Für Krimi- und Geheimdienstfans ein Genuss

Ein namenloser Schriftsteller, nennen wir ihn X, wird von seinem alten Freund und Kollegen Johan Oskarsson um ein Treffen gebeten. Als er im Lauf des Tages auf die SMS antwortet, bittet ihn sein Nachbar, der Polizist Vidar Jörgensson, nach Sönnerskog zu kommen, denn in der dortigen Pension hat sich Oskarsson im Speisesaal erhängt. Wenig später wird der Vorfall als Selbstmord zu den Akten gelegt. Aber warum bat Oskarsson nach vielen Jahren um ein Treffen? Warum buchte er für zwei Nächte, wenn er sich in der ersten Nacht umbringen wollte und warum befand sich das Handy des Linkshänders in dessen rechter Hosentasche?
„Damit die Wahrheit funktioniert, muss sie sehr gut konstruiert sein.“
Zuletzt arbeitete Oskarsson an einer Biografie über die bekannte Schriftstellerin Ingrid Klinga. Seine Recherchen führten weit zurück in die 1950er Jahre, wo Ingrid in Uppsala studierte und mit Studenten zusammentraf, die sich politisch engagierten. Schweden stand vor der Frage, ob man eigene Atomwaffen entwickeln wollte und wie dies im Verhältnis zur politischen Neutralität zu sehen war?
„Ist es nicht bemerkenswert, dass ein Land wie Schweden bereit ist, Atomwaffen zu entwickeln, nur um eine Neutralität zu beweisen, die gar nicht existiert.“
Am 13. Dezember 1958 wird am Grund des Ekoln See eine männliche Leiche gefunden. Ein Mord, wie sich herausstellt, bei dem der Geheimdienst umgehend die Ermittlung an sich zieht. Wachtmeister Hjalmar Ljusberg lässt dies keine Ruhe, zumal er sich von der schweren Krankheit seiner Lebensgefährtin ablenken will. Atomwaffen, geheime Unterlagen, Polizeibehörde für besondere Aufgaben, politisch aktive Studenten, Stasi, CIA, weitere Morde. Und mittendrin immer wieder Ingrid Klinga. Aber wie hängt dies alles zusammen? Und auch wenn die Ereignisse bereits Jahrzehnte zurückliegen, droht noch immer eine Gefahr, wie X und Vidar bald erfahren werden.
Der vierte Krimi aus der Halland-Reihe
Christoffer Carlsson, Jahrgang 1986, ein in Kriminologie promovierter Autor, wurde zunächst mit seiner Leo-Junker-Reihe bekannt bevor er mit den Halland-Krimis („Unter dem Sturm“, „Was ans Licht kommt“ und „Wenn die Nacht endet“) auch literarisch große Ausrufezeichen setzte. Zahlreiche Preise belegen, dass die Serie, von denen der vorliegende Band „Hinter dem Nebel“ folglich der vierte Roman ist, auf große Anerkennung stoßen. Nicht wenige Kritiker halten Christoffer Carlsson für den besten Autor, den Schweden, an dessen Westküste die Region Halland liegt, derzeit zu bieten hat. Seine aktuellen Werke geben einen unvergleichlichen Sound wieder, den man erleben muss. Allerdings eignen sich die Halland-Krimis nur für Leser, die nicht gleich bei einer Handvoll mitwirkender Personen den Überblick verlieren.
„So läuft es im Geheimdienst. Ein Vorgesetzter ruft einen Untergebenen an, der seinerseits einen Untergebenen anruft. Der ruft einen Mitarbeiter an, der einen Verbindungsmann anruft, der die Sache an einen Agenten weiterleitet. Der Agent kontaktiert einen Freund, der wiederum einen Freund kontaktiert. Keiner tut jemals irgendwas, trotzdem passieren ständig Dinge. Eigenartig, nicht wahr?“
„Hinter dem Nebel“ ist anspruchsvolle Krimikost, literarisch wie spannungsmäßig, die hohe Konzentration erfordert. Es fängt schon damit an, dass der vermeintliche Protagonist Vidar nur eine Nebenrolle einnimmt, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet ist, dass die Handlung überwiegend Ende der 1950er Jahre spielt. Oskarssons Leichnam wird am 3. März 2023 entdeckt, rund anderthalb Jahre später endet die Geschichte. Hier erleben wir das Geschehen hauptsächlich aus der Sicht von Ich-Erzähler X, dessen Identität erst auf den letzten Seiten aufgedeckt wird. Die Haupthandlung bilden die Ereignisse in 1957 und vor allem 1958, die in dem Leichenfund am Ekoln münden. Zuvor ereignen sich zwei weitere Todesfälle. Mittendrin der Geheimdienst, Agenten und Verräter sowie die klassischen Dauerthemen wie Liebe, Verrat, Schuld, Sühne, Freundschaft sowie eine Prise Politik vor dem Hintergrund von Schwedens Sonderstellung. In den 1950er Jahren politisch neutral, tritt das Land, während der Roman in der Gegenwart des Jahres 2024 spielt, in die Nato ein. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine macht es möglich.
Es ist ein großes Verwirrspiel mit etlichen überraschenden Wendungen, in dem sich Ingrid gleich zu zwei Männern hingezogen fühlt. Ebenso wie bei ihren weiteren Bekannten stellt sich die Frage, welche Rolle diese spielen? Verraten sie Geheimnisse und wenn ja, an wen? Arbeiten sie für einen Geheimdienst und wenn ja, für welchen? Wer führt hier wen, wie sind die Befehlsketten? Oder ist alles ganz anders? Es ist aber auch deshalb Konzentration gefragt, da der Autor selbst innerhalb einzelner Kapitel schon mal die Zeitebene wechselt. Gerade noch in der „Gegenwart“ befindet man sich im nächsten Absatz plötzlich in einem Rückblick. Keine Lektüre für mal eben nebenbei, dafür aber mit grandiosem Plot und ebensolchen Auflösungen. Schon jetzt eines der Highlights des Jahres!
- Autor: Christoffer Carlsson
- Titel: Hinter dem Nebel
- Originaltitel: En liten droppe blod. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann
- Verlag: Rowohlt Kindler
- Umfang: 464 Seiten
- Einband: Hardcover
- Erschienen: April 2026
- ISBN: 978-3-463-00082-4
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Wertung: 13/15 dpt







