John Steele – Ravenhill (Buch)

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1993. Bei einer Bombenexplosion in East Belfast sterben neun Zivilisten, darunter zwei achtjährige Kinder, sowie zwei Angehörige der Provisorischen IRA. Offenbar vermutete man über der Videothek einen Treffpunkt der loyalistischen paramilitärischen UDA, der Ulster Defence Association. Deren Anführer Billy Tyrie und Rab Simpson sehnen nach Rache und planen die Ermordung von James Cochrane, einen führenden Kommandanten der IRA.

20 Jahre später. Jackie Shaw, der damals vorwiegend als Fahrer für die UDA tätig war und nach einem Anschlag laut Polizeiangaben selber ums Leben kam, kehrt nach Belfast zurück. Die Beerdigung seines Vaters ist der traurige Anlass, doch bereits kurz nach seiner Ankunft holt ihn seine Vergangenheit ein. Schnell bitten ihn bewaffnete Männer zu einem Treffen mit Simpson, der Shaw auffordert, Tyrie zu ermorden. Andernfalls wäre das Leben seiner Schwester Sarah und deren Familie in Gefahr. Wenig später passiert der umgekehrte Fall: Tyrie fordert Shaw auf, Simpson zu ermorden. Die einstigen Partner sind zu verbitterten Feinden geworden. Shaw bleiben nur wenige Tage, um eine Lösung zu finden. Dabei ist er sicher, vom Security Service, dem MI5, überwacht zu werden…

Gewalt bestimmt das Leben in Belfast
Der Irlandkonflikt ist hinlänglich bekannt und dennoch greift man immer wieder zu Romanen, die die brutalen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten – mitten in Europa – thematisieren, um jedes Mal aufs Neue entsetzt zu sein, was „damals“ in Irland passierte. Nein, 1993, in dem einer der beiden Erzählstränge spielt, möchte man nicht in Belfast gelebt haben. Schießereien und Bombenexplosionen waren keine Seltenheit, Hubschrauber und Sirenen bestimmten den Sound der Stadt.

„Sie hätten nicht zurückkommen sollen, Jackie. Begräbnis hin oder her. Sie waren raus, haben sich sauber gehalten und waren lange verschwunden, um vergessen zu werden. Sie haben dieses Leben hinter sich gelassen. Aber wenn man jetzt auf Sie aufmerksam wird, dann gibt es keine Garantie, dass Sie Ihren Rückflug kriegen – oder überhaupt einen Flug.“
„Es ist das Begräbnis meines Vaters. Was würden Sie an meiner Stelle tun? […] Sind sie immer noch hier? In Belfast?“
„Sie leben alle noch in der gleichen Straße.“

In dieser Zeit versucht sich Shaw in der UDA zu behaupten, wobei ihm sein Claddagh, ein „katholischer Ring“, eigentlich im Weg stehen müsste. Doch bei Schlägereien dient der Ring dazu, dem Gegner dessen Gesichtshaut aufzureißen. Seine Partner sind der skrupellose Tyrie und der gewaltverliebte Psychopath Simpson. Sie bestimmen den Alltag für Shaw, dem ein Genickschuss sicher wäre, sollte jemand dahinterkommen, dass er eigentlich ein Polizist der RUC, der Royal Ulster Constabulary, ist. Der einzige in Belfast, dem es gelungen ist eine Terrororganisation zu infiltrieren. Der Leser erahnt von Beginn an, dass irgendetwas nicht stimmen kann, nach einem Drittel des Buches besteht Klarheit. Da trifft Shaw erstmals seinen Verbindungsmann Gordon Orr.

Shaws Aufgabe besteht darin, Anschläge der UDA zu verhindern, doch wie soll er in der Hierarchie aufsteigen, wenn er sich selber bei Aktionen zurückhält? Es ist die übliche heikle Aufgabe eines „Spitzels“, der nicht auffallen darf, zumal seine Schwester und sein Vater ebenfalls in Gefahr geraten könnten. Gekonnt wechselt Autor John Steele immer wieder zwischen 1993 (gelingt der Anschlag auf Cochrane, wie kam Shaw angeblich ums Leben, wie gelang seine Flucht?) und der Gegenwart (wie geht er mit den beiden Mordaufträgen an Simpson und Tyrie um, kann er seine Schwester und deren Familie schützen?). Dabei fliegen die Fachvokabulare mitunter nur so über die Textzeilen. IRA, Continuity IRA, Real IRA, Provisorische IRA, UDA, UVF, INLA; um nur die wohl bekanntesten zu nennen. Weiter geht’s mit E3B und E4A, zwei RUC-Geheimdienstabteilungen, und so weiter. Ein kurzes Glossar am Ende des Buches ist hilfreich.

Er nickt und geht zurück zum Parkplatz. Im Gehen schwingt er den Wagenheber hin und her. Er hat die Gelegenheit genutzt. Der Schlag mit dem Heber hat sie schwer getroffen, aber sie werden keine bleibenden Schäden davontragen. Gewalt ist halt eine Sprache, die jeder versteht. Um Himmels Willen, denkt Jackie, und heute Morgen erst habe ich meinen Vater beerdigt.

Damals wie heute, so muss Shaw schnell feststellen, bestimmt die Gewalt das Leben der Stadt. Doch Simpson und Tyrie haben sich nicht nur im Streit um Drogengeschäfte getrennt, sie haben teils auch neue Partner gefunden. So arbeitet Simpson ausgerechnet mit der RAAD (Republican Action Against Drugs) zusammen, die mit Gewalt gegen „freie Dealer“ vorgeht, um sich selbst den Markt zu sichern. Eine Zusammenarbeit also zwischen dem UDA-Mann und den verfeindeten Republikanern. Doch 1998 gab es ja das legendäre Karfreitagsabkommen. Seitdem ruhen die Waffen, ist der Frieden im Land wiederhergestellt. Ein gewagter Trugschluss wie der Roman (und die Realität) aufzeigen.

„Ravenhill“ ist nichts für zartbesaitete Leser, der Gewaltlevel ist so erschreckend hoch wie realistisch dargestellt und zeigt die große Stärke des Romans. Selten wurde man derart direkt und authentisch in eine paramilitärische Organisation wie die UDA hineingezogen.
„Ravenhill“ ist ein knallharter, schockierender Roman, der am Ende das Gewirr aus Intrigen und Verrat mit einigen überraschenden Wendungen auflöst.

Jörg Kijanski

Cover © polar Verlag

Wertung: 13/15 dpt


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John Steele – Ravenhill (Buch)

von Gastautor Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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