Coverbild: Mutabor (c) C.H.Beck Verlag

Norbert Scheuer – Mutabor

Poetisches Labyrinth

Der Titel „Mutabor“ ist dem Hauff’schen Märchen „Kalif Storch“ entliehen. Dort ist dieses Wort ein Zauberspruch, mit dem sich der Protagonist aus seiner Storchenverzauberung zurück in einen Menschen verwandeln kann. Doch der Zauberspruch geht vergessen, die Verzauberung wird zum Fluch.

Um Verzauberung und Rückverwandlung, um Identität und Spurensuche geht es auch im aktuellen Roman von Nobert Scheuer. Die junge Nina Plisson weiß weder wer ihr Vater ist, noch was aus der Mutter wurde, die plötzlich verschwand als Nina noch ein Kind war. Verzweifelt sucht die junge Frau nach Antworten, die ihr hartnäckig verwehrt werden.

Scheuer beschwört eine archaische Welt herauf, in die er mythische Elemente verwebt:
Da sind die Alten Grauköpfe, wie Nina eine Gruppe alter Männer nennt, die omnipräsent wie ein antiker Chor das Geschehen kommentieren, alle Geheimnisse des Ortes kennen, aber stoisch die Wahrheit verschweigen. Da ist die Graie genannte Großmutter, die sich hinter ihrer Grausamkeit verschanzt, um das als Schande empfundene Schicksal der eigenen Tochter zu kompensieren. Da ist der Großvater, der dem Mädchen durch seine orientalischen Märchen Trost vor der Realität anbietet. Der sich in seine phantastische Parallelwelt flieht und schließlich in ihr verliert.

Da sind Erinnerungen, die Ninas Träume heimsuchen, die aber mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Erinnertes vermischt sich mit Erlebtem vermischt sich mit Erzähltem.

Ein mystischer Schleier liegt über den Ereignissen, den Nina krampfhaft zu zerreißen versucht. Scheuer erzählt seinen Roman größtenteils aus der Ich-Perspektive der jungen Frau. Als Leser:in nimmt man an ihrer Spurensuche teil, doch die Hinweise, die Scheuer platziert sind spärlich und auch das Zusammmenfügen der einzelnen Mosaiksteine überlässt der Autor völlig seiner Leserschaft.

Während Nina völlig damit beschäftigt ist, dem Geheimnis ihrer Identität auf die Spur zu kommen, wird den Leser:innen bewusst, dass sich hinter der Wand des Schweigens eine Schuld verbirgt. Das Schweigen vereint die ungenannt bleibenden Täter und ihre Mitwisser. Die Grausamkeit der vergangenen Tat reicht so in die Gegenwart hinein und setzt sich fort.

Die Gesellschaft, die Scheuer in seinem Roman inszeniert, ist eine von alten Männern dominierte Welt, in der sexuelle Ausbeutung und Missbrauch ihren festen Platz haben. Ein perfides System, welches den Opfern Scham aufzwingt und die Täter durch Schweigen schützt.

Ein Konzept der Lebensbewältigung, nennt Scheuer in seiner Danksagung, die teils rätselhaften Verhaltensweisen seiner Protagonisten.

Seiner Figur Nina schenkt er am Ende einen sehr konkreten Ansatz zur Lebensbewältigung. Die junge Frau kehrt ihrem Heimatort den Rücken und beginnt zu schreiben. Nina verwandelt das vom Großvater erzählte Märchen in ihre neue Realität.

„Aber das Wichtigste – ich beginne nun endlich mit dem Schreiben meiner Geschichte, denn Worte sind doch der einzige Zauber, mit dem ich mich verwandeln kann.“

Scheuer hat die Handlung seines Romans erneut in seiner Heimatregion, dem Urftland, angesiedelt. Jedoch verwandelt er diese in eine der Realität entrückte Mythen-Märchenwelt. Die Verzauberung gelingt ihm und lässt die Lektüre zu einem intensiven Erlebnis werden.

  • Autor: Norbert Scheuer
  • Titel: Mutabor
  • Verlag:  C.H. Beck Verlag
  • Erschienen: Juli 2022
  • Einband:  Gebundene Ausgabe
  • Seiten:  192 seiten
  • ISBN:  978-3406781520


Wertung: 12/15 dpt


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