Wunsch nach Freiheit in Zeiten der Dunkelheit

Letzter Tanz auf Sankt Pauli
© Gmeiner

September 1941. In einer Lagerhalle nahe der Sankt Pauli-Brauerei wird ein toter Mann entdeckt. Wenngleich es nach einem Selbstmord aussehen soll, ist Kriminalkommissar Hannes Krell sofort klar, dass dieser inszeniert wurde und ein Tötungsdelikt vorliegt. Bella, eine Prostituierte, die Krell vor seiner Ehe einst aufsuchte, will einen Wagen in der Mordnacht gesehen haben, aus dem drei Männer ausgestiegen sind. Mehr Informationen gibt es zunächst nicht. Mit seinem Assistenten Schubert übernimmt Krell die Ermittlungen. Der Tote kann als Gustav Limba identifiziert werden, der in der Pension Grüber ein Zimmer bewohnte. Als Krell dort einen Zimmernachbarn befragen will, taucht plötzlich die Gestapo auf. Sein Vorgesetzter, Kriminalrat Tessow, instruiert derweil die Beamten, nur noch die wichtigen Fälle zu verfolgen; ein klarer Fingerzeig an Krell, die Ermittlungen einzustellen. Doch dessen Neugier und Berufsehre ist geweckt, was ihn in Gefahr bringt. Denn eine vielversprechende Spur führt in hohe Reihen der SS.

Gefahr lauert zudem an ganz anderer Stelle. Krells sechszehnjährige Tochter Jette lernt über ihren neuen Mitschüler Christian ihre Liebe zu Tanz und Musik kennen. Allerdings interessiert sich der langhaarige und auffällig gekleidete Christian für Jazz und Swing, also für sogenannte entartete Kunst. Nach dem Besuch eines Konzertes wird es für Jette, ihre Freund und Familie ernst, denn Jette wurde bei dem Konzert gesehen. Ausgerechnet von Schubert, der die Information pflichtbewusst an Tessow weiterleitet.

Atmosphärische und einfühlsame Geschichte

Der Russlandfeldzug läuft seit wenigen Monaten, immer mehr Männer erhalten Einsatzbefehle an die Ostfront. Polizisten, die sich einem Befehl von oben widersetzen, sind ebenfalls in Gefahr und so ist der Vermerk in Krells Personalakte, nachdem er entgegen Tessows Aussage weiter im Fall Limba ermittelte, ein erstes Alarmzeichen. Krell ist Mitglied der NSDAP, glaubt an die Sache der Nation, doch bisweilen plagen ihn zunehmend Zweifel. Diese werden größer, denn er muss bei seinen Recherchen feststellen, dass es einen Staat im Staat gibt. Immer klarer sieht Krell, dass die SS machen kann, was immer sie möchte. Doch Krell wurde nicht Polizist um wegzusehen. Es ist diese innere Zerrissenheit, die sich wie ein Krebsgeschwür immer stärker und unaufhaltsam ausbreitet, die den Roman trägt. Krell muss sich anpassen, will er nicht an die Ostfront versetzt werden. Aber was wird dann aus seiner Frau und seinen beiden Töchtern? Andererseits: Wenn er sich anpasst, was wird dann aus ihm und seiner Selbstachtung?

Herr Kollege Krell: >Ich dachte< ist eine Floskel, die ich nicht mehr hören möchte. In diesem Raum nicht und im gesamten Kommissariat nicht. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren. Im Deutschen Reich folgen wir Befehlen. Sehen Sie den Unterschied?“ „Selbstverständlich.“ „Diese >Ich dachte< ist etwas durch und durch Bürgerliches und Krankes. Jeder denkt etwas, der eine so, der andere so. Mit einer solchen Kakofonie können sich die abgewirtschafteten Demokratien belasten. Unsere Nation braucht so etwas nicht. Bei uns zählen Befehl und Gehorsam, und damit sind wir stärker als alle anderen.

Jette, die ein durch klare Abläufe geführtes Leben führt und deren Alltag neben der Schule von den wöchentlichen BDM-Nachmittagen geprägt ist, erfährt durch Christian etwas völlig Neues. Sie lernt Jazz und Swing kennen, tanzt heimlich mit Christian sowie den Schulfreunden Gregor und Elisabeth zu der Musik von Cole Porter, Louis Armstrong, Count Basie, Glen Miller und anderen. Obwohl sie um die Gefahr weiß, die bei einem Entdecken droht, ist ihr Freiheitsdrang stärker. Derweil werden Christian und Gregor zum Ziel des Hasses von ihrem Lehrer Petersen. Ein gefundenes Fressen für ihre Mitschüler, die sich mit Begeisterung in der HJ engagieren. Auch hier spielt die innere Zerrissenheit eine zentrale Rolle und wird mit hoher Empathie vorgetragen.

Basierend auf dem achterbahnfahrenden Gefühlsleben der beiden Protagonisten Krell und Jette, zeigt Claudius Crönert in seinem Roman „Letzter Tanz auf Sankt Pauli“ in ruhigem Erzählstil auf, wie sich die Macht des Staates und seiner Mitläufer schleichend in das Leben anderer einmischt. Der allgegenwärtigen Macht kann man nicht entgehen, es sei denn, man ist ein Teil davon. Denn wie Krell erfahren wird, führt eine heiße Spur im Mordfall Limba zu einem recht hohen Mitglied der SS, der womöglich ein Fall für den Strafparagraphen 175 ist; dabei sind Homosexuelle selbst in den Lagern auf der untersten Stufe verortet.

„Letzter Tanz auf Sankt Pauli“ ist weit mehr als ein Kriminalroman, denn er belegt sehr eindringlich wie in einem totalitären System die Wünsche einzelner Menschen brutal unterdrückt werden. Die entscheidende Frage lautet: Wie kann man überleben, ohne sich selber aufzugeben?

  • Autor: Claudius Crönert
  • Titel: Letzter Tanz auf Sankt Pauli
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 343 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2021
  • ISBN: 978-3-8392-0042-1
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 13/15 dpt


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