Cynan Jones – Graben (Buch)

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Cynan Jones - Graben175 Seiten, viele kurze Absätze. Eigentlich ist „Graben“ ein Gedicht in Prosa. Zwei Lebensentwürfe, zwei Männer, die auf unterschiedlichen Seiten stehen, zwischen ihnen die gesamte Menschheit beziehungsweise die Frage, was uns Menschen ausmacht.
‚Der große Mann‘ sucht und fängt Dachse, die er in illegalen Kämpfen von seinen und anderen Jagdhunden vor johlenden Zuschauern abschlachten lässt. Eine Chance haben die Dachse nie, werden ihnen doch die Krallen gezogen und die Zähne herausgebrochen. Man muss seine tierischen Wertanlagen schließlich schützen.
 Der Mann ohne Namen wirkt einschüchternd auf seine Umwelt, bibbert dabei innerlich vor der Polizei und einem möglichen Gefängnisaufenthalt in einer engen Zelle.

Daniel, der rührige Farmer und Schafzüchter, ist der Gegenpol des Namenlosen. Der ruhige Mann trauert um seine Gattin, die von einem ausschlagenden Pferd getötet wurde. Sein Lebenswillen ist gebrochen, das Draußen besteht für ihn nur noch aus rätselhaften Zeichen, die er zu deuten versucht. Gleichzeitig arbeitet er als Geburtshelfer bei seiner Schafherde. Und wird auch hier auf makabere Weise mit dem Tod konfrontiert.

Die Wege der beiden Männer kreuzen sich zunächst nur peripher, die finale Begegnung ist trotzdem ein Akt der Zwangsläufigkeit. Einen Ausweg gibt es nicht. Nicht nur Dachse sitzen in Fallen.
„Graben“ handelt vom Verlust der Menschlichkeit. Für den Einen bedeutet dies die Erschütterung der tiefen Sehnsucht nach Liebe, Vertrauen und Gemeinschaft. Der andere steht exemplarisch dafür ein, in seiner meisterlichen Ausbeutung der Gier, des Voyeurismus und der Lust auf Blut und Zerstörung.  Der große Mann erscheint wie ein Verführer, in dessen Gefolge sich Menschen, egal ob jung oder alt, ihren niedersten Bedürfnissen hingeben, diese sogar genießen.

Daniel bewegt sich zwar weitab davon, bietet allerdings kein positives Regulativ. Er möchte zwar ein rechtschaffener Mensch sein, ein Liebender, der  dem Leben auf die Beine hilft, doch findet er in seiner Umgebung nur den Tod. Die größte Gnade, die ihm widerfährt, ist nicht zu erfahren, dass seine getötete Frau schwanger war.  

Mit knappen Worten, dafür umso symbolträchtiger, erzählt der walisische Autor Cynan Jones eine archaische Geschichte von Verlust, Trauer, Tod und Schuld. Während Daniel wie Hiob von einem Unglück zum nächsten taumelt, wird der große Mann bewusst schuldig. Er zollt seiner Umwelt keinen Funken Respekt, handelt als  ein Jäger, der sein Wild nicht zum Überleben braucht, sondern um es zu vernichten. Er ist ein dunkler Sog, den das Geifern der Meute am Leben hält. Nichts Schöpferisches entsteht in seiner Nähe, Kommunikation erstirbt, es bleiben nur übertünchte Leere und Angst. Die man vor ihm hat, und die ihn selbst beschleicht und irgendwann verschlingen wird.

„Graben“ ist ein faszinierend düsteres Buch, angesiedelt in einer rauen Landschaft, deren schwermütige Schönheit Cynan Jones mit eindrucksvollen Schilderungen zwischen Stakkato und Innehalten poetisch und nachdrücklich vermittelt. Er verweigert sich jeglicher Tendenz, Gewaltdarstellungen in allen grafischen Einzelheiten auszuformulieren, obwohl sich dies beim Thema geradezu anbietet. Stattdessen fokussiert er brutale Spitzen mit karger Härte, wendet sich dann abrupt ab, um alles Weitere der Phantasie zu überlassen. So auch im Finale. Kein dramatisches Crescendo, sondern ein tödlicher Hauch, eine Art Erfüllung. Ob dies auch Erlösung bedeutet, bleibt in der Deutungshoheit der Leser.

Ein besonderes Lob geht an die hervorragende Übersetzung Peter Torbergs, der bei schwierig zu übersetzenden Texten wie diesem (oder auch David Peace‘ Magnum Opus „GB 84“) enormes Fingerspitzengefühl und Sprachverstand beweist. Und zudem Worte wie ‚ablammen‘ kennt. Gleich auf den ersten Seiten etwas gelernt.
Cover © Liebeskind Verlag

  • Autor: Cynan Jones
  • Titel: Graben
  • Originaltitel: The Dig
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 26.01.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 175
  • ISBN: 978-3-95438-034-3
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt

 


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Cynan Jones – Graben (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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