Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Spielfilm, Kino)

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Es ist Besson-Woche im Cubix am Alexanderplatz: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ und „Das fünfte Element“ – zweierlei Space-Fantasy im Vergleich.

Zuvor die Trailer:

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Kinostart: 26. Oktober 2017

„Jugend ohne Gott“ – Eine Literaturverfilmung, die auf den ersten Blick kaum etwas mit ihrer Vorlage zu tun hat. Leistungsdruck und Wohlstandssorgen ersetzen im Jahr 2017 die allumfassende gesellschaftliche und seelische Deformation von Jugendlichen im Dritten Reich. Es lebe die Zurschaustellung von Kapitalismuskritik in einem kommerziellen Film!
Kinostart: 31. August 2017

Der große Popcorn-Eimer ist trotz dreier Esser noch nicht annähernd leer. Es beginnt: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“.

Die Leinwand ist schwarz. Stille. Produktionslogos tauchen auf, von fern erklingt eine Gitarrenmelodie, Synthi-Klänge, ein sachtes Schlagzeug: Space Oddity.
Wir schreiben das Jahr 1975, als die erste Begegnung zweier bemannter Raumflugkörper (Apollo-Sojus-Test-Projekt) stattfindet. Freude über den geglückten Versuch, ein Handschlag, Freundschaft über ideologische Grenzen hinweg – weit oben über der Erde in der Blechdose. Es ist nicht die letzte Begegnung dieser Art: Im Zeitraffer erobert die Menschheit das All: Russ*innen, Amerikaner*innen, Araber*innen, Afrikaner*innen, Asiat*innen und dann der erste Kontakt mit nichtmenschlichem Leben. Wieder ein Handschlag und längst nicht der letzte.

Im Stil von Kubricks „2001“ erzählt Luc Besson den Prolog seines neusten Streichs „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“. Viele Kritiken ignorieren diese wunderbar komponierte und in ihrer Botschaft überdeutliche Szene, für die allein der Besuch des Films lohnt. Doch nicht nur Stanley Kubrick, sondern auch Bessons eigener Kultfilm „Das fünfte Element“ bildet die strukturelle Vorlage für den Anfang von „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“. Dem erdnahen Raumballett folgt in beiden Fällen die gelungene Inszenierung einer Bedrohungssituation und das blitzartige Erwachen der Hauptfiguren Corben beziehungsweise Valerian. Damit liegt die Messlatte für die aktuelle Adaption der Comic-Reihe „Valerian et Laureline“ sehr hoch, denn zu Unrecht wurde das inzwischen Kult gewordene „Fünfte Element“ bei seinem Erscheinen von Kritik und Publikum als Trash verrissen.

Der Film (eben in ausgewählten Kinos als neu abgetastete 4K-Fassung zu sehen) war 1997 an Opulenz kaum zu überbieten, optisch und auch akustisch schwer überladen kam er daher: Ein Kreuzfahrtschiff im All, ein Radiomoderator, der vermutlich die Mode von Panems Capitol inspirierte, der New Yorker Moloch mit 3D-Verkehr, eine Opern-Diva, die Techno singt, und natürlich die umwerfenden Kostüme von Modelegende Jean Paul Gaultier.
Unvergessen und genial außerdem die Schnitte, die Dialoge verschiedener Handlungsebene und Orte zu einem für das Publikum verständlichen und häufig recht witzigen Plot verbanden.
Dazu kam eine geübte Schauspieler*innenriege, die von der Anfängerin Milla Jovovich ergänzt wurde. Der herrlich überdrehte Ian Holm als Pater Cornelius, Bruce Willis als Raubein Corben und Gary Oldman als eher lächerlicher denn böser Schurke Zorg bewiesen einmal mehr ihr Talent.

Kann „Valerian“ diese Qualität halten und die Erwartungen an Besson erfüllen? Zu Beginn schon: Untermalt von David Bowie lässt der Regisseur Figuren und Raumschiffe schweben, inszeniert vorsichtige Annäherungen. Im Bewusstsein, dass alles schief gehen könnte und dennoch mit dem Mut und der Neugier großer Entdecker*innen, begegnen sich Fremde im Weltraum. Dabei wechselt das Bildformat, das Rauschen weicht einer hochauflösenden Optik und trägt das Publikum in die knallbunte und gestochen scharfe Gegenwart Valerians, der mit seiner Partnerin Laureline unterwegs zu einer geheimen Mission ist. Optisch ist das dem „Fünften Element“ weit überlegen und eine Augenweide.

Ob es sich beim Auftrag der beiden Agent*innen um Artenschutz oder menschliche Gier handelt, bleibt unklar, wie vieles andere auch (vermutlich sofern man die Comic-Vorlage nicht kennt): Wie funktioniert der große Markt? Woher hat das Schnabeltier-Dreigestirn seine Informationen? Kackt der Mul-Transformator die Perlen oder ist er eine Art Popcornmaschine? Man könnte endlos weiter fragen, vielleicht auch warum Besson sich beim Drehbuchschreiben nicht helfen ließ.
Muss man aber nicht, denn „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ funktioniert, obwohl oder vielleicht gerade weil sein einziger Maßstab die Ästhetik zu sein scheint. Sieht die telepathische Qualle gut aus? Ja. Ist der große Markt überwältigend? Ja. Ist der Kaiser der Pearls der schönste Transmann des ganzen Universums? Ja. Allein die Vielfalt der Figuren, Kostüme und Szenerien (nein, sie sind nicht von Star Wars abgekupfert, sondern von den Comics inspiriert) ist überwältigend, auch im Vergleich zu „Das fünfte Element“, das nur sehr wenig außerirdisches Leben zeigte.

Leider enden an dieser Stelle die Liste der Pluspunkte von „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“. Zu groß sind die Lücken zwischen den erzählten Episoden (Ja, auch eine Comic-Verfilmung sollte dramaturgisch konsistent sein, obwohl man die Leerstellen mit Lektüre füllen kann.), zu blass wirken durchweg alle Darsteller*innen. Vor allem das Zusammenspiel von Laureline (Cara Delevingne) und Valerian (Dane DeHaan) ist hölzern. Vor allem Dane DeHaans schauspielerisches Können reicht kaum aus, um die Zuschauer*innen zu überzeugen. Man sieht, welche Figur Valerian sein könnte, aber immer wieder fragt man sich, ob seine Lächerlichkeit Absicht oder schlichtem Unvermögen geschuldet ist. Interessanterweise sind es Aymeline Valade und Pauline Hoarau, zwei Models, denen eine etwas überspielte, aber dennoch überzeugende Darstellung des Kaiserpaars von Mul gelingt – trotz Maske und CGI.

Dennoch lohnt „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ den Gang ins Kino. Wie das letzte europäische Großprojekt „Cloud Atlas“ ist auch dieser Film ein ambitionierter Versuch, den amerikanischen Blockbustern (hier vor allem den allgegenwärtigen Comic-Filmen) ästhetisch und narrativ etwas entgegenzusetzen.
Während Camerons Na’vi (der häufige, aber darum längst nicht richtige Vergleich vieler Kritiken) schonungslos um ihre Heimat kämpfen, sind Bessons Pearls pazifistische Wesen. Sie erbitten, was sie benötigen, um ihre zerstörte Zivilisation wieder aufzubauen und es wird ihnen gegeben. In den Verhandlungen mit Laureline und Valerian wird nicht gedroht, keine verbale und keine physische Gewalt gehen von ihnen aus. Die verhältnismäßig kleine Schlacht am Ende des Films berührt die Pearls kaum. Diese Verbindung von körperlicher und seelischer Ästhetik ist letztlich ein altes Märchenmotiv (siehe z. B. die schöne Goldmarie und die hässliche Pechmarie), das Besson auch schon für Leeloo nutzte. In „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ kommt es nur in den Nebenfiguren zum Einsatz, wird dafür aber mit aller Konsequenz ausgearbeitet.
Ebenso unkonventionell, aber der Vorlage treu, ist das Verhältnis der Hauptfiguren. Im Gegensatz zum Titel des Films hält Laureline die Zügel der Mission fest in der Hand. Sie begegnet Valerian auf Augenhöhe und übertrifft ihn im entscheidenden Moment an Empathie und Menschlichkeit. Besson hat in ihrer Figur die Themen der Comics (u. a. Ökologie, Politik, Emanzipation) auf kluge und etwas rotzige Art ins 21. Jahrhundert transportiert. Wer sagt schließlich, dass Frauen immer freundlich und nett sein müssen? Cara Delevingne spielt ihre Laureline stark in ihren Emotionen, aber auch in ihrem Willen und Durchsetzungsvermögen.
Dane DeHaan liefert dagegen eine zeitgenössiche Interpretation von Männlichkeit, eine Art Möchtegern-James-Bond. Er liebt Laureline aufrichtig, meint aber, sie mit Machogedöns und Großspurigkeit erobern zu müssen, wofür er mehrfach eine Abfuhr bekommt, bevor er lernt, verantwortlich und mitmenschlich zu handeln. Besson setzt amerikanischen Superhelden mit Valerian eine Figur entgegen, die für Entwicklungsfähigkeit, emotionaler Reife und zugelassenem Zweifel jenseits der Weinerlichkeit untergegangener Männlichkeitsepochen steht.

Fazit: Den Vergleich mit „Das fünfte Element“ kann „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ nicht für sich entscheiden. Zu sehr ist Besson in die technischen Möglichkeiten und die Optik vernarrt, zu wenig überzeugen Dramaturgie und Schauspiel. Es ist ihm dennoch zu wünschen, dass der Film nicht nur die Kritiker*innen sondern auch das Publikum anspricht, denn gerade ob seiner Ästhetik und in seiner Grundaussage ist er als Gegenpol zur Marvel-DC-Einheitssuppe ein Gewinn.

Cover © Universum Film GmbH

  • Titel: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten
  • Originaltitel: Valerian and the City of a Thousand Planets
  • Produktionsland und -jahr: Frankreich, 2017
  • Genre:
    Science-Fiction, Space-Fanatsy
  • Erschienen: 20.07.2017
  • Label: Universum Film GmbH
  • Spielzeit: 138 Minuten
  • Darsteller:
    Cara Delevingne
    Dane DeHaan
    Clive Owen
    Rihanna
    Aymeline Valade
    Pauline Hoarau
  • Regie: Luc Besson
  • Drehbuch: Luc Besson
  • Kamera: Thierry Arbogast
  • Schnitt: Julien Ray
  • Musik: Alexandre Desplat
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen: 
    Seite zum Film
     

Wertung: 12/15 Perlen


Über den Autor

Henri Vogel


Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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1 Kommentar

  1. Avatar

    Ich wusste vor dem Kinobesuch nichts über den Film, den Inhalt, die Comic-Vorlage; und ich wusste auch nach dem Kinobesuch nicht so recht, was ich da eigentlich gesehen hatte – fühlte mich aber recht gut unterhalten.

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von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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