Tom Lin – Die tausend Verbrechen des Ming Tsu (Buch)


Ein Western, der die Genregrenzen locker sprengt

Die tausend Verbrechen des Ming Tsu
© Suhrkamp

Einst brannte er mit seiner großen Liebe Ada durch. Doch ihr einflussreicher Vater fand mit seinen Schergen die Beiden kurz nach deren Heirat und sorgte dafür, dass Ming Tsu zu zehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt wurde. Für die Central Pacific sollte er beim Bau der Bahntrasse über die Sierra und durch die Wüste helfen, eine gefährliche Arbeit, die nicht wenige Arbeiter mit ihrem Leben bezahlen.

Jetzt ist Ming wieder frei, besser gesagt geflohen und wird steckbrieflich wegen Mordes und Desertation gesucht. Nun ja, ein Mörder war er schon immer, jener Waisenjunge, der von Silas Root aufgezogen und zum Hitman gedrillt wurde. Tsu ist rachedurstig, will jene töten, die ihn in seine missliche Lage gebracht haben und sodann nach Kalifornien ziehen, um seine Ada wiederzusehen. Als gesuchter Mörder kann er nicht mit der Eisenbahn fahren, sondern muss wochenlang quer durch die teils wilde, teils karge Landschaft reiten. Wir schreiben nämlich das Jahr 1869, Amerika erlebt gerade einen großen Wandel. Die Eisenbahn soll die Kutschen ablösen und Revolver werden neuerdings mit Patronen geladen, nicht mehr mit Bleikugeln und Schwarzpulver.

Nachdem Ming seinen zweiten Peiniger getötet hat, trifft er auf einen alten und blinden Chinesen, genannt „der Prophet“. Mit ihm macht er sich auf den Weg. Es gilt noch einen Sheriff und einen Richter zu ermorden, danach die Brüder Gideon und Abel Porter, wobei es sich bei Gideon um Adas neuen Mann handelt. Auf ihrem Ritt durch das weite Land stoßen die beiden auf eine Zirkustruppe, die mit ihrer Wunderschau unterwegs ist. Deren Ringmeister bittet Ming, die Truppe nach Reno zu begleiten, denn unterwegs lauern viele Gefahren; nicht nur durch Indianer.

Obwohl Sie ein Mörder sind und jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in Ihrer Umgebung bestohlen haben, habe ich Sie immer für einen Ehrenmann gehalten.“
“Ich habe noch nie eine Frau bestohlen. Und auch kein Kind.“
„Dann sind sie noch ehrenhafter, als ich dachte.

Die illustre Gruppe reist quer durch das Land, darunter der junge und taubstumme Hunter Reed, der sich in die Köpfe anderen hineinsprechen kann; die bezaubernde Hazel, eine feuerbeständige Frau; zudem Notah, ein Navajo, der Erinnerungen zu löschen vermag und Proteus, eine Art Gestaltenwandler.

Andrew Carnegie Medal for Excellence in Fiction 2022

Tom Wentao Lin erhielt für seinen Debütroman „Die tausend Verbrechen des Ming Tsu“ die „Andrew Carnegie Medal for Excellence in Fiction 2022“, deren jüngster Preisträger er (Jahrgang 1996) ist. Sein Roman wird als Thriller beworben, Western wäre ebenfalls treffend, wobei auch dies nicht gänzlich passt, denn Lin sprengt die Grenzen des Genres ohne Mühen. Die Darbietungen der Wunderschau – nicht nur bei deren Auftritten -, sorgen für einigen Wirbel, wobei hier reichlich „Fiktion“ geboten wird, beispielsweise dann, wenn sich Proteus zu einem Doppelgänger mutiert, in dem er die Gestalt einer anderen Person annimmt. Man darf nicht alles ernst nehmen, unterhaltsam ist es trotzdem. Lin erzählt seine Geschichte mit viel Humor, bietet zudem blutige Action. Ein „Hurensohn“ (das meistverwendete Schimpfwort des Romans) nach dem anderen beißt ins Gras, wobei Ming neben einem Revolver über ein gänzlich außergewöhnliches Mordwerkzeug verfügt, schließlich war er beim Eisenbahnbau eingesetzt, da kann ein nachträglich spitz geschliffener Schwellennagel schnell zum tödlichen Werkzeug mutieren.

Mann ohne Schatten.“
„Ja, alter Mann?“
„Kämpfe.

„Die tausend Verbrechen des Ming Tsu“ ist Western, Illusion, Thriller und nicht zuletzt Racheroman, dessen mörderischer Showdown in Kalifornien stattfinden wird. Die sich bis dahin ansammelnden Leichen können kaum überblickt oder gezählt werden. Actionfans kommen jedenfalls auf ihre Kosten, wenngleich man häufig vorab erfährt, wann jemand abtreten oder überleben wird, denn Ming hat ja den „Propheten“ an seiner Seite.

Ein außergewöhnliches Spektakel, auf das man sich einlassen sollte. Gerne mehr davon.

  • Autor: Tom Lin
  • Titel: Die tausend Verbrechen des Ming Tsu
  • Originaltitel: The Thousand Crimes of Ming Tsu. Aus dem amerikanischen Englisch von Volker Oldenburg
  • Verlag: Suhrkamp
  • Umfang: 304 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: November 2022
  • ISBN: 978-3-518-47284-2
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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