Studio Braun – Braunes Gold: Telefonarbeiten von Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger (Audio CD)

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Studio Braun - Braunes Gold: Telefonarbeiten von Heinz Strunk, Rocko Schamoni, Jacques Palminger„Das vorliegende Werk ist ein Multiorgasmus der etwas anderen Art, ist vergleichbar mit einem hochexplosiven, brandgefährlichen Polenböller; die Brownies, wie Freunde sie nenenn dürfen, legen die Latte noch einmal ganz woanders hin. Gottgleiche Bigstyler, die beweisen, dass sie nicht umsonst als Gralshüter des deutschen Humormonopols gelten, eine Verantwortung, an der sie im Übrigen schwer zu tragen haben. Stets rufen sie die 100% ab, machen aus Fragezeichen ein Ausrufungszeichen, überzeugen mit ihrem bahnbrechenden Konzept Rentnerhumor vs. Sexualschmunzeleien. „Braunes Gold“, das ist in Kladde gesprochen: monokausales Spezialentertainment, eine Enklave der Zerstreuung, intersisziplinäre Heimstätte für Hobbyscholastiker, ein Thinktank für Metrosexuelle, ein unablässiger Paradigmenwechsel bis zur ekstatischen Desorientierung. Mit anderen Worten: Im begehbaren Kleiderschrank von Studio Braun hängen immer ein paar geile Fummel, die Lust auf mehr oder einfach nur gute Laune machen.“

Welch ein Pressetext. Einer, der auf herrlich überzeichnete Art den Quatsch, den Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger auf „Braunes Gold“ fabrizieren, charakterisiert. Neunundsiebzig Minuten respektive einunddreißig Tracks lang wird dem Hörer ein kranker Querschnitt durch das bisherige Schaffen der drei geboten. Das Gespann aus Hamburg, das auch musikalisch unterwegs ist („Fraktus“), ist hauptsächlich für seine Telefonstreiche bekannt und hat mit „Gespräche“, „Gespräche 2″, Jeans Gags“, „Fear Of A Gag Planet“ sowie „Ein Kessel Braunes“ bislang insgesamt fünf Tonträger voller Telefonstreiche veröffentlicht, und man hat sich bemüht, von allen die unterhaltsamsten zusammenzutragen.

Eine undankbare Aufgabe, denn die individuelle, grundsätzlich subjektive Wahrnehmung von Humor macht es eigentlich unmöglich, ein Ergebnis zu liefern, das möglichst jeden Interessierten zufrieden stellt. Daher kann man „Braunes Gold“ eher als Einstieg in die Arbeit dieser Durchgeknallten definieren, denn letztendlich wird jeder, der die Originalwerke kennt, andere Favoriten haben und laut aufschreien. Sich fragen, wieso dies und das nicht mit auf der CD ist – weil total lustig. Oder wieso jenes oder sonstetwas nicht drauf ist – weil gar nicht lustig. Dem Unkundigen bleibt im Grunde dann nur die Wahl, sich die Ursprungswerke Stück für Stück zu besorgen oder sich mit vorliegendem Rundling erst einmal einen Überblick zu verschaffen.

In den Telefonaten, die zwischen zwanzig Sekunden und etwas über fünf Minuten dauern, werden die Opfer gnadenlos verarscht, veralbert, auf die Schippe genommen. Der Ideenfundus von Strunk und Co., die viel mit Effekten und Geräuschkulissen arbeiten, ist dabei schier unerschöpflich: Ein Weihnachtsmann auf Crack ruft einen Unwissenden an, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Ein gewitzter Geschäftsmann versucht, einem Landwirt eine Kotelettstanze aufzuschwatzen. Dann wiederum werden die Nerven der Angerufenen mit unmöglichen „Angewohnheiten“ der fiesen Scherzkekse strapaziert oder sie gar verwirrt. Die aparte Stimme einer Mitarbeiterin einer Telefonsexhotline gerät beinahe ins Wanken, als der Anrufer – in diesem Fall Heinzer himself – auf einmal beginnt, Steuerfragen zu stellen, und die Angestellte eines Elektroanbieters bemüht sich beinahe zuckersüß um die unverständlichen Fragen bezüglich der angebotenen DVD-Player. Nun allerdings noch mehr zu verraten, wäre ein Unding – fest steht auf jeden Fall, dass man den derberen, geschmackloseren Ableger des Humors abkönnen sollte, damit das Zwerchfell eher Lach- als Refluxaufgaben übernimmt.

Die Produktion der einzelnen Tracks schwankt logischerweise, nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen Entstehungszeiten, vor allem aber auch deshalb, weil es sich um Telefonatsmitschnitte handelt und nicht etwa um professionell arrangierte Studioaufnahmen. Dennoch hat man sich beim Mastering hörbar Mühe gegeben, damit das Hörerlebnis auf einem mindestens akzeptablen Level bleibt.

Hier sind drei im positiven Sinne völlig Bekloppte am Werk, die sich von 1998 an einen riesigen Spaß daraus gemacht haben, ihren Gesprächspartnern das Leben für ein paar Minuten schwer zu machen. Der Leser sei aber gewarnt ob des Inhalts, denn er bekommt hier beileibe nicht so etwas letztendlich Harmloses wie „Der kleine Nils“ geboten, sondern durchaus auch mal richtig harten Tobak.

 Cover © ROOF Music/tacheles!

  • Künstler: Studio Braun
  • Titel: Braunes Gold – Telefonarbeiten von Heinz Strunk, Rocko Schamoni, Jacques Palminger
  • Verlag/Label: Roof Music/tacheles!
  • Erschienen: 11/2012
  • Spielzeit: ca. 79 Minuten auf 1 CD
  • ISBN: 978-3-86484-007-4
  • Trackliste:
    English Translater
    Tatze
    Steuerfragen [Explicit]
    Telekom Schweden
    Blumenwagen
    Crackweihnachtsmann
    Sitzhund
    Alle Thiels
    Abenteuerreise
    Dunstabzugshaube
    Auspuffmann
    Doppelsalbig abgeschnözte Reend
    Familienzusammenführung
    Druckbefüllung
    Radfahrerhass
    Die Kotelettstanze
    Römersitz
    Gelbfleisch
    Motorsäge
    Blitzkredit
    Lachender Roland
    Karten für Flippers
    Geschlechtsumwandlung
    Bruderzwist
    Drückerkolonne
    Bigfuss
    Nappaschuhe
    Schildkrötenstammtisch
    Unschuldig angeklagt
    Stuhlverhalten
    Langenhagen

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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