Jonas Karlsson – Das Zimmer (Hörbuch, gelesen von Mark Bremer)

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Jonas Karlsson - Das Zimmer (Cover © rubikon audioverlag)Strafversetzung in ein Großraumbüro, Refugium inklusive

Irgendwo in Schweden. Nach einer Strafversetzung landet der Angestellte Björn in einem Großraumbüro und muss sich fortan mit neuen Kollegen konfrontiert sehen. Kollegen, die aus Björns Sicht kaum zu ertragen sind. Die Art, wie sie sich geben und die Arbeit, die sie verrichten, dieses Chaos und dieses Eingepferchtsein – all das verabscheut der Neuling zutiefst, denn er arbeitet gewissenhaft, akribisch, nahezu pedantisch. Korrekt. Zügig. Diszipliniert. Immer 55 Minuten lang, dann fünf Minuten Pause.

Sehr bald entdeckt er im Büro – drüben bei der Tonne fürs Altpapier, beim Fahrstuhl – ein geheimes Zimmer, in welches er sich immer wieder zurückzieht. Dort kann er seiner Produktivität freien Lauf lassen, hat seine Ruhe, kann kreativ sein. Dort fühlt er sich komplett und geerdet. Doch seine Kollegen und Vorgesetzten scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben, denn diese behaupten, das Zimmer existiere nicht. Sie kritisieren sein seltsames Verhalten, sind von seinem Selbstbewusstsein völlig verstört, und zudem wird viel hinter seinem Rücken über ihn getuschelt. Ihm sind die Menschen um ihn herum ein Rätsel.

Ein Panoptikum der unterschiedlichen Wahrnehmungen

Jonas Karlsson erschafft mit diesem in über sechzig knackig kurze Kapitel aufgeteilten Roman ein beeindruckendes Panoptikum der unterschiedlichen Wahrnehmungen, denn jene des in der ersten Person erzählenden Protagonisten ist das absolute Gegenteil von der seines kollegialen Umfelds – jeder scheint sich seine eigene Realität zu erschaffen. Und während Björns Mitarbeiter sich im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gefüge wohlfühlen oder sich zumindest mit entsprechenden Gegebenheiten arrangieren, sucht Björn in dieser Maschine noch seinen Platz als funktionierendes Teil. Konformität kollidiert mit Inkompatibilität, und wenn das inkompatible Teil dennoch mit aller Gewalt in die Maschine gedrückt wird, sind Aufregung und Unruhe vorprogrammiert. Denn dann hat das Getriebe eine Unwucht, knarzt oder steht komplett still.

Der Autor, der in Schweden auch als Schauspieler bekannt ist, weiß mit einer klaren, einfachen, aber nie platten Sprache das Geschehen, sein Geschehen, um Björn herum zu beschreiben und stellt die Emotionen all der Bürokollegen sehr echt dar – ebenso ist der umweglose Blick in Björns Gedankenwelt durch diese verbale Rohheit äußerst vereinnahmend, denn man versucht ihn als Leser (beziehungsweise Hörer) zu verstehen. Man gelangt in einen Strudel der Ambivalenz, weil man den Protagonisten einerseits als gewissenhaften Perfektionisten, der im Kern doch eigentlich ein Guter ist, wahrnimmt und ihn liebgewinnt, andererseits aber verschreckt wird von seiner doch sehr direkten, manischen, wechselhaften, oftmals gar ruppigen Art, die ihn dann wiederum als den unsympathischen, zuweilen gruseligen Psycho dastehen lässt – zumal seine fehlende Sensibilität auf einige Personen eine äußerst kränkende und verletzende Wirkung hat.

Man bewundert Björn und schüttelt zugleich den Kopf über ihn. Versteht ihn und wird nicht aus ihm schlau. Möchte mit ihm philosophieren und ihn dann doch lieber ohrfeigen.

Wer ist nun das Opfer?

Auch den Roman selbst kann man mehrfach interpretieren. Eine Möglichkeit wäre, „Das Zimmer“ als eine Art Erzählung über einen offenbar psychisch kranken Mann, dem man die Chance gegeben hat, sich als sozial ‚inkompatibler‘ Mensch in das System einzufügen, zu verstehen. Eine andere Möglichkeit wäre, das Buch als Kritik gegen ein System aufzufassen, in dem die wichtigsten Werte Effizienz und der damit einhergehende Gewinn sind. So oder so:  Sind wir nicht alle ein bisschen Opfer?

Doch wer befürchtet, dass dieses Werk deprimieren könnte, darf erleichtert sein: „Das Zimmer“ ist keinesfalls ein negativer Roman, denn zusätzlich zur dramatischen Komponente wohnt der Geschichte reichlich Ironie sowie ein sehr spezieller, eigenwilliger, subtiler Humor inne, der das (Hör-)Buch zu einem runden Gesamtwerk formt.

Perfekt vertont

Wie „Das Zimmer“ in papierner Form wirkt, vermag der Rezensent nicht zu beurteilen – das (ungekürzte) Hörerlebnis jedoch darf als fürwahr intensiv bezeichnet werden: Der Roman scheint nahezu wie geschaffen für den umtriebigen Sprecher Mark Bremer, der mit seiner tiefen und variablen Stimme sehr genau die unterschiedlichen Stimmungen wiedergibt. Zuerst quillt der graue Alltag förmlich aus ihm heraus, dann wieder erhebt sich die Stimme, wenn sich Björn wieder über das Unvermögen seiner Mitmenschen echauffiert. Oder aber senkt sich der Ton in nahezu sedierender Art, wenn Björn sich wieder in seinem „Zimmer“ befindet. Doch als Hörer zuckt man regelrecht zusammen, wenn der Protagonist einmal mehr die Contenance verliert und seinen Kolleginnen und Kollegen schroffer und ungehaltener als beabsichtigt begegnet.

Letztendlich ist „Das Zimmer“ ein perfekt vertonter packender Roman, der nicht nur eine Erzählung ist, sondern auf gewisse Art und Weise auch eine – wenn auch lediglich fiktive – Fallstudie. Und ja, in der Tat handelt es sich um ein Werk mit viel Kafka-Flair, wie vielerorts angemerkt wird.

Cover © rubikon audioverlag

Wertung: 14/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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