Takis Würger – Der Club (Hörbuch, gelesen von Matthias Koeberlin, Anna Maria Mühe und anderen)

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Takis Würger - Der Club Cover © headroom sound productionEs gibt diese Bücher, bei denen man am Anfang irgendwie noch in einer Art Nebelfeld mit veränderter Gravitation umher tapert, und irgendwann leuchtet Dich etwas wie eine visuelle Ohrfeige an und die Sicht wird klarer. Ein solches Buch ist „Der Club“, der Debütroman des Journalisten Takis Würger. Doch beginnen wir von vorn.

Der als Kind wohlbehütete Hans Stichler ist seit jeher ein Mensch der unscheinbaren Sorte, und das sorgt dafür, dass er als Schüler sehr bald in die Rolle des Außenseiters rutscht und sich damit abzufinden lernt. Als er in der Schule eine Prügelei verwickelt ist, meldet sein Vater ihn zum Boxtraining an, und das verleiht ihm einiges an Selbstbewusstsein. Doch sein Leben bekommt einen erheblichen Knacks, denn erst verliert er im zarten Alter von 15 Jahren seinen Vater bei einem Unfall während einer Fahrt zu einer von Hans‘ Trainingsstunden, und nur ein paar Monate später ist er Vollwaise, da seine Mutter an ihrer jahrelangen Krebserkrankung, die sie bereits seit ihrer Schwangerschaft mit Hans hatte, stirbt.

Anstatt Hans bei sich aufzunehmen, steckt ihn seine in England lebende Tante Alex in ein kirchliches Internat, nicht zuletzt, weil sie geistig nicht stabil ist und sich nicht der Fürsorge und der Erziehung mächtig fühlt. Auf diesem Internat erlangt Hans, der weiterhin an sich selbst und an seinen sportlichen Fähigkeiten arbeitet, dann auch sein Abitur, und nun möchte der junge Mann etwas aus seinem Leben machen. Sein Traum ist, an einer Eliteuniversität zu studieren, und Alex mobilisiert eine ihrer Doktorandinnen, Charlotte, ihm ein Stipendium sowie einen Studienplatz zu verschaffen – und so in den elitären Pitt Club von Cambridge aufgenommen zu werden. Mit Erfolg.

Doch Charlotte setzt sich nicht ohne Hintergedanken für Hans ein, und die erwartete Gegenleistung ist keine Kleinigkeit: Hans soll praktisch undercover die Geheimnisse dieses Clubs lüften und ein Verbrechen aufklären, von welchem auch Tante Alex weiß. Welches Verbrechen das sein soll, darüber wird sich noch ausgeschwiegen. Und so taucht der mittlerweile junge Erwachsene in eine Welt ein, die komplett anders ist als vermutet. Immer wieder holen ihn die Zweifel ein, ob der eingeschlagene Pfad der richtige war, doch nicht zuletzt das Boxen, dem er sich auch in England widmen kann, hilft ihm immer wieder, einen freien Kopf zu bekommen. Es dauert nicht lang, und er wird in den speziellen Aufnahmeritus des Clubs aus jungen Männern eingeführt und glaubt kaum, was ihn dort erwartet. Doch auch von ihm wird Loyalität gefordert – wie es bei solcherlei Studentenvereinigungen eben Usus ist.

Im Laufe der Geschichte, die in knackig kurzen Kapiteln jeweils aus der Sicht verschiedener Charaktere erzählt wird, treffen wir nicht nur auf Charlotte, Alex und Hans, sondern auch auf Charlottes Dad Angus, den homosexuellen Billy, der dennoch versucht, Fuß im Boxring zu fassen, und dann wäre da noch der Asiate Peter Wong, welcher für einen Platz in diesem Club regelrecht brennt sowie Josh, ein ziemlicher Egomane, der sein Ding durchzieht, zwar gutaussehend, mit einer beeindruckenden Ausstrahlung gesegnet und gesundheitsbewusst lebend, aber ein menschliches Arschloch. Wir werden ebenso mit einem gewissen Magic Mike sowie dem Bekleidungsladenbesitzer Ryder konfrontiert. Wer hier welche Rolle spielt und was wie zusammenhängt, das versucht Hans herauszufinden. Ob ihm allerdings die schon zu Anfang sehr intensiven Gefühle für Charlotte, die ihrerseits wie auch Hans mit Traumata zu kämpfen hat, unbedingt dabei helfen, fokussiert zu bleiben?

Der Leser/Hörer hat hier einen Vorteil, denn er schaut nicht nur in einen, sondern in neun Köpfe. Und dieser Perspektivwechsel zwischen diesem dreiviertel Dutzend Figuren hält die ohnehin sehr zügig und ohne viel Ballast dargebotene Story spannend – fast wie mit schnell wechselnden Kameras in einem Film wird hier ohne ein Gramm Fett und ohne Ausschmückungen in einer rauen, einfachen Sprache und dadurch menschlich-echten, obendrein ungeschönten Art und Weise eine Geschichte erzählt, die Stück für Stück beengender wirkt, und man ahnt als der Story Beiwohnender zunehmend, was hier eigentlich los ist – und man darf überrascht sein, wie Hans die Sache aufklärt – nämlich auf seine ureigene Weise.

Die Ausdrucksweise der verschiedenen Figuren wirkt niemals aufgesetzt – jeder einzelne Charakter bekommt seine individuelle verbale Klangfarbe. Hans beispielsweise hat eine deutlich besonnenere Wortwahl als beispielsweise Josh, bei dem die Selbstherrlichkeit, der Perfektionsdrang, das Schönreden und die Wichtigtuerei aus jeder Zeile trieft. Nahezu plastisch werden die neun Figuren allerdings erst durch ihre Sprecher, die – das muss man hier anerkennend betonen – kaum besser hätten ausgewählt werden können.

Matthias Koeberlin ist die perfekte Wahl für Hans, denn die ruhige, tiefe und weiche Stimme passt optimal zu Hans‘ introvertiertem Wesen. Auch Charlotte und Alex, gesprochen von Anna Maria Mühe beziehungsweise Frauke Poolman, werden authentisch wiedergegeben. Jean Paul Beck als Billy trifft ebenfalls genau den richtigen Ton, wie auch Hartmut Stanke, dessen leicht kehlige Stimme Angus eine spezielle Strahlkraft verleiht. Ein geheimer Star auf dem Hörbuch ist allerdings Jonas Minthe, der die Arroganz und Arschlöchrigkeit des Josh derart überzeugend rüberbringt, dass man als Hörer am liebsten in dieses Hörbuch hineinkriechen und Josh verprügeln und ihm seinen Bio-Gesundheitsfraß mitsamt Behältern und Verpackungen in den Hals stopfen möchte.

Unerwähnt lassen sollte man aber auch nicht die Sprechrollen von Louis Friedemann Thiele (als Peter Wong), Bernd Kuschmann (Ryder) und dem Autor selbst (als Magic Mike) – das hohe Niveau der Sprecher zieht sich durch sämtliche Relevanzstufen dieses Werkes.

Mit dem sockengemusterten „Der Club“ gelingt Takis Würger ein sehr spezielles, durch seine schlichte Sprache sehr nahe gehendes, trotz Vorahnungen spannendes, nahezu ballastfreies und insgesamt sehr rundes Debüt, das absolut verdient bereits einige Achtungserfolge einheimsen konnte.

Cover © headroom sound production/Kein & Aber

  • Autor: Takis Würger
  • Titel: Der Club
  • Label: headroom sound production
  • Erschienen: 03/15
  • Sprecher: 
    Matthias Koeberlin
    Anna Maria Mühe
    Frauke Poolman
    Hartmut Stanke
    Jean Paul Baeck
    Jonas Minthe
    Louis Friedemann Thiele
    Takis Würger
    Bernd Kuschmann

  • Spielzeit: 5:41 Stunden auf 5 CDs
  • ISBN: 978-3-94217-590-6
  • Sonstige Informationen:
    Ungekürzte Lesung
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten
    Buchversion erschien beim Verlag Kein & Aber

Wertung: 15/15 dpt

 

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 In Mannheim geboren, in der Pampa vor Kassel lebend. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Takis Würger – Der Club (Hörbuch, gelese…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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