Friss oder stirb (Film)

“Friss oder stirb” entstand 1969, etwa zeitgleich mit dem Terence Hill/Bud Spencer-Vehikel “Hügel der blutigen Stiefel”, der das ungleiche Duo bereits auf den parodistischen Spuren zeigte, die hin zu den komödiantischen Höhepunkten “Die rechte und die linke Hand des Teufels” sowie “Vier Fäuste für ein Halleluja” führen sollte.


“Friss oder stirb” schlägt trotz des martialischen Titels in eine ähnliche Kerbe. Deutlicher in der Ausrichtung sind die weiteren Vermarktungstitel “Sundance Cassidy und Butch The Kid” (mit Blick auf die USA und Regentropfen auf dem Kopf), “Halleluja für 2 Galgenvögel”, “Halleluja für zwei Pistolen” (beides verweist deutlich auf Hill/Spencer) und “Eine verrückte Erbschaft”. Der originale Titel “Vivi o preferibilmente morti” (“Lebend oder vorzugsweise tot”) ergibt zwar wenig Sinn, besitzt aber einen humorigen Unterton, der dem Film angemessen ist.

1969 war der Zenit des ernsthaften Italo-Westerns überschritten. Es sollten zwar noch einige finstere Meisterwerke folgen, kulminierend 1976 in Enzo G. Castellaris fabulösem “Keoma”, doch nach mehr als einem halben Jahrzehnt bot das Genre genug Stoff parodiert zu werden. Zumindest aber für Albernheiten. Waren die ersten Filme mit Terence Hill und Bud Spencer (auch solo) noch grimmige Auftritte mit nur dezentem Humor, der erst in der deutschen Synchronisation durch Rainer Brandt zu galoppierendem Blödsinn wurde, legte der Spaßfaktor mit dem Wechsel in die 70er zu.

Ducio Tessari, sonst eher für formale wie inhaltliche Edelwestern zuständig, produzierte mit “Friss oder Stirb” eine frühe Humoreske. Gestorben wird zwar auch im Kugelhagel, doch ist der Ton des Films von entwaffnender Fröhlichkeit, die gestützt wird durch die lässige wie burleske Inszenierung Tessaris, die besonders in den zwischen Ballett und Slapstick choreographierten Prügelszenen zum Tragen kommt. Ein bisschen geschwätzig ist das Ganze, wird aber erst zum verbalen Dammbruch in der deutschen Synchronisation, in der gerne weitergequatscht wird, wenn im Original Schweigen herrscht. So lange man keine Münder sieht, kann schließlich alles gesagt werden. Das nutzen Rainer Brandt, der höchstpersönlich Giuiliano Gemma spricht, und seine Kollegen natürlich weidlich aus.

Da wird der füllige Banditenboss mit “der wiegt doch mindestens zehn Zentner, der Butterberg” abgespeist und Monty, an einem Lüster baumelnd sinniert: “Der Weihnachtsmann im Kronleuchter, ratlos”. In der deutschen Kinofassung, die ebenfalls auf der Disc enthalten ist, bleibt der Klamauk vollständig erhalten, während ein paar Handlungs- und Dialogteile fehlen. Die gekürzten zwölf Minuten schaden “Friss oder stirb” nicht wesentlich, weswegen man seinem eigenen Zeitmanagement die Deutungshoheit überlassen kann, welche Version zur Sichtung herangezogen wird.

Visuell ist die Blu ray farbstark und kontrastreich aufgearbeitet, der Sound ist durchweg solide. Inhaltlich ist das Ganze eine gestreckte “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich”-Variante. Der fidele und verschuldete Schlawiner Monty erbt 300 000 Dollar von seinem verstorbenen Onkel. Aber nur, wenn er ein halbes Jahr an der Seite seines Bruders Ted verbringt. Ted ist ein recht erfolgloser, aber zufriedener Farmer und hat so gar keine Lust auf seinen Bruder. Natürlich rauft man sich zusammen, nachdem Teds Farm abgebrannt ist. Monty, Ted und der windige Barnes, den man nur scheinbar zufällig trifft, versuchen sich als Entführer, Bank-, Postkuschen- und Eisenbahnräuber, mit wechselhaftem Enthusiasmus und wenig Erfolg. Zwischendurch prügelt und schießt man sich mit “Bad Jim” Williams und seiner Bande, und geht am Ende als eingeschworene Gemeinschaft vom Feld. Die versprochene Erbschaft spielt da längst keine Rolle mehr.

Giuilano Gemma ist als Monty in seiner Mischung aus ästhetischer Athletik und bubenhaftem Charme ein naher Verwandter Terence Hills, während der ehemalige Boxer Nino Benvenuti agiler als Bud Spencer agiert. Dadurch ist mehr Bewegung in den Kampfsequenzen, es fehlt aber das wohl austarierte Laurel & Hardy Moment (Tohuwabohu trifft auf leidensfähigen Stoizismus), das Hill und Spencer in ihren besten Momenten kongenial verkörperten. “Friss oder stirb” ist immer in Bewegung. Wenn es die Fäuste mal nicht sind, dann die Sprechapparate.

Neben Gemma und Benvenuti füllt Chis Huerta seinen Bad Jim launig aus, während Antonio Casas gekonnt den verschrobenen Beutelschneider Barnes gibt. Als Entführungsopfer und willige Heiratskandidatin ist die junge Sydne Rom mit an Bord, ohne negativ aufzufallen. Im Gegenteil, entzückt wohl.
Insgesamt ist “Friss oder stirb” gelungene, sorglos herumtändelnde Unterhaltung, lärmig und etwas zu redselig.

Der beste Gag kommt relativ früh: Da fahren unsere Hauptfiguren an einem kargen Baum vorbei, an dessen Geäst ein einsamer Gehenkter baumelt. Der mit Poncho und flachem Hut bekleidete Leichnam ist eindeutig Clint Eastwood gewidmet. Zur Verdeutlichung wird ein Schnipsel aus Ennio Morricones “Dollar”-Soundtrack unterlegt. Spöttisch wird so der Spaghetti-Western zu Grabe getragen. Gute Pointen brauchen halt nicht viele Worte. Manchmal gar keine.

Cover © Koch-Media

  • Titel: Friss oder stirb
  • Originaltitel: Vivi o preferibilmente morti
  • Produktionsland und -jahr: Italien, Spanien 1969
  • Genre: Western, Komödie
  • Erschienen: 25.11.2021
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    103 Minuten auf 1 Blu-Ray
    98 Minuten auf 1 DVD
  • Darsteller:
    Giuilano Gemma
    Nino Benvenuti
    Cris Huerta
    Antonio Casas
    Sydne Rome
  • Regie: Duccio Tessari
  • Drehbuch: Ennio Flaiano (Story)
    Giorgio Salvioni, Duccio Tessari
    Ennio Flaiano (uncredited)
  • Kamera: Manuel Rojas
    Cesare Allione (uncredited)
  • Schnitt: Mario Morra
  • Musik: Gianni Ferro
  • Extras: Deutsche Kinofassung (89 Minuten)
    Diverse Trailer, Bildergalerie
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9, 1,85:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, E, IT, Dolby Digital 2.0
    Untertitel:
    D, E
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16:9, 1,85:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, E, IT, DTS-HD Master Audio 2.0
    Untertitel:
    D, E
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten


Wertung: 10/15 dpt


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