Phil Collins – Not Dead Yet – The Memoir (Buch)

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Phil Collins - Not Dead Yet (Cover © Century/Penguin Random House)Genesis, die erste: Letztes Jahr brachte Phil Collins seine Autobiografie heraus. Der Superstar hat eine lange und bewegte Karriere hinter sich, voller Höhen und Tiefen, bewundert von den einen, regelrecht verachtet von den anderen. Dabei geht es Collins eigentlich immer nur darum, gemocht zu werden. Zumindest wird dies in der Biografie sehr deutlich. Aber eines nach dem anderen: Der Titel der englischen Originalausgabe (hier vorliegend) heißt „Not Dead Yet“, was fast etwas von den von Collins so geliebten Monty Python hat. Der Name ist Programm. Einerseits hat Collins eine schwere gesundheitliche Phase hinter sich, andererseits kamen parallel zur Biografie sämtliche Studioalben noch einmal neu remastered und mit Bonusmaterial heraus. Dazu gab es eine neue Best-Of-Compilation und Ankündigungen mehrerer Solokonzerte für 2017. Die Vorbereitung für diese sind auch der Startpunkt für Collins‘ Biografie. Auf deutsch übrigens etwas einfallslos „Da kommt noch was“ betitelt.

Collins ist in den Vorbereitungen für die ersten Auftritte seit einigen Jahren und wagt einen Rückblick auf sein Leben. Geboren in London 1951, berichtet er über seine Kindheit an der Themse im Stadtteil Hounslow und die verschiedenen Beziehungen zu seinen Eltern: Während seine Mutter ihn über alles liebt und stets unterstützt, fehlt ihm oft jeglicher Draht zu seinem Vater. Dass dieser Komplex, die Anerkennung seines Vaters zu bekommen, sich auf sein ganzes Leben und damit auf andere Projektionsflächen überträgt, wird beim Lesen der Biografie klar. Dass sein Vater stirbt, bevor Collins erfolgreich mit der Musik ist, hat seinen Anteil daran. Seine Mutter hingegen lässt sich mit 94 noch ins Stadion der letzten Genesis-Tour 2007 im Rollstuhl schieben.

Collins wächst in einer engen Familiengemeinschaft auf, etwas, das er später mit seiner weit verstreuten Familie selbst zu schaffen versucht . Oft scheitert er daran: Bei mehreren Kindern von drei Ehefrauen ist das nicht immer ganz einfach. Trotzdem möchte Collins einfach ein guter Familienvater sein. Friede, Freude, Eierkuchen, auch wenn die Umstände dafür nicht immer gegeben sind.

Es geht weiter mit seiner Jugend, seiner bis heute bestehenden Freundschaft mit Gitarrist Ronnie Caryl, und seinen eigenen musikalischen Anfängen. Er trommelt von klein auf, dann kommt ein richtiges Set und die musikalische Inspiration durch Motown, die Beatles und die lokale Band The Actions dazu. Vorher hat sich Collins übrigens als Schauspieler versucht. Die Teenagerjahre verbringt er dann fast ausschließlich in Soho, knüpft Kontakte, und besucht Konzerte. Dann gibt es die erste Band: Mit ihm, Caryl und zwei anderen erschaffen zwei Produzenten Flaming Youth. Die Band bringt nur ein Album heraus, und versinkt zur Erleichterung aller in der Vergessenheit. Dann jedoch – zum Unwillen seines Vaters – bekommt Collins den Job als Drummer in einer anderen aufstrebenden Band: Genesis.

Sänger Peter Gabriel, Keyboarder Tony Banks und Gitarrist/Bassist Mike Rutherford sind zu dem Zeitpunkt Genesis. Wenig später wird Steve Hackett als Gitarrist dazu stoßen, und das klassische Line-Up ist komplett. Hier beginnt nun das wilde Bandleben: Albumaufnahmen, Tourneen, die organisatorisch chaotisch beginnen und im Laufe der Zeit immer professioneller werden, Gabriels sich steigernde Verkleidungskunst, die zum Stilmittel der Band auf der Bühne wird. Interessant hierbei: Collins geht kaum auf das Musikmachen ein. Das muss er aber auch nicht. Es gibt so viele Genesis-Bücher und Dokumentationen, in denen dies zur Genüge getan wird. Collins‘ Fokus liegt woanders, zudem wäre das ein Gebiet, auf dem Tony Banks sich erzählerisch austoben könnte. Dafür erfahren wir, dass Collins Mitte der 1970er-Jahre Andrea heiratet, die er noch aus Schulzeiten kennt. Er adoptiert ihre Tochter Jolie, und zusammen bekommen sie Sohn Simon.

Die Ehe hält nicht lang: Peter Gabriel verlässt Genesis 1975, und Collins wird mangels Ersatz Frontmann. Auf der ersten Tour mit ihm als Frontmann übernimmt Bill Bruford von Yes die Trommlerposition. Kurz darauf steigt auch Steve Hackett aus und die Band bleibt im Studio ein Trio. Das Trio, wohlgemerkt, das schon vorher den musikalischen Kern von Genesis ausmachte. Die Fans reagieren gespalten, als Genesis anfangen, mit Hitsingles Erfolg zu haben (obwohl sie das seit Beginn ihrer Karriere versucht haben). Der Erfolg hat seinen Preis: Collins‘ Ehe mit Andrea geht in die Brüche. Collins sitzt verlassen in seinem Haus in England am Piano und beginnt, alleine Songs zu schreiben. Songs, die so persönlich sind, dass sie nur teilweise auf Genesis-Alben passen. Es schreit nach einem Soloalbum. Das kommt dann auch 1981. „Face Value“ schießt an die Spitzen der Hitparaden, „In The Air Tonight“ wird ein Kultsong. Und katapultiert Collins und Genesis in die ekstatischen Achtzigerjahre.

Alles scheint plötzlich gut zu laufen: Auf einer Genesis-Tour 1980 lernt Collins Jill Tavelman kennen. Sie zieht zu ihm nach England, geheiratet wird schließlich 1984. Die Kinder kommen in den Ferien zu Papa und der neuen Ersatzmama. Sogar Peter Gabriel und Steve Hackett finden sich 1982 für einen Auftritt noch einmal mit ihren ehemaligen Genesis-Kollegen zusammen. Live wird das Trio übrigens seit 1977 bzw. 1978 von Chester Thompson am Schlagzeug und Daryl Stuermer an der Gitarre unterstützt. Genesis-Alben wechseln sich mit Soloalben ab. Dazwischen schreibt er Filmhits und arbeitet zusammen mit Leuten wie Eric Clapton, Sting, Stephen Bishop, Robert Plant und Philip Bailey. Es folgt Hit auf Hit, Angebot auf Angebot. Collins ist ein Arbeitstier, alles fliegt ihm zu, und er nimmt bereitwillig alle sich bietenden Chancen an. Das er sich damit und durch seine Dauerpräsenz unbeliebt machen könnte, daran scheint er im Traum nicht zu denken. Und gleichzeitig ist er von dem Erfolg stets überrascht. Es ist ein fortlaufender Prozess, in dem er sich befindet. Er freundet sich mit Größen der Musikszene an, ist auf Du und Du mit Prinz Charles und Prinzessin Diana und arbeitet für ihre Wohltätigkeitsorganisationen. 1985 macht er als einziger bei beiden Konzerten (London und Philadelphia) von Bob Geldofs Live Aid mit.

Sowohl er als auch Genesis werden immer größer, was Alben, Hits und ausverkaufte Stadien angehen. Auch das Schauspielern traut sich Collins wieder: „Buster“ kommt 1988 in die Kinos. In dem Film geht es um den Postraub 1963 in England, Collins und Julie Walters spielen die Hauptrollen. Einige Jahre später wird er neben Dustin Hoffman und Robin Williams einen Auftritt in Steven Spielbergs „Hook“ haben. Er tritt außerdem bei einigen Shows für die Neuaufführung von The Who’s „Tommy“ als Uncle Ernie auf. Und 1989 wird Jills und seine Tochter Lily geboren.

Der Erfolg scheint ungebrochen, als die Neunziger beginnen. Collins ahnt noch nicht, dass dies der Höhepunkt der Welle ist und der langsame Absturz sich nähert. Jill und er trennen sich nach einer Genesis-Tour (wieso nicht dort aufhören, wo man angefangen hat?) wegen einer Affäre von ihm. Ein Fax, welches er Jill schickt, landet auf allen Boulevard-Frontseiten. Seine 90er-Jahre-Alben verkaufen sich schlechter, die Kritiker wenden sich langsam gegen „Mr Nice Guy“ – ein Image, das sie selbst erfunden haben. Als er dann noch Mitte der 90er die fast zwanzig Jahre jüngere Schweizerin Orianne heiratet, und an den Genfer See zieht, ist jede Sympathie verspielt. Ihn selbst ekelt die Figur Phil Collins von da an. Doch er wäre nicht Phil Collins, wollte er nicht die Sympathien zurück. Er geht mit seiner eigenen Big Band auf Tour und vor allem der Disney Soundtrack zu „Tarzan“ 1999 bringt ihm Respekt ein. Und dann wird er auf einem Ohr taub.

Er hat mittlerweile mit Orianne zwei Söhne (Nicholas und Matthew) und beschließt, mit dem Tourneeleben abzuschließen. Ein Abschied muss aber sein, also geht er 2004 und 2005 auf First Final Farewell Tour. Wie es ihm Kreislauf des Collins’schen Lebens so ist, bricht auf der Tour die Ehe mit Orianne auseinander. Jetzt hat er die Pause, die er wollte, aber ohne seine Familie. Da kommen Genesis gelegen: 2007 gehen Banks, Rutherford, Thompson, Stuermer und er auf große „Turn It On Again“-Tour und begeistern Jung und Alt und Fans aller Lager. Nach der Tour kann er jedoch nicht mehr richtig Schlagzeug spielen. Gesundheitliche Probleme häufen sich, er ist allein, also kommt es wohl zum dunkelsten Teil seiner Biografie: Dem Trinken. Die Kapitel sind offen und ehrlich, aber manches davon möchte man vielleicht gar nicht wissen. Trotzdem kann man Collins niemals vorwerfen, unehrlich zu sein. Zwar rettet er sich mit Hilfe und Entzug mehr schlecht als recht aus dem Alkoholismus, aber beim Lesen denkt man sich: „Das muss nicht sein in dieser Biografie“ – und ja, das ist doppeldeutig gemeint.

Am Ende wird natürlich alles positiv dargestellt: Genesis sind nach knapp 50 Jahren noch die besten Freunde, „Tarzan“ gibt es als Musical, Collins‘ Ehe mit Orianne ist wieder intakt, seine Kinder sind sein Ein und Alles und verstehen sich untereinander alle prächtig, und erste Auftritte 2016 geben einen hoffnungsvollen Ausblick auf die kommenden im Jahr 2017, bei denen übrigens sein Sohn Nick Schlagzeug spielen soll. Doch ein fader Beigeschmack bleibt. Nicht wegen des Schreibstils oder wegen verfälschter Tatsachen. Nein, hier ist alles ehrlich und offen, wie man es von Collins kennt. Es ist eher, dass man ab einem bestimmten Punkt oft seufzt und sich wundert, wie das alles so ablaufen konnte. Alleine an der Länge dieser Rezension erkennt man das Tempo von Collins Leben, und hier ist alles nur oberflächlich berührt. Eine (von mehreren) offensichtliche Problematik ist der jedes Mal gescheiterte Versuch, das Musikerleben mit dem eines gefestigten Familienlebens zu verbinden. Collins will ein guter Vater sein, vielleicht so wie sein eigener. Er selbst hofft, dass ihm das gelungen ist, erkennt aber auch seine Fehler.

Collins nennt sich in der Biografie einmal selbst „Mr. Insecure“. Der Name trifft es vollkommen. Collins ist ein unsicherer Mann, der die besten Absichten hat und vor allem von allen gemocht werden will. Dass dies im Showbusiness nicht einfach ist, wurde oft genug bewiesen. Dafür hat Collins auch jahrelang wirklich positive Erfahrungen gemacht. Die Unsicherheit scheint also vor dem Hintergrund seiner Karriere fehl am Platz. Heute entschuldigt er sich teilweise für die gute Zeit und dass er Leuten durch seine dauernde Präsenz auf die Nerven gefallen ist. Auch wenn er von seinen engsten Freunden (Ronnie Caryl, Crew-Mitglieder Steve Jones & Danny Gillen, Tony Banks, Mike Rutherford, Peter Gabriel und Manager Tony Smith) redet, und hofft, dass sie ihn als genauso guten Freund empfinden, zeugt von der Unsicherheit. Insgesamt ist es schwierig, ein Fazit zu ziehen. Der Rezensent selbst ist quasi seit Geburt glühender Collins-Fan und kannte einige der Geschichten und Abläufe schon. Trotzdem wurde das Buch nahezu verschlungen, was sicherlich auch daran lag, all das mal aus der Sichtweise des Protagonisten selbst zu hören. Der Schreibstil ist simpel und trotzdem bleibt man am Haken – wie man es auch von Collins‘ Liedern kennt. Es wird genug Kritiker geben, die in negativer Weise über die Biografie und die Person Phil Collins herziehen. Die Projektionsfläche bietet er einigen sicherlich. Dass er dies auch auf sich nimmt, muss nicht sein, wird sich aber wahrscheinlich nicht mehr ändern. Eigentlich ist er nur ein lieber Kerl, der gemocht werden möchte und harmoniebedürftig ist. Da kann man an manchen Stellen fast Mitleid bekommen, wenn er so ehrlich und offen schreibt. Aber das ist auch falsch: Mitleid ist sicherlich das Letzte, was er möchte – und verdient hat! Vor allem gebührt ihm, egal wie man zu ihm steht, höchster Respekt vor der durchgezogenen Offenheit. Und ein etwas ermunternder Ausblick auf die noch kommen Auftritte. Ausverkauft sind sie jetzt schon, der Zuspruch ist also da. Dafür ist er auch, und das sollte nicht vergessen werden, die Pop-Legende Phil Collins. Und das ist es, woran man sich irgendwann vor allem erinnern sollte.

Cover @ Lorenzo Agius/Peng

Wertung: 15/15 dpt

 


Über den Autor

Philipp Roettgers


„I was born in ’89, the year of “ … but seriously … „three days before the Wall came down …“ Seit einigen Jahren lebe ich in Bonn und studiere dort „English Literatures and Cultures“. Ich spiele Schlagzeug, und schreibe für die Musikmagazine Intro, Betreutes Proggen und The Dutch Progressive Rock Page. Im Sommer bin ich auf Festivals unterwegs und helfe dort teilweise aus, unter anderem auf dem Burg Herzberg Festival. Meine Heroen: Hermann Hesse, Hunter S. Thompson, Der Dude („The Big Lebowski“), Steve Hogarth, Genesis, David Eddings, The Beatles, Dennis Hopper, Bela B. und Monty Python.
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von Philipp Roettgers Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
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