Oliver Plaschka – Die Geister von La Spezia (Buch)

Deep Dive in die Vergangenheit des Ehepaars Shelley bis zur Nacht am Genfersee

Percy Bysshe Shelley, der Ehemann der „Frankenstein“-Autorin Mary Shelley, verstarb im Juli 1822 bei einem Bootsunfalls vor Livorno unter dubiosen Umständen. Warum segelte er trotz eines aufkommenden Sturms? Und warum widerstand sein Herz den Flammen des Feuers, als man seinen Leichnam am Strand verbrannte?

Im Herbst 1822 trauert Mary Shelley in Genua um ihren Mann und bekommt Besuch von einer jungen Italienerin, Patricia Colombari. Sie stellt sich als Privatermittlerin vor, die im Auftrag von Percy Shelleys Vater, Sir Timothy, die genauen Umstände um Percys Tod untersuchen und offene Fragen klären soll. Sie schlägt eine zukunftsweisende Methode vor, um einen retrospektiven Blick in Percys Leben zu werfen: die Mnemoskopie oder Erinnerungsreise. Gemeinsam reisen Mary und Pat zurück in Marys und Percys Vergangenheit. Zuerst ins Jahr 1821 nach Pisa, anschließend folgt ein Abstecher ins Jahr 1818 nach Venedig und schließlich zu der verhängnisvollen Nacht im Juni 1816 in der Villa Diodati am Genfersee. Was geschah in jener stürmischen Nacht, die in den Geschichtsbüchern als die Geburtsstunde des Romans „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ von Mary Shelley gilt? Welche Rolle spielten die mitgereisten Personen? Claire, Marys Stiefschwester? Lord Byron, ein Dichter der Romantik und berüchtigter Dandy? Und dessen Leibarzt John Polidori? Was haben die Ereignisse rund um das britische Künstlerkollektiv im italienischen Exil mit Percy Shelleys Tod vor dem Golf von La Spezia zu tun?

Erinnerungen erschaffen Wirklichkeit, veränderte Erinnerungen eine neue Wirklichkeit

Patricia Colombari begleitet Mary in der Welt ihrer Erinnerungen, verbindet sich aber auch mit den Erinnerungen Percys und Byrons, die sie wiederum in Marys Erinnerungen trifft. Sie erlebt aus verschiedenen Blickwinkeln wie Mary den Tod ihrer zwei Kinder betrauern und verarbeiten muss. Und wie ihrer Stiefschwester Claire vom Vater Byron deren gemeinsame Tochter Allegra vorenthalten und schließlich ihr Tod verschwiegen wird. Sie beobachtet Percys Opiumsucht und seine toxische Freundschaft zu Byron. Und sie wirkt auf die Geschehnisse ein, um an Informationen zu gelangen, aber auch um Mary zu schützen. Der Film „Inception“ lässt hier grüßen, in dem Traumingenieure in Träume eindringen, um Informationen aus dem Unterbewusstsein ihrer Opfer zu stehlen. Auch hier findet das Eindringen gleich auf mehreren Traumebenen statt, auch hier beeinflussen die Akteure die Wirklichkeit. Marys Erinnerungen werden verändert, allein schon durch Pats Teilhabe an vergangenen Ereignissen und durch wechselseitige Interaktionen. Doch die Manipulation geht tiefer und nicht allein von den handelnden Personen in der Erinnerung aus. Die MARY der Handlungsgegenwart blockt den Zugang zu bestimmten Erinnerungen, dazu kommt ein weiterer Störfaktor, ein sogenanntes Derelikt.

Gothic Novel, Historischer Roman, Phantastischer Roman und so viel mehr

Der Titel von Oliver Plaschkas aktuellem Roman „Die Geister von La Spezia“ lässt vielleicht einen Schauerroman im Stil einer Gothic Novel vermuten. Der Klappentext hingegen vermittelt den Eindruck, es handele sich um einen historischen Roman um Mary und Percy Shelley. Beides stimmt irgendwie, reicht jedoch bei weitem nicht, um diesen Roman einzuordnen.

Die meisten der geschilderten Ereignisse basieren auf wahren Gegebenheiten. S. 415

schreibt Oliver Plaschka im Nachwort. Mit Akribie und Liebe zum Detail beschreibt der Autor nicht nur die Ereignisse um die exzentrischen Dichter:innen, sondern die unzähligen Verknüpfungen und Interaktionen im Umfeld der Percys. Der erste Teil des Romans, die Retrospektive in das Jahr 1821, vermittelt denjenigen, die die spannende Historie der Shelleys nicht detailgenau kennen, grundlegende Fakten und Hintergründe. Hier werden außerdem die Figuren charakterisiert und Lesenden nahegebracht; Pat als selbstbewusste Frau, die futuristisches Wissen anwendet und ihrer Zeit voraus zu sein scheint. Und Mary die unendlich unter gleich mehreren Todesfällen unter ihren Kindern leidet und zugleich Stärke und Mut demonstriert. Vor allem aber vermitteln sie ein Gefühl für die Atmosphäre und für die Art der Beziehungen zwischen Mary und Percy und ihren Freunden.

Was am See und in der Zukunft geschah

Ab dem zweiten Teil werden Handlung und Erinnerungsreisen seltsamer, vielschichtiger, phantastischer und extrem spannend. Geschickt führt Plaschka den Plot zum ersten spektakulären und unerwarteten Höhepunkt, den Geschehnissen am Genfersee. Parallel dazu entwickelt sich  Pat Colombaris Abenteuer zu einer faszinierenden Zeitreisegeschichte mit eigenwilliger Dynamik. Welches Ziel die Ermittlerin auf ihrer Spurensuche wirklich verfolgt, wird zu einer entscheidenden Frage.

Willst Du mir immer noch erklären, dass das alles nicht echt ist? Fragte Pat und tupfte ihm das Blut von der Stirn. [..] Was hier passiert, ist superecht, widersprach sie. Die Erinnerung ist vielleicht sogar das einzig Echte! Woher wissen wir denn, ob irgendetwas echt ist, wenn sich keiner daran erinnert? S. 241

Prosa vom Feinsten in anspruchsvoller Erzählstruktur

Oliver Plaschka schrieb schon zuvor Romane, die auf anderen Werken oder dem Leben historischer Persönlichkeiten basieren, als eigene Interpretation oder fiktive Biographie. Der 2019 erschienene Roman „Der Wächter der Winde“ beruht auf dem Theaterstück „Der Sturm“ (engl. Original „The Tempest“) von William Shakespeare. In „Marco Polo“ (ET 2016) erzählte der Autor seine Version der Geschichte um den berühmten Entdecker. „Die Geister von La Spezia“ vereinigt beides, denn der Roman interpretiert sowohl die Lebensgeschichten des Künstlerehepaars Shelley als auch den Entstehungsmythos des Romans „Frankenstein“ neu. Als promovierter Anglist und Universitätsdozent ist Oliver Plaschka ein profunder Kenner der englischen Literatur. Dennoch war es sicherlich ein immenser Aufwand, sowohl die vielen Details aus den Lebensgeschichten Marys, Percys und ihrer Zeitgenossen in das Buch einfließen zu lassen. Und dazu noch in der Rahmenhandlung ein phantastisches Wordbuilding zu betreiben.

Gern hätte ich einmal einen Blick in eine erste Fassung des Romans geworfen und verglichen, wie die Struktur von Perspektiven, sowie Zeit- und Handlungsebenen sich entwickelten. Denn „Die Geister von La Spezia“ ist eine Lektüre, die aufmerksames Lesen verlangt und die Bereitschaft, zur Orientierung einmal ein paar Seiten zurückzublättern. Dennoch ist es gelungen, die komplexe Erzählstruktur übersichtlich zu gestalten, auch durch gestalterische Mittel wie Zwischenüberschriften oder kursiver Schrift. Insbesondere aber durch Oliver Plaschkas feinen, bildlichen Schreibstil, variantenreich auf den Erzählenden und jeweilige Szene abgestimmt. Eine derartig dichte Atmosphäre, von fröhlich überdreht bis hin zu abgrundtief düster und gruselig, und einen so authentischen Zeitgeist mit Figuren, die gegen den Strom der viktorianischen Gesellschaft schwimmen, erlebte ich meiner Erinnerung nach (!) noch nie in einem Roman.

Fazit

„Die Geister von La Spezia“ ist Freunden Phantastischer Literatur mit Anspruch wärmstens zu empfehlen. Wer sich zudem für Klassiker und Schauerromane mit viktorianischem Flair und/oder verzwickte Zeitreisegeschichte begeistert, sollte erst recht in die Welt der Geister aus der Vergangenheit und Zukunft eintauchen. Und sich auf das Gedankenspiel einlassen, dass das, was wir Wirklichkeit nennen, höchst subjektiv und manipulierbar ist.

  • Autor: Oliver Plaschka
  • Titel: Die Geister von La Spezia
  • Verlag: Hobbit Presse
  • Erschienen: 03.2026
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3-608-98885-7
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite beim Verlag

Wertung: 14/15 dpt

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