
Cora geht mit ihrer neunjährigen Tochter Maia und dem neugeborenen Sohn zum Standesamt, um dort dessen Namen eintragen zu lassen. Ihr Ehemann Gordon – dominant und herrschsüchtig – hat sie beauftragt, dem Kind traditionsgemäß seinen Namen zu geben: Gordon. Aus dieser Situation hat Schriftstellerin Florence Knapp einen gut konstruierten Roman mit drei parallelen Universen und Erzählsträngen geschaffen. Mal lässt Cora den Namen „Bear“ für ihren Sohn eintragen, wie es sich die kleine Maia wünscht. Mal entscheidet sie sich für ihren Lieblingsnamen „Julian“, mal gehorcht sie ihrem Ehemann und lässt „Gordon“ in die Geburtsurkunde eintragen. Jede dieser Entscheidungen hat Konsequenzen auf die Familie und auf deren weiteren Lebensweg, den Florence Knapp über Jahrzehnte verfolgt.
Und nein, es geht dennoch im Buch weniger darum, wie sich ein Namen auf die benannte Person auswirkt – Kevins werden für dümmer gehalten als Karls, Jacquelines kommen aus kinderreichen Familien im Gegensatz zu Sophie-Katharina. Das ist nicht das Thema des Romans: Entscheidender ist, dass Cora mit ihren Kindern in einer Ehe lebt, in der der Ehemann schlägt, psychischen Druck ausübt und manipuliert. Als er erfährt, dass sein Sohn „Bear“ heißen wird, brennen ihm die Sicherungen durch und er schlägt hemmungslos auf Cora ein, bis ein Nachbar alarmiert ins Haus stürmt. Als er erfährt, dass sein Sohn „Julian“ heißen wird, droht er Cora und demütigt sie. Der häusliche „Frieden“ bleibt beim Namen „Gordon“ gewahrt, doch Cora empfindet gegenüber ihrem kleinen Sohn mit dem verhassten Namen nur Widerwillen und Distanz.
Es sind also weniger die Namen, die den weiteren Lebensweg beeinflussen, sondern die jeweilige Entscheidung, die Cora mit der Festlegung auslöst. Und das ist teilweise schwer zu lesen, wenn der Ehemann als ständige, durchaus tödliche Bedrohung über dem Leben von Cora, Sohn und Tochter schwebt. Alle sieben Jahre setzt Florence Knapp eine Zäsur und berichtet, wie es die Leben je nach gewähltem Namen weiterverlaufen sind – dreimal 1994, dreimal 2001 und so weiter. Wer das geschickt konstruierte Buch möglichst gut erfassen und die verschiedenen Universen mitverfolgen will, tut gut daran, in einem Rutsch konzentriert zu lesen und sich vielleicht sogar ein paar Stichworte zum jeweiligen Erzählstrang zu notieren.
Wie verlaufen die Leben von Cora, Maia, Bear/Julian/Gordon und den Menschen, die sie umgeben? Was sind die jeweiligen Auslöser und wo gibt es in der Vergangenheit Anknüpfungspunkte und Erklärungen für Verhaltensweisen? Manche Nebencharaktere lässt Florence Knapp in mehreren Strängen in unterschiedlichen Rollen und Wichtigkeiten auftauchen, manche sind nur in einem Universum präsent. Letztendlich stehen die verschiedenen Namen des Sohns nur für eine Frage, die sich alle Versionen – Bear, Julian und Gordon – fragen: „…und dann denke ich: Hab ich das von ihm? Ist das etwas, was ich von ihm habe?“
Inhaltlich mehr zu verraten, würde das Lesevergnügen ziemlich schmälern, denn es sind gerade die Wendungen, die Unterschiede und Übereinstimmungen in den verschiedenen Erzählsträngen, die das Buch so spannend machen. Und Stoff zur Diskussion bieten! Welchen Einfluss haben die Gene, welchen die Namen? Warum bleiben Frauen in gewalttätigen Ehen? Wieso üben Männer Gewalt und Macht aus und wie könnte dies gestoppt werden? Welchen Einfluss hat eine solche Familiensituation auf die Kinder, auf ihre Beziehungsfähigkeit und ihr Vertrauen in andere Menschen in ihrem weiteren Leben? Florence Knapp bringt viele Themen in ihrem Roman unter.
Fazit:
Ein Leben, viele Möglichkeiten, wie etwas besser oder schlechter hätte laufen können, wenn man nur so oder so entschieden hätte! Florence Knapps Roman „Die Namen“ macht dies im ersten Moment an dem Namen fest, der für den neugeborenen Sohn in der Geburtsurkunde eingetragen wird. Je nach gewähltem Vornamen für den Sohn ändern sich der Verlauf und die Dynamik der Geschichte. Das ist geschickt konstruiert und hält dazu an, die Lebenswege ständig miteinander zu vergleichen. Die Werbekampagne des Verlags kann allerdings schnell falsche Erwartungen an den Roman wecken – dass es um Namen und eine damit verbundene Auswirkung auf die Persönlichkeit geht. Dabei wird leider nicht darauf hingewiesen, dass im Kern der Geschichte häusliche Gewalt steht und deren Auswirkung auf die Familie.

Wertung: 13/15 dpt
- Autorin: Florence Knapp
- Titel: Die Namen
- Originaltitel: The Names
- Übersetzerin: Lisa Kögeböhn
- Verlag: Eichborn
- Erschienen: 03/2026
- Einband: Hardcover
- Seiten: 352
- ISBN: 978-3-8479-0229-4
- Webseite von Florence Knapp
- Florence Knapp mit „Die Namen“ beim Eichborn-Verlag







