Lena Gorelik – Die Listensammlerin (Hörbuch, gelesen von Eva Meckbach)

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Lena Gorelik - Die Listensammlerin (Hörbuch) Cover © argon VerlagWährend ihre Großmutter ihren Lebensabend durch ihre Demenz bedingt im Dämmerzustand verbringt, muss Sofia auch um ihre kleine Tochter Anna bangen, denn deren Herzoperation steht in naher Zukunft an. Damit sie einigermaßen die Kontrolle über sich zu behalten in der Lage ist, fertigt sie zu allem Möglichem Listen an. Eine Leidenschaft, die ihre Mutter schon in Sofias Kindheitstagen für eine doch sehr sonderbare Eigenart hielt. Doch in diesen Listen, beispielsweise über filmreife Lebensszenen, unterhaltsame Deutschfehler ihrer russischen Mutter oder typische Großmutter-Phrasen, verlor und verliert sie sich, um wieder zu sich selbst zu finden.

Die junge Frau, die sich noch gar nicht so wirklich an ihr Mutterdasein gewöhnt hat, ist extrem erstaunt, als sie in der Wohnung der Großmutter etwas findet, das fast wie ein Stück von ihr selbst ist: Eine Sammlung unzähliger Listen, so wie sie sie selbst seit Jahrzehnten zusammenstellt – geschrieben von ihrem Onkel Grischa. Ihre Neugier ist nicht mehr zu bändigen, und so versucht sie Stück für Stück anhand Grischas Listen über die verschiedensten Dinge nachzuvollziehen, wer dieser geheimnisvolle Onkel gewesen sein mag, der sich nie dem sowjetischen System unterwerfen wollte, nicht der gesellschaftlichen Norm entsprach und ein rebellisches, individualistisches und dissidentisches Leben lebte.

Als Hörer beziehungsweise Leser muss man sich anfangs an die mehrgleisige Erzählweise gewöhnen, denn neben Sofias egoperspektivischen Erzählungen in der Gegenwart wird häufig auch in die Vergangenheit geblickt – sie als Enkelin einer noch geistig klaren Großmutter und als Tochter. Als dritter Erzählstrang wird in der dritten Person Grischas Geschichte erzählt. Seine Kindheit. Seine Jugend. Sein Leben als Erwachsener. Hier erfährt man häppchenweise, wie sich schon in frühen Jahren seine normabweichende Einstellung und Attitüde abzeichnete, die sein Umfeld als sehr irritierend, oftmals als gefährlich empfand. Gefährlich für ihn selbst, gefährlich für andere. Im Laufe aller Erzählungen erfährt man außerdem, wie und warum die Familie einst aus der UdSSR gen Westen in die Bundesrepublik Deutschland übergesiedelt ist.

Trotz einer beachtlichen Schwere und Melancholie strahlt „Die Listensammlerin“ eine wohlige Wärme aus, was speziell Goreliks sehr filigran-detailreicher, das Wesen der einzelnen Figuren perfekt wiedergebender Art der Darstellung und auch dem präzisen Skizzieren der jeweiligen Umgebungen zu verdanken ist. Doch die Geschichte aus Geschichten ist keinesfalls zu hundert Prozent melancholisch oder traurig, sondern gewinnt durch eine feindosierte Portion hintersinnigen Humors einige Facetten – wobei vor allem Onkel Grischa mit zunehmender Dauer durch sein Sichselbstsein und seine staubtrockenen Bemerkungen immer mehr an Sympathien zu gewinnen weiß. Hinzu kommt, dass die Autorin geschickt die Spannung aufrecht erhält, was Sofia und Grischa abgesehen von den Listen denn nun miteinander verbindet.

Sicherlich geht durch das Nichtvorhandensein der typograpischen Unterschiede, wie sie in der Buchversion zu finden sind, eine wichtige Komponente verloren, doch durch ihre vielseitige und gekonnt eingesetzte Erzählstimme gelingt es der für die Hörbuchversion gewonnenen Schauspielerin Eva Meckbach überzeugend, einen adäquaten Ausgleich zu schaffen, sodass Goreliks neuestes Werk auch bestens in gesprochenem Wort funktioniert, zumal Meckbach die Emotionen beeindruckend authentisch zu Ohr transportiert.

„Die Listensammlerin“ ist ein Hörbuch, welches einem als Zuhörer anfänglich noch ein wenig den Zugang erschwert, doch Stück für Stück wird die Tür etwas weiter geöffnet, und mit der geöffneten Tür öffnet sich ebenso schrittweise des Hörers Herz.

Cover © argon Verlag

  • Autor: Lena Gorelik
  • Titel: Die Listensammlerin
  • Label: argon Hörbuch
  • Erschienen: 26.09.2013
  • Sprecher: Eva Meckbach
  • Spielzeit: 6 Stunden, 32 Minuten auf 6 CDs
  • ISBN: 978-3-8398-1283-9
  • Sonstige Informationen:
    Autorisierte Lesefassung
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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