Twin Peaks – Der Film (Remastered) (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Linear kann ja jeder! „Twin Peaks – Der Film“ ist nur (ansatzweise) zu verstehen, wenn man mit David Lynch und seinem Werk vertraut ist. Teilweise ist dies auch nur in der Rückschau möglich, weswegen die Anschaffung der nun erscheinenden Remastered-Version von Arthaus durchaus in Betracht gezogen werden sollte. Einige große Schwächen sind auch nach 26 Jahre nach Veröffentlichung nicht wegzureden, dennoch ist das Prequel zur Kultserie nicht so schlecht, wie es seinerzeit die Kritik zum Ausdruck brachte. Der vorliegenden Version liegt zudem noch ein Schmankerl bei, das bei der anspruchsvollen Interpretationsarbeit hilfreiche Ansatzpunkte liefert.

Ein Versuch der Einordnung des Films könnte wie folgt aussehen: Erschienen 1992, also direkt im Anschluss an die zweite Staffel der Erfolgsserie, wird die Vorgeschichte zu den Geschehnissen in Twin Peaks erzählt. Die Figur der Laura Palmer wird nun in lebendiger Form in den Mittelpunkt gestellt, wodurch Schauspielerin Sheryl Lee mehr Platz bekommt, um sich in ihrer Profession beweisen zu können. Leider – das muss sich David Lynch ankreiden lassen – wirkt die gesamte Ausgangsprämisse, als beschäftigte sich der Film vornehmlich mit dem Ausbuchstabieren von all dem, was in der Serie angedeutet, aber von den aufmerksam Zuschauenden bereits verstanden worden ist.

Was „Twin Peaks“ vor allem anlässlich des 25-jährigen Jubiläums angeht, zeigt sich der sonst so auf Verrätselung versessene Lynch in Sachen Material äußerst spendabel. Zunächst erschien das von Lynch-Kollaborateur Mark Frost verfasste „Die geheime Geschichte von Twin Peaks“ in Buch- und Hörbuch-Form, kurz darauf lief die lang versprochene und oft verschobene dritte Staffel an. Dass Lynch die vorangegangenen Folgen ein Vierteljahrhundert zuvor aus der Hand gab, scheint ihn bis heute nicht loszulassen. Schon der Film ist der Versuch eines Zurückholens in die eigene kreative Machtsphäre, Staffel drei wirkt wiederum wie eine nachträgliche Legitimierung der Reparationsversuche.

Was für die neuen Folgen gilt, damit musste sich auch schon „Twin Peaks – Der Film“ auseinandersetzen: Das Material findet gefühlt kein Ende. Zweieinviertel Stunden dauert das Prequel und dehnt diese Spielzeit mit zahlreichen langen und repetitiven Szenen. Der Grundstein für die 18 Folgen „Twin Peaks – The Return“ sind hier gelegt worden, nur ging Lynch später weniger Kompromisse ein und kürzte – anders als beim Film, dessen Überbleibsel in „Twin Peaks – The Missing Pieces“ 2014 in der Box „The Entire Mystery“ veröffentlicht wurden – wohl so gut wie gar kein Material. Darüber hinaus lässt sich über manch eine Kopfgeburt Lynchs trefflich streiten: Mögen manche Traumsequenz eine sehenswerte Ergänzung zum bereits Gesehenen darstellen, sind andere Fantasien in ihrer Symbolik stark abgegriffen und ultrakitschig. Immerhin sind die neuen Angelo Badalamenti-Stücke über alle Zweifel erhaben.

Weniger geschmackssicher driftet die typisch bizarr-verschrobene, surreale Melodram-Stimmung zu häufig in Richtung Freakshow ab und kann sich vom Trash-Vorwurf nicht freimachen. Beim Aufbau der Story stottert es dann doch ordentlich, denn in puncto Komplexität macht Lynch keinerlei Abstriche. Gleichzeitig ergeben sich trotz der überladenen Struktur aufreibende Längen, die dem Stoff über weite Strecken die ohnehin schon rar gesäte Spannung nimmt.

Doch bei all der Kritik lassen sich auch Argumente dafür finden, warum es einen „Twin Peaks“-Film geben darf. Wie bereits erwähnt, beschäftigt sich der Spielfilm mit dem Schicksal von Laura Palmer und bringt bei all den vertrauten Spielorten und Charakteren neue Akzente in das „Twin Peaks“-Universum. Die Stimmung ist weitaus dunkler als in der Serie, die ein hoffnungs- und humorvolleres Bild der Kult-Kommune zeichnete. Musste Laura in den Folgen zunächst ein Mysterium bleiben, damit sich ein spannender Kriminalfall entwickeln konnte, kann hier ein ausführliches Psychogramm einer jungen, traumatisierten High School-Schönheit im provinziellen Drogensumpf erstellt und der dazugehörige Horror ausgebreitet werden.

Die in der Serie nur spärlich in einer Doppelrolle eingesetzte Sheryl Lee bekommt in dieser pechschwarzen Coming-Of-Age-Geschichte endlich genügend Raum, um ihre schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Sie trägt zwei Gesichter und verleiht dem dunklen Doppelleben der beliebten Cheerleaderin ein angemessenes, schizophrenes Antlitz. Das Filmformat hatte seinerzeit den Vorteil, die strenge Zensurabteilung des Fernsehens umgehen zu können. Lynch kostet das voll aus und spart nicht graphischer Gewalt, Blut, Splatter-, Nackt- und Sexszenen. Leider wirkt der Film nicht wie losgelöst, sondern eher verkopft. Aufgrund der Längenbeschränkung musste Lynch abermals Kompromisse eingehen, die ihn in seiner Vision beschnitten.

Fans werden wiederum Einiges vermisst haben. Liebgewonnene Charaktere wie Dale Cooper (Kyle MacLachlan) und Audrey Horne (Sherilyn Fenn) tauchen nur am Rande beziehungsweise überhaupt nicht auf, Lauras beste Freundin Donna Hayward wurde aufgrund von terminlichen Problemen gar mit einer anderen Schauspielerin besetzt. Die Verpflichtungen des jungen Kiefer Sutherland, von Chris Isaak, Jürgen Prochnow in einer Mini-Rolle, Harry Dean Stanton und David Bowie können dahingehend gedeutet werden, dass die Ambitionen von „Twin Peaks – Der Film“ weit über die Grenzen des Mediums hinausweisen. In Staffel drei werden einige dieser Fäden aufgenommen und im Nachhinein eingebettet, wer aber gänzlich ohne Hintergrundwissen in den Film geht, wird der Handlung kaum folgen können.

Dabei ist der Spielfilm im Gegensatz zu den anderen Lynch-Meisterwerken rein formell vergleichsweise zugänglich. Die Handlung verläuft chronologisch, Traumwelten und Realität sind klar voneinander abzugrenzen. Sicherlich wird Lynch behaupten, dass nicht alle Details so aufgenommen wurden, wie er sie interpretieren würde, jedoch entzieht sich der „Twin Peaks“-Film nicht wie „Lost Highway“ oder „Mullholland Drive“ jeglicher Analyseversuche. Bei diesem Unterfangen hilft der Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger, der für die vorliegende Version Anfang 2018 einen Audiokommentar aufnahm.

Wie in einer verlängerten Vorlesungssitzung bietet Stiglegger anhand des laufenden Filmbeispiels Interpretationshilfen und stellt Verbindungen zu den anderen Teilen der „Twin Peaks“-Saga her. Die Palette reicht von größeren Gesamtzusammenhängen des Mediums Film bis hin zu (scheinbaren) Details wie der Farbgebung und richtet sich demnach an verschiedene Zuschauergruppen. Als besonders wertvoll erscheint die Platzierung von Literaturtipps, die zur weiteren Lektüre anregen, um den Theorien nachzugehen, wo „Twin Peaks“ in der Filmgeschichte denn nun zu verorten sei – und nicht zuletzt wie ein Sinn daraus zu ziehen sein könnte.

Zwar wollen über zwei Stunden erst einmal gefüllt werden und es ist zu merken, dass ein solcher Audiokommentar noch immer eher Experiment ist und deswegen noch nicht ausgereift sein kann. An dieser Stelle soll aber ein Plädoyer gehalten werden, dieses Experiment in Zukunft häufiger zu wagen. Filmtheorie fristet noch immer Schattendasein, was alleine angesichts des schieren Outputs an Produktionen verwundert. Sich über Filme tiefergehende Gedanken zu machen, scheint eine unterschätzte Beschäftigung zu sein, wodurch Spielfilme auch heute hauptsächlich im Sinne des bloßen Unterhaltungsgedankens konsumiert werden. Dabei decken Analyse nicht nur Schwächen und politische Aussagen in großen Unterhaltungsproduktionen auf, sondern können auch Spaß am Einsteigen in das aufmerksame Zuschauen bieten. Nicht zuletzt können sie auch Argumente dafür liefern, einem Film wie „Twin Peaks“ eine zweite Chance zu geben.

Fazit: Die Schwächen von „Twin Peaks – Der Film“ sind bis heute offensichtlich, weil sie größtenteils bereits in die hohle Ausgangsprämisse eingeschrieben sind. Alles, was in diesem Prequel gezeigt und verhandelt wird, ist in der Serie bereits ausreichend angedeutet worden. David Lynch fiel es zudem merklich schwer, seine Vision auf Spielfilmlänge zu kürzen, trotzdem über zwei Stunden Laufzeit. Trotzdem ist der Film nicht so schlecht, wie es die Verrisse seinerzeit erklärten. Lynch schafft für ihn typische Momente und hüllt das Geschehen in deutlich dunklere Farben als in der Serie. Bei dem Versuch einer Interpretation hilft Prof. Marcus Stiglegger, der den Film über einen Audiokommentar in den „Twin Peaks“-Kosmos einbettet und filmtheoretische Ansatzpunkte liefert. Ob es von „Twin Peaks“ nach Staffel drei nun wirklich noch mal einen Nachschlag braucht, darf bezweifelt werden, von den wissenschaftlich untermauerten Audiokommentaren aber bitte auf jeden Fall!

Cover und Szenebilder © Arthaus

  • Titel: Twin Peaks – Der Film
  • Originaltitel: Twin Peaks – Fire Walk With Me
  • Produktionsland und -jahr: USA, 1991
  • Genre:
    Thriller
    Horror
    Mystery
  • Erschienen: 19.07.2018
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    130 Minuten auf 1 DVD
    130 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    u.a.
    Sheryl Lee
    Kyle MacLachlan
    David Lynch
  • Regie: David Lynch
  • Drehbuch:
    David Lynch
    Robert Engels

  • Kamera: Ron Garcia
  • Schnitt: Mary Sweeney
  • Musik: Angelo Badalamenti
  • Extras:
    Audiokommentar von Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger, Featurette, Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,85:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video: 1,85:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Über den Autor


Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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