
Was macht den Zusammenhalt innerhalb einer Familie aus? Entsteht Zusammenhalt durch gemeinsamen Raum? Oder verbindet uns gemeinsam erlebte Zeit? Entsteht Zusammenhalt durch Worte oder durch gemeinsames Schweigen? Und was, wenn der Zusammenhalt trotz gemeinsam verbrachter Zeit und Orte fehlt?
Diesen Fragen spürt Sonja Sophie Kreis in ihrem Debütroman „Das große Eis“ nach. Sie erzählt die drei Generationen umspannende Geschichte der Familie von Ich-Erzählerin Anna. Drei Generationen an verschiedenen Orten, in Deutschland und der Schweiz und in Grönland.
Hauptfigur Anna reist ins grönländische Ilulissat, um nach dem Tod der Eltern dem Bruder ein Erbstück zu übergeben. Vierzig Jahre lang haben sich die Geschwister nicht gesehen. Doch der Bruder bleibt abwesend und Anna mit ihren Erinnerungen allein.
Mit dem Erzählen könnte ich an vielen Orten beginnen. Ich
könnte auch an einem bestimmten Zeitpunkt beginnen.
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Die Autorin folgt keiner klaren Chronologie. Ihr Erzählen erinnert an einen inneren Monolog. Wie in einem Erinnerungsstrom fließen Orte und Zeiten intuitiv ineinander und sortieren sich nach einer eigenen Logik. Schichtweise legt sie die Familiengeschichte frei, ein Mosaik, dem man dabei zusieht, wie es aus unzähligen einzelnen Szenen zu einem Ganzen wächst.
Anna lässt ihre Kindheit Revue passieren. Ihr Elternhaus war geprägt durch die Gegensätzlichkeit von Mutter Hannah und Vater Paul. Sie erinnert sich an die oft unglückliche Mutter, den häufig abwesenden Vater, an die Geschwister, nach deren Nähe sie sich ständig sehnte. Sie geht weiter zurück in die Vergangenheit ihrer Familie, schaut genauer auf ihre Mutter Hannah und deren Eltern Mina und Max, kommt auf das Kennenlernen Hannahs mit dem Schweizer Paul, ihren Umzug vom Deutschen Ufer des Bodensees auf die Schweizer Seite.
Das Elternhaus am Bodensee ist dabei ein Ort, an dem Anna und ihre Geschwister Alex und Moni wie zwischen zwei Welten leben. Der See, der zwischen der Heimat der Mutter und des Vaters liegt, wird zum Symbol der Ambivalenz aus Verbundenheit und Trennung, aus Heimat und Fremdsein.
Vieles bleibt unerzählt. Kreis widmet sich den Leerstellen mit der gleichen Sorgfalt wie den atmosphärisch stimmigen Szenen, die die Handlung tragen. Andeutungen lassen Raum zur eigenen Interpretation. Annas Spurensuche stößt an ihre Grenzen.
Es verlangt Aufmerksamkeit, den Protagonist:innen durch die vielen verschiedenen Zeiten und Räume zu folgen und so die Geschichte jedes einzelnen, soweit es geht, zu rekonstruieren. Aber Kreis ebnet ihren Leser:innen den Weg dank der starken Bildhaftigkeit ihrer Sprache. Ganz deutlich kommt hinter der Autorin die bildende Künstlerin zum Vorschein, die sie ebenfalls ist.
Besonders kraftvoll inszeniert sie Winter und Kälte. Protagonistin Anna teilt mit ihrem Bruder Alex die Sehnsucht nach den Landschaften des Ewigen Eises. Präzise und sinnlich legt Kreis in poetischen Bildern die raue und unwirtliche Schönheit von Winterlandschaften offen. Das „große Eis“ wird zur Metapher, um die Ambivalenz aus Nähe und Distanz, zum Ausdruck zu bringen, die Anna ein Leben lang begleitet.
Der autobiografisch inspirierte Roman die Schweizer Autorin zeigt Familiengeschichte als einen sehr persönlichen Akt der Annäherung an Vergangenes. Der Rückblick wird zum Versuch die eigene Gegenwart und die der anderen zu verstehen und sich mit der Distanz zu versöhnen, die trotz aller Liebe nicht überwunden werden kann.
- Autorin: Sonja Sophie Kreis
- Titel: Das große Eis
- Verlag: Rowohlt Berlin
- Erschienen: 14. August 2026
- Einband: gebundene Ausgabe
- Seiten: 256 Seiten
- ISBN: 978-3-7371-0257-5

Wertung: 12/15 dpt







