Andreas Eschbach – Die Haarteppichknüpfer (Hörbuch, gelesen von Sascha Rotermund)

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Andreas Eschbach - Die Haarteppichknüpfer (Hörbuch)Ganze siebzehn Jahre hat es gedauert, bis der erste Science-Fiction-Roman des äußerst produktiven Autors Andreas Eschbach auch in vorgelesener Form vorliegt. In all den Jahren hat sich der heute in der Bretagne lebende Schriftsteller einen beachtlichen Ruf erschrieben – zuletzt mit der just beendeten “Black*Out”/”Hide*Out”/”Time*Out”-Trilogie, aber auch mit der fünfteiligen “Das Marsprojekt”-Reihe, “Der Letzte seiner Art”, “Herr aller Dinge”, “Eine Billion Dollar” oder mit dem 2002 verfilmten “Das Jesus-Video”  Ist die Audioversion von “Die Haarteppichknüpfer” nun ein sinnbefreiter Griff in die Mottenkiste oder lohnt sich der Erwerb des Hörromans?

“In einer anderen Welt, in einer anderen Zeit… Seit undenklichen Zeiten knüpfen sie Teppiche für den Hof des Kaisers – Teppiche aus den Haaren ihrer Frauen und Töchter, so dicht und fein, dass jeder Haarteppichknüpfer nur einen einzigen Teppich in seinem ganzen Leben vollendet. Die Kunst wird vom Vater auf den Sohn vererbt, seit Jahrtausenden, seit dem Anbeginn der Zeit. Doch eines Tages wird alles anders. Das Reich der Gottkaiser zerfällt, und die Fremden von den Sternen kommen, um der spur der Haarteppiche zu folgen. Und sie stoßen auf ein Geheimnis jenseits aller Vorstellungskraft…” heißt es auf dem Backcover des zwar ein wenig klischeehaft, aber dennoch sehr ansehnlich aufgemachten Digipaks, und das deutet die sehr komplex verlaufende und ebenso gestrickte Geschichte bestenfalls an. Doch auf sämtliche relevanten Handlungsstränge einzugehen, würde den Rahmen einer Rezension jenseits des “wall of text”-Formats völlig sprengen, deswegen ergibt es nicht viel Sinn, dem Leser dieser Zeilen diese nun als Häppchen auf den Teller zu werfen – was tut man nun als Rezensent? Mini-Spoiler platzieren oder die vagen Hinweise als solche im (Welt-)Raum umherschweben lassen?

Verzichten wir demnach lieber auf die “Bedienungsanleitung” und lassen unsere Leser genau so in der Schwebe, wie es Eschbach mit seinen Lesern bis zum Ende dieses kleinen Epos’ tut. Eines Epos’. welches wie eine Science-Fiction-Version eines Märchens wirkt. Der Eindruck verstärkt sich besonders durch die Parallelen zur Brutalität und Grausamkeit, die zahlreichen Märchen innewohnt – nur, dass bei “Die Haarteppichknüpfer” nichts hübsch verpackt wird, sondern gnadenlos offenbart und dargestellt wird. In all seinen oftmals furchtbaren Details. Gleiches gilt für Fatalismus als einzige Möglichkeit, mit den offensichtlich unumstürzbaren Gegebenheiten fertig zu werden. Erfrischend ist bei alledem, dass die moralisch positiven Ansätze niemals mit erhobenem Zeigefinger durchschimmern, sondern auf eine angenehm natürliche, auf gesundem Menschenverstand basierende Art in das Bewusstsein des Konsumenten hervordringt.

Es bedarf eines großen Maßes an Konzentration, all die lose herunterbaumelnden Strippen dieser Story einander zuzuordnen, zumal alles in sehr hohem Tempo geschieht und die Spannung nie abreißt. Der multiperspektivisch angelegte Schreibstil trägt einen großen Teil zu jener Verwirrung bei, welche alleine durch die abrupten Zeitsprünge bereits gegeben ist. Es wird vom Mikro- zum Makrokosmos gesprungen, dann wieder zurück zum kleinsten Staubkorn, und dieses Umherwirbeln zwischen Räumen und Zeiten entwickelt einen Sog, der den Hörer ähnlich wie ein Schwarzes Loch zu schlucken droht. Ein Sog aus Geheimniskrämerei, diversen Schmetterlingseffekten, dem Phänomen des Eine-Mücke-zum-Elefanten-Machens, aus Rebellion, aus Abstraktion des Eigentlichen und dem völligen Verlust des Fokus’ auf Selbiges.

Mit Schauspieler Sascha Rotermund, den der aufmerksame, audiosensible Film- und Fernsehzuschauer vor allem als deutsche Synchronstimme von LL Cool J (als Sam Hanna in “Navy CIS: Los Angeles”), Jesse Spencer (als Robert Chase in “Dr. House”), Lee Peace (als Ned in “Pushing Daisies”) und in Spielfilmen für Joaquín Phoenix, Jon Hamm, Armie Hammer und Omar Sy kennen dürfte, hätte man keinen besseren Sprecher für “Die Haarteppichknüpfer” auswählen können, denn die emotionale, niemals overacted wirkende Art und Weise, mit der der gebürtige Arnsberger diesen Roman liest, erzeugt eine eigenwillige, sonderbare Atmosphäre – und auch die Dynamik und Lebhaftigkeit, die in seiner Stimme liegt, passt hervorragend zu dem, was in Druckform auf dem Tisch unter seinem Mikrofon lag. Alleine für die Intonierung und Inszenierung des machtbesessenen Kaisers jenes Reiches gehört dem guten Mann eigentlich eine Medaille verliehen. Somit ist das Hören dieses Hörbuchs nicht einfach nur fünfstündige Unterhaltung, sondern ein regelrechtes Erlebnis, bei dem Aufmerksamkeit höchstes Gebot ist, um nicht den Faden zu verlieren. Denn sonst verzettelt man sich als Gedankenteppichknüpfer, und kaum hat man es sich versehen, sind in sebigem Teppich hässliche Löcher.

Eschbach hat mit dem Roman in den Neunzigern moderne Geschichte geschrieben, und gemeinsam mit Sascha Rotermund als Geschichtenvorleser geschieht dies nun zum zweiten Mal.

Cover © Lübbe Audio

  • Autor: Andreas Eschbach
  • Titel: Die Haarteppichknüpfer
  • Label: Lübbe Audio
  • Erschienen: 12/2012
  • Sprecher: Sascha Rotermund
  • Spielzeit: 300 Minuten auf 5 CDs
  • ISBN: 978-3-7857-4686-8
  • Sonstige Informationen: Bearbeitete Hörbuchfassung

Wertung: 12/15 dpt

 

 

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris’ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Andreas Eschbach – Die Haarteppichknüpfer…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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