Frank Schätzing – Die Tyrannei des Schmetterlings (Buch)

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Künstliche Intelligenz ist ein ernstzunehmendes Thema unserer Zeit. Was Computer zu lernen in der Lage sind und inwiefern Computer, deren Intelligenz die des Menschen übertrifft, gesellschafts-, wirtschafts- und sicherheitspolitisch nützlich oder wünschenswert sind, beschäftigt nur die wenigsten im Alltag. Dabei ist ein Gedankenspiel, das sich mit den Konsequenzen der digitalen Revolution auseinandersetzt, durchaus kein überflüssiger Luxus, schließlich betrifft die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung vieler Vorgänge schon heute viele Arbeitnehmer und wird in absehbarer Zukunft unser privates Umfeld und die Arbeitsmärkte grundlegend verändern. Frank Schätzing hat sich in seinem neuen Roman Die Tyrannei des Schmetterlings an ein solches Gedankenspiel gewagt und hierfür ausführliche Recherchen betrieben.

Herausgekommen ist ein knapp 750-seitiger Wälzer, der mehr bietet als klassische Science-Fiction. Bei Schätzing geht es nämlich nicht so sehr um Androide oder Cyborgs, sondern um einen Supercomputer, den das im Silicon Valley ansässige Unternehmen Nordvisk unter Leitung von Elmar Nordvisk ins Leben gerufen hat, Ares (Artificial Research and Exploring System), der wie ein künstlicher Wissenschaftler arbeiten und der Menschheit nur Gutes bringen soll. Ein erstes selbständiges Projekt, das Ares ausgearbeitet hat, wird in einer geheimen, unterirdischen Zweigstelle im ländlichen Kalifornien umgesetzt.

In der Nachbarschaft eben jener Forschungsanlage entdeckt Undersheriff Luther Opoku eine weibliche Leiche. Durch seine Ermittlungen kommt er in Kontakt mit Nordvisk, von dessen Aktivitäten in seinem County er bis dahin nichts ahnte, und die Dinge nehmen ihren Lauf. Statt mit der Suche nach verschwundenen Katzen, der Rettung vermeintlich ohnmächtiger Großmütter oder schlimmstenfalls der Vertreibung illegaler Marihuanazüchter, sieht er sich mit einem Fall konfrontiert, der sein Vorstellungsvermögen auf eine harte Probe stellt, findet er sich doch nach einem Besuch der Forschungsanlage, der in eine Verfolgungsjagd ausartet, in einer nur um Kleinigkeiten veränderten Wirklichkeit wieder, in der u. a. die Tote quicklebendig ist.

Wie sich herausstellt, handelt es sich um ein Paralleluniversum und in diesem geht Undersheriff Opoku den Dingen auf den Grund. Weshalb musste die Tote in seinem Herkunftsuniversum sterben? Was genau wurde auf den Videos, die im Auto der Toten gefunden wurden, verladen? Wer hat bei Nordvisk Dreck am Stecken? Und welcher größere Plan steckt dahinter? Der einfache Mordfall zieht immer größere Kreise und berührt wissenschaftsphilosophische Fragen. Nichts weniger als das Überleben der Menschheit in verschiedenen Parallelwelten des Multiversums ist bedroht.

Bis zum Showdown dauert es dann aber noch ein paar hundert Seiten und auf denen zieht sich die Geschichte des Öfteren. Schätzing verliert sich gerne in detailversessenen Beschreibungen eben nicht nur der Wirklichkeit der Paralleluniversen, die er erschafft, und der Actionszenen, sondern auch des todlangweiligen Arbeitsalltags eines Sheriffs in der amerikanischen Provinz, wie auch des Privatlebens einiger Figuren, Beschreibungen und erklärende Monologe, die den Plot nicht vorantreiben. Dadurch geht jedes Mal aufs Neue Schwung verloren, sodass der Leser schon ein hohes Maß an Konzentration benötigt, um bei der Stange zu bleiben. Und so erreicht er das Ende der Geschichte einigermaßen erschöpft von all den Exkursen, denen er hat folgen müssen, und ist weniger vom Plot beeindruckt als von dem enormen Rechercheaufwand, der aus dem Gelesenen spricht.

  • Autor: Frank Schätzing
  • Titel: Die Tyrannei des Schmetterlings
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 2018
  • Einband: gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 736
  • ISBN: 978-3-462-05084-4
  • onstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 9/15 dpt


Über den Autor

Christina Brunnenkamp


„Mit viel Faulheit fing es an“ hieß mein allererstes Druckschriftbuch – und was bin ich froh, dass meine Kinder weniger moralisierende Bücher lesen können! Trotzdem habe ich seit jener Zeit immer ein Buch zur Hand, sei es in Papierform oder elektronisch. Schon vor Langem wurde ich deshalb von meinen Freunden zum Leseratgeber erkoren – und weil ich so gerne Menschen zum Lesen anstifte, teile ich meine Leseeindrücke heutzutage online.

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4 Kommentare

  1. Also ich finde die (manchmal wortgewaltigen) Längen des Buchs, die Schilderungen des Alltags, der Beziehungen der Persone, ihrer Charaktere und Umgebungen durchaus interessant und gar nicht langwierig. Nur auf den „Plot“, die Action entlang der Krimigeschichte gierig zu sein, wäre gar nicht mein Ding.
    Was mir weniger an der Geschichte gefällt, das ist die Konstruktion der Paralleluniversen und die Platzierung der Figuren darin. Da wird’s für mich sehr, sehr unglaubwürdig und hochgestochen. Ich denke, es hätte der Geschichte und dem Thema sehr wohl angestanden, die KI nicht so riesig hoch anzusiedeln. Ein Krimi, der KI um genmanipulierte Insekten, Biowaffen, Drohnen und ähnlichen KI-Systemen ansiedelte, inklusive einer Gegenüberstellung und Konfrontation des Reichtums der Silicon Valley Protagonisten, ihrer wohlmeinenden Absichten mit dem, was angerichtet wird, mit den kriminell-politischen Verschwörung in der Armutswelt von Afrika, das hätte Buch und Thema besser getan.

    • Insgesamt hätte ein Verschlanken dem Ganzen gutgetan, denke ich. Man muss in einem einzigen Buch auch nicht zu viel wollen. Deine Themenliste ist auch immer noch ziemlich lang ;-)

      Und was die Personen betrifft: Im Grunde gefällt mir ganz gut , dass immerhin einige charakterisiert werden und nicht nur schemenhafte Verschiebemasse sind, aber das Verhältnis Ausführlichkeit der Beschreibung zu Beitrag zum Plot hängt für mein Verständnis schief und diese Flapsigkeit hätte nicht sein müssen.

  2. Ich finde es super interessant wie unterschiedlich dieses Buch bewertet wird. Normalerweise höre ich Schätzings Bücher immer, aber bei diesem warte ich tatsächlich immer noch ab und bin mir einfach mega unschlüssig.

    Liebe Grüße
    Anna

    • Tja, ich nehme an, Liebhaber der KI-Diskussion finden es spannend, aber ich habe doch ziemlich unter den Längen gelitten. Mein letztes Schätzing-Buch war der Schwarm und das ist ja nun auch schon ein paar Jahre her. Vielleicht hatte ich daran einfach falsche Erinnerungen und ensprach deshalb das Buch nicht meinen Erwartungen. Ich hatte auch den Dialogton anders in Erinnerung. Den habe ich in der Rezension nicht erwähnt, aber genervt hat er trotzdem ziemlich. Diese konstanten Schlagabtausche und diese ständige Ironie. Es hat eben was von einem Detektivroman, nur viel ausführlicher und vor dem KI-Hintergrund. Zum Anhören ist es vielleicht noch ganz unterhaltsam. (Mit Hörbüchern kenne ich mich aber ehrlich gesagt überhaupt nicht aus.)

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von Christina Brunnenkamp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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