verschlafenen Örtchen Waldenburgen in Sachsen-Anhalt. Neben ihr betreut das engagierte Ehepaar Kämpf sechs weitere Kinder, die aus ähnlichen Verhältnissen kommen wie Franka. Das neue Leben ist eine Herausforderung, ganz besonders an Frankas Schule, in der sie von Anfang an ein Außenseiter ist, da sie nicht dem gängigen Mädchen-Bild entspricht. Schnell wird sie als Lesbe tituliert und hat es schwer, sich einen Platz zu erkämpfen. Lediglich die anderen Kinder von „Eulenruh“ stehen zu ihr, schweißt ihr Zuhause sie doch zusammen.

Doch nicht nur dieses neue Leben beschäftigt Franka, sondern auch das Stückchen Land jenseits der Felder – Unland. Niemand darf zu den verlassenen Ruinen gehen, von den Bewohnern wird ihre Existenz totgeschwiegen. Frankas Neugierde ist geweckt, ganz besonders, weil sich seltsame Dinge ereignen, die allesamt mit Unland zu tun haben und seltsame Stromausfälle immer wieder für Unruhe und Panik im friedlichen Waldenburgen sorgen …

Eigene Meinung:
Antje Wagner ist bekannt für ihre ungewöhnlichen Jugendbücher, für die sie bereits mehrere Preise erhalten hat, und ihre lesbischen Krimis und Dramen. Mit „Unland“ legt sie nach „Vakuum“ (der demnächst verfilmt werden soll) einen ungewöhnlichen Jugendthriller vor, der durch angenehm untypische Helden und eine rätselhafte Geschichte voller Wendungen besticht.

Die Geschichte beginnt langsam und lässt dem Leser viel Zeit, die Figuren kennenzulernen. Jeder Charakter hat seine Probleme und Besonderheiten und wäre da nicht das mysteriöse Unland, hätte man es mit einem klassischen Jugendbuch zu tun, das die verschiedenen Sorgen und Probleme von Jugendlichen ins Zentrum stellt. Sei es nun Franka, die mit ihrer Art und ihrem Aussehen überall aneckt, die Zwillinge Lizzie und Ann, die so unterschiedlich wie Tag und Nacht sind oder der nerdige Matthias, der seine Zeit am liebsten vor dem Computer verbringt – die Kinder von Eulenruh sind anders als ihre Mitschüler. Die Dorfbewohner beäugen das Erziehungsheim skeptisch und sind von Vorurteilen getrieben. Doch gerade die Ruinen jenseits von Waldenburgen nehmen nach und nach mehr Raum ein und treiben die Geschichte in eine völlig andere Richtung. „Unland“ wird mit jeder Seite mysteriöser und geheimnisvoller, thrillerhafter und spannender. Zu Beginn streut Antje Wagner die Hinweise noch sehr geschickt und spärlich am Rande ein, mit der Zeit passieren immer mehr seltsame Vorfälle, die alle mit Unland zu tun haben. Das Geheimnis, das Franka und ihre neuen Freunde schließlich lüften, verschlägt dem Leser durchaus den Atem und kommt vollkommen überraschend. Leider muss man sagen, dass die Hintergründe nicht gänzlich aufgeklärt werden und viele Fäden lose liegen gelassen werden. Die Autorin lässt vieles im Unklaren und bietet dem Leser eher ein offenes Ende, das ihn ein wenig ratlos zurücklässt. Sicherlich kann man die Geschichte selbst weiterspinnen und sich viele Dinge erklären, aber ein bisschen mehr wäre schön gewesen.

Die Charaktere sind toll ausgearbeitet und entsprechen überhaupt nicht dem gängigen Klischee. Franka ist eine ungewöhnliche Heldin, da sie von vielen für einen Jungen gehalten wird und lieber in Hosen herumläuft, Lizzie und Ann haben ebenfalls ihre Eigenheiten und Spleens, die sie durchweg sympathisch machen. Matthias wirkt wie der nerdige Außenseiter, der sich in der Schule anzupassen versucht, und der gutaussehende Ricardo hat wenig für Mädchen übrig und ist lieber für sich. Sie alle entsprechen nicht den üblichen Jugendlichen, da jeder von ihnen ein Sonderling ist. Dies wird in der Schule klar, wo Franka sogar einen entsprechenden Vortrag halten darf, der die Thematik Anderssein sehr gut aufgreift und darstellt.
Die Nebenfiguren sind durchweg spannend, allerdings wirkt vieles sehr schwarz/weiß – auf der einen Seite die Bewohner von Eulenruh, auf der anderen die Dörfler mit ihren verschrobenen Ansichten. Auch die Jugendlichen von Waldenburgen sind fast durchweg negativ dargestellt, mit einigen wenigen Ausnahmen.

Stilistisch ist „Unland“ sehr gut gelungen – Antje Wagner hat einen sehr eindringlichen, atmosphärischen Schreibstil, der fesselt und neugierig macht. Zwar braucht das Buch ein wenig, um anzulaufen, doch sobald Unland mehr und mehr ins Zentrum rückt, fällt es schwer, die Lektüre zu unterbrechen – man will hinter das Geheimnis der Ruinen steigen und herausfinden, was sich dort verbirgt. Die Figuren sind ebenfalls sehr schön in Szene gesetzt – jeder ist individuell und einzigartig, auch was die jeweilige Sprache anbelangt.

Fazit:
„Unland“ ist ein spannendes Jugendbuch mit toller Grundidee und angenehm untypischen Charakteren, das jedoch aufgrund des offenen Endes und der vielen ungeklärten Punkte nicht jeden überzeugen kann. Wer Antje Wagners Jugendthriller kennt und mag, dem wird auch „Unland“ gefallen, denn sie kann sowohl stilistisch als auch spannungstechnisch ein hohes Niveau halten. Reinschauen!

Cover © Beltz & Gehlberg

  • Autor: Antje Wagner
  • Titel: Unland
  • Verlag: Beltz & Gehlberg
  • Erschienen: 03/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 381
  • ISBN: 978-3-407-74511-8
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 10/15 dpt

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Über den Autor

Juliane Seidel

Autorin, Illustratorin, Designerin, Organisatorin, Leserin.

Gründerin der Rezensionsseite „Like a Dream“

Seit über 15 Jahren Rezensent von homoerotischen Medien (Buch, Comic, Film) für die Plattform „Like a Dream“, für Booknerds (Romane) und Amazone Vine (div. Artikel).

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Antje Wagner – Unland (Buch)

von Juliane Seidel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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