Ute Bales – Am Kornsand


Geschichte ist nie vorbei

Im Mittelpunkt des Romans steht ein Kriegsverbrechen. Die unter dem Namen „Kornsandverbrechen“ bekannt gewordene Ermordung von fünf Zivilisten fand unmittelbar vor Ende des Zweiten Weltkriegs am 21. März 1945 statt.

Eine aus vier Männern und einer Frau bestehende Gruppe, auf dem Weg in ihren Heimatort Nierstein, hatte ihr Ziel fast erreicht, als sie unmittelbar vor Überquerung des Rheins von einigen Wehrmachtssoldaten aufgegriffen wurde. Ohne jede Grundlage wurden diese Menschen des Hochverrats beschuldigt, vor Ort im Rahmen eines willkürlichen Standgerichts zum Tode verurteilt und durch die Hand des erst 19-jährigen Leutnants Hans Kaiser hingerichtet.

Die Aufklärung des Verbrechens und die Verurteilung der Täter erfolgte zwar bereits 1949. Hans Kaiser wurde zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, das Strafmaß wurde aber nur wenige Jahre später abgemildert. Das Verbrechen und die Täter gerieten schon bald in Vergessenheit.

„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Mit dem bekannten Zitat von Fritz Bauer lässt sich Ute Bales Roman „Am Kornsand“ treffend auf den Punkt bringen. Denn der historische Bogen, den die Autorin spannt, ist weit: Sie schildert die Zeit zwischen den Weltkriegen, den Aufstieg des Nationalsozialismus und seinen Zusammenbruch. Sie zeichnet ein authentisches Porträt der alles verdrängenden Nachkriegsgesellschaft in der jungen Bundesrepublik und den schmerzhaften Generationenkonflikt in den 70/80er Jahren. Bales zeigt, wie alle diese Ereignisse in einem Zusammenhang stehen und die Generationen miteinander verbinden.

So beginnt die Handlung des Romans, der sich um das 1945 begangene Kriegsverbrechen kristallisiert, in den frühen 70er Jahren. Die elfjährige Helga wird in den Sommermonaten an die Ostsee geschickt, um dort ein chronisches Hautleiden auszukurieren. Der Ferienaufenthalt wird zum Horrortrip. Bales dokumentiert in schockierenden Bildern die sogenannte Kinderlandverschickung, die als Relikt aus der Nazi-Zeit bis in die 70er Jahre hinein existierte und bei den Betroffenen zu lebenslangen Traumata führte.

Helga findet in ihrer Familie weder Gehör noch Verständnis für ihre Geschichte. Es fällt ihr immer schwerer sich dem konservativen Weltbild des Vaters zu fügen, hinter dessen Wohlstandsfassade ein dunkles Geheimniss lauert. Als eines Tages in den 80er Jahren Reporter des stern-Magazins unerwartet vor der Tür stehen und den Vater auf den 1945 begangenen Mord ansprechen, kommen die Fakten ans Licht.

Im zweiten Teil des Romans wendet sich Bales ihrem Protagonisten Hans zu, Helgas Vater. Geduldig zeichnet sie dessen Werdegang nach, ausgehend von seiner Kindheit zwischen den beiden Weltkriegen. Ihr Porträt ist sehr differenziert und fest verankert mit dem historischen Kontext. Ihr gelingt der Balanceakt, den Menschen sichtbar zu machen, ohne ihn aus seiner Verantwortung zu entlassen.

Die Autorin  erweist sich mit ihrer zwei Generationen umfassenden Darstellung als äußerst souveräne Erzählerin. Trotz der Fülle an Fakten und Eindrücken ist ihr Text nie überladen.

Bales Darstellung geht über das Zeigen hinaus. Ihre Prosa stellt ein ausgewogenes Verhältnis von Fakten und Fiktion her. Gegründet auf sorgfältige Recherche, erzeugt sie eine nachspürbare Atmosphäre, in die sie ihre Leserschaft zieht. Ihr Stil ist zurückhaltend. Und gerade dadurch verleiht sie ihren Worten ausreichend Raum. Nie drängt sie ihren Lesern eine Deutung auf. Behutsam macht sie dabei auch die Schwierigkeiten sichtbar, die bei der Aufarbeitung von Geschichte und den von Menschen begangenen Taten entstehen.

Fazit: „Am Kornsand“ ist eine brillant inszenierte Geschichtsstunde, die nicht nur die Vergangenheit thematisiert sondern auch den Umgang mit ihr. Denn auch die Art und Weise wie mit der Geschichte umgegangen wird, wird Teil derselben.

Große Leseempfehlung!

  • Autorin: Ute Bales
  • Titel: Am Kornsand
  • Verlag: Rhein-Mosel-Verlag
  • Erschienen: März 2023
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 200 Seiten
  • ISBN: 978-3898014656


Wertung: 13/15 dpt

 


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