Reigns – The Witcher (Mobile, PC, SteamDeck)

“Reigns – The Witcher” oder Tinder alá Geralt

Als das britische Entwicklerstudio Nerial im Jahr 2016 das erste „Reigns“ veröffentlichte, wirkte das Konzept noch wie ein cleverer Party-Gag: Ein Königreich regieren, indem man Karten wie in der Dating-App Tinder nach links oder rechts wischt. Inzwischen hat sich die Mechanik als erstaunlich langlebig erwiesen. Nach Ausflügen in die Welt von Game of Thrones und Three Kingdoms trifft das minimalistische Entscheidungsspiel nun auf eine der populärsten und rauesten Dark-Fantasy-Welten unserer Zeit. Das Crossover Reigns: The Witcher verspricht düstere Hexer-Fantasy, verpackt in sekundenkurze Entscheidungen. Kann das funktionieren?

Rittersporns trunkenes Epos

Für uns Text- und Story-Enthusiasten steht und fällt ein solches Spiel mit seiner Schreibe. Und hier beweist Reigns: The Witcher enormes erzählerisches Feingefühl, denn es wählt einen brillanten narrativen Kniff: Wir spielen zwar Geralt von Riva, den mürrischen Schlächter von Blaviken, doch die Geschichten werden uns von seinem ältesten Freund, dem Barden Rittersporn, präsentiert. Genauer gesagt: in Form von stark alkoholisierten Balladen, die er in diversen Tavernen zum Besten gibt.

Das verleiht dem Ganzen von Beginn an eine herrliche Unzuverlässigkeit. Jeder Tod Geralts, jede noch so absurde Entscheidung (Gönnen wir uns ein heißes Bad oder verprügeln wir die lokale Dorfmiliz?) wird einfach als Teil von Rittersporns künstlerischer Freiheit verbucht. Wenn Geralt durch eine falsche Entscheidung stirbt, wischt der Barde das als „kreative Sackgasse“ beiseite und setzt zum nächsten Vers an. Es ist ein Fest für Fans der Buchvorlagen von Andrzej Sapkowski und der CD PROJEKT RED-Spiele: Bekannte Gesichter wie Yennefer, Triss und Vesemir tauchen auf, Dialoge strotzen vor schwarzem Humor, und der moralische Graubereich, der das Franchise so auszeichnet, ist allgegenwärtig.

Zur Spielmechanik

Spielerisch bleibt Nerial seiner Linie treu. Vor uns liegt ein Stapel Karten, der uns Situationen schildert. Ein Wisch nach links oder rechts bedeutet eine Entscheidung. Jede dieser Entscheidungen beeinflusst unsichtbare Werte – gerät einer davon auf null oder aufs Maximum, droht das frühzeitige und oft herrlich illustrierte Ende.

Das Gameplay erfindet das Rad also nicht neu. Es gibt ein paar kleinere Puzzles, neue Charakter-Freischaltungen und etwas fordernde, mehrstufige „Bosskämpfe“, bei denen man das Muster seiner Feinde lesen muss. Zwar verflucht man bei diesen Kämpfen gelegentlich das Trial-and-Error-Prinzip, doch sobald man den Rhythmus verstanden hat, weicht der Frust der Motivation.

Während das Spiel auf dem klassischen PC per Maus gut funktioniert, entfaltet es auf Smartphones (oder dem Steam Deck) seine wahre Magie. Die Touchscreen-Steuerung ist intuitiv, die kurzen Rundenzeiten machen es zum perfekten Handheld-Titel für die zehnminütige Busfahrt oder abends auf der Couch. Länger motiviert das Spiel allerdings kaum, da sich die Ereignisse mitunter wiederholen und das überschaubare Spielprinzip nicht mehr hergibt.

Grafik, Sound und Atmosphäre

Visuell präsentiert sich das Spiel im gewohnten, charmanten Vektor-Minimalismus der Reigns-Serie. Wer opulente 3D-Rollenspielgrafik erwartet, ist hier falsch; wer jedoch abstrahierte, liebevoll gestaltete Charakterporträts schätzt, wird voll bedient. Ein massiver Pluspunkt für die Atmosphäre ist der Soundtrack: Dass Nerial auf die Originalmusik aus The Witcher 3: Wild Hunt zurückgreifen durfte, wertet die schlichte Optik ungemein auf. Wenn die treibenden Kampfklänge oder die melancholischen Tavernen-Lieder einsetzen, ist man sofort wieder in Velen oder Novigrad.

Fazit

Reigns: The Witcher ist ein kurzweiliges, erzählerisch charmantes Spin-off, das die Essenz des Hexer-Universums erstaunlich gut einfängt. Die Limitierungen des Gameplays – das oft unumgängliche Auswendiglernen von Karten und Konsequenzen – gehören zur DNS der Reihe und mögen nicht jedem schmecken. Wer jedoch interaktive, textbasierte Geschichten liebt, gerne liest und die Welt von Geralt und Rittersporn mit einem Augenzwinkern erleben möchte, kommt hier voll auf seine Kosten. Ein liebevoller Liebesbrief an die Lore, der ohne Mikrotransaktionen auskommt und besonders auf dem Steam Deck glänzt.

  • Titel: Reigns – The Witcher
  • Entwickler: Nerial
  • Publisher: Devolver Digital
  • Genre:
    • Abenteuer
    • Kartenspiel
  • Erschienen: 02/2026
  • Platform: Android, iOS, SteamDeck, PC
  • Sprache: Deutsch
  • USK: 6 (für das „Reigns“-Original)
  • Sonstige Informationen:

Wertung: 11/15 dpt

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