Gunpowder Milkshake – Film

Zwei selbstbewusste rothaarige Frauen gehören zum erfreulichsten, was die derzeitige Populärkultur zu bieten hat. Die eine ist Aloy, die aufgeweckte Protagonistin aus “Zero Horizon Dawn” und “Zero Forbidden West”, die andere Karen Gillan, spätestens seit ihrer Inkarnation als des Doctors Companion Amy Pond, gern gesehener Gast auf dem heimischem Bildschirm (“Oculus”, “The Bubble”) oder im Kino (“Guardians Of The Galaxy”, “Jumanji”). Ihre Anwesenheit veredelt auch mäßiges Ausgangsmaterial.

In “Gunpowder Milkshake” spielt Gillan die Auftragskillerin Sam, die in die Fußstapfen ihrer Mutter Scarlet getreten ist, die fünfzehn Jahre zuvor vom Winde verweht wurde. Sam arbeitet im Auftrag der Firma, einer ominösen Gruppierung alter Männer, wenn man den wenigen Bildern glauben darf, und ist immens erfolgreich dabei. Doch dann beginnt es – wie so oft – schiefzulaufen: Ein Auftrag führt dazu, dass sie die falschen Männer erschießt, ein anderer endet als Desaster. Das Geld, das Sam wiederbeschaffen sollte, ist weg, dafür hat sie die achtjährige (sorry, achtdreiviertel) Emily im Schlepptau. Deren Vater hatte das Geld der Firma unterschlagen, um seine entführte Tochter zu retten. Das läuft gründlich aus dem Ruder. Sam erschießt den verzweifelten Vater halb aus Versehen und fühlt sich postwendend für die pfiffige Emily verantwortlich.

Schlecht nur, dass die Firma sie zum Abschuss freigegeben hat, und der Gangsterboss McAlister, dessen Sohn Sam auf dem Gewissen hat, eine gesamte Armee auf sie hetzt, um Sam häuten zu können. Gut, dass aus heiterem Himmel Mutter Scarlet wieder auftaucht und Sam Kontakt mit alten Weggefährtinnen aufnimmt. Die drei wehrhaften Damen sind als Bibliothekarinnen, Waffenlieferantinnen und -spezialistinnen. Man solidarisiert nach einigen Wortgeplänkeln und stellt sich gegen den aufgebrachten Mob. Showdown in der Bibliothek. Und im Diner. Niemand dürfte es wundern, dass die testosterongesteuerten, männlichen Probanden, intelligenzdefizitär und blindwütig, wenig Chancen gegen ein überaus gewitztes und schlagkräftiges weibliches Sextett haben. Auch wenn es Opfer zu beklagen gibt. Der Sonnenaufgang wartet. Und vielleicht eine Fortsetzung.

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“Gunpowder Milkshake” ist stylish. Beginnt als schattenfreudiger Neon-Noir und endet als kunterbuntes Kampf- und Ballerspektakel. Und nicht nur der dekorative Soundtrack nimmt deutlich Bezug auf Italo-Western. Dazwischen menschelt es heftig, und der ein oder andere knuffige Oneliner sitzt auch drin. Das sieht alles sehr gut aus, ist aber partiell unausgewogen. Die teils derbe Gewalt, abgemildert durch nicht ganz so tolle, künstliche CGI-Effekte, überlagert die emotionalen und witzigen Momente deutlich. Wirkt stellenweise so, als hätte Nicolas Winding Refn (Sams Jacke!) versucht, einen Familienfilm zu inszenieren. Ungefähr zumindest, denn Regisseur Navot Papushado hat zwar unverkennbar Vorbilder, von den beiden Sergios Corbucci und Leone über John Woo bis Nicolas Winding Refn und Quentin Tarantino, entwickelt darüber aber selbst eine bonbonbunt anzusehende, ziemlich krude Handschrift.

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Doch punktet “Gunpowder Milkshake” mit schrägen Ideen wie Karen Gillans Kampf mit sedierten Armen gegen die Erben der drei Stooges, die ihr der eigene Stiefvater auf den Hals gehetzt hat. Gillan überzeugt per se mit Charme und Athletik und geht problemlos als John Wicks jüngere Schwester durch. Das MCU-Nebula-Training dürfte geholfen haben.

Nicht nur Karen Gillan ist klasse, auch ihre Mitstreiterinnen sind eine Wucht. Lena Headey macht ihre körperbetonte Rolle sichtlich Spaß, Carla Gugino gefällt als kluge Anstandsdame mit Hang zu Maschinengewehren, die taffe Angela Bassett weiß im Schlaf, wo der Hammer hängt und die ikonische Michelle Yeoh in Bewegung zu sehen, ist immer ein Genuss. Demnächst wieder, zur großen Freude aller Beteiligten, in einer Hauptrolle im Kino (“Everything Everywhere All at Once” – Pflichtfilm). Und Chloe Coleman als Emily ist ein exzellenter Nachwuchs und schlagfertige Kommentatorin des wilden Geschehens. Erfreulich auch der kurze Auftritt von Freya Allen, des Witchers Ciri, als junge Samantha.

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Das weibliche Quintett darf und kann der Männerwelt, die meist aus tumben Toren besteht, mit Wucht in den Allerwertesten und tiefer hinein treten. Wenn die Herrschaften sich nicht selbst aus Gier und Dummheit das Licht ausblasen.

So ist “Gunpowder Milkshake” audiovisuell glänzendes Krawallkino mit launigen Gags, absurder (Körper)komik und wenig Tiefe sowie einer Wild Bunch von Protagonistinnen, die über alle Schwächen hinwegsehen lässt. Weiterführung mit Fehlerkorrektur erwünscht.

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Cover, Fotos © Studiocanal,Voll:kontakt

  • Titel: Gunpowder Milkshake
  • Originaltitel: Gunpowder Milkshake
  • Produktionsland und -jahr: Deutschland, Frankreich, USA / 2021
  • Genre: Action, Komödie, Italo-Western, Neon-Noir
  • Erschienen: 14.04.22
  • Label: Studiocanal, Voll:kontakt
  • Spielzeit:
    1103 Minuten auf 1 DVD
    115 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller: Karen Gillan
    Lena Headey
    Michelle Yeoh

    Angela Bassett
    Carla Gugino
    Chloe  Coleman
    Freya Allen
    Paul Giamatti
  • Regie: Navot Papushado
  • Drehbuch:Navot Papushado
    Ehud Lasvski
  • Kamera: Michael Seresin
  • Schnitt: Nicolas De Toth
  • Musik: Haim Frank Ilfman
  • Extras: Featurette – Eine neue Welt von Auftragskillern, Featurette – Ein tödliches Duo, Kinotrailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9, 2,40:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1920x1080p (2.40:1) @23,976 Hz
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Englisch, Dolby Atmos, Dolby TrueHD 7.1
    Untertitel:
    D
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeit


Wertung: 11/15 dpt

 


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