Hydra (Hrsg.) – Die unfrisiertesten Philosophen aller Zeiten (Buch)

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Die unfrisiertesten Philosophen aller Zeiten, herausgegeben von HYDRA (Cover © Holzbaum Verlag)Nein, kommt doch bloß nicht damit! Philosophen und Frisuren?! Da kann es doch nur einen geben. Ja, richtig, der langhaarige Frühhippie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Genau, Karl Marx. Seien wir doch einmal ehrlich, bei dieser Frisur und diesem Bart können doch nur so krude Gedanken herauskommen wie: alle Menschen sind gleich, viele Menschen werden ausgebeutet. Ja, seht das doch endlich einmal ein, ihr österreichischen Herausgeber namens HYDRA und dem Autor Curt Cuisine, oder wie immer ihr heißen mögt, ihr, die ihr dieses Machwerk “Die unfrisiertesten Philosophen aller Zeiten“ verbrochen habt. Kalle Marx ist die Nummer 1! Ja, leider ein Piefke! Konzentriert ihr euch auf Kaiserschmarrn und Sachertorte und prügelt nicht immer auf Thomas Bernhardt ein.

Nein, jetzt kommt doch bloß nicht mit Diogenes und Sokrates & Co. Wer weiß denn heute noch, wie die damals aussahen, als sie durch Griechenland latschten (oh je, ja keinen Witz über Griechenland an dieser Stelle) .

Passt scho: “Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Hmm…. Jean Paul Sartre? Gut, dass ihr den  gar nicht erst erwähnt habt! Gibt es überhaupt noch verlässliche Angaben darüber, wie der Typ ausgesehen hat? Ja Mensch, setzt ihr euch doch mal in den sechziger Jahren in ein schmuddeliges Café im Pariser Quartier Latin, qualmt (ja, richtig, eine Kneipe, in der man noch rauchen durfte!) eine Gitanes nach der anderen , leert ein Glas Bordeaux-Wein nach dem nächsten und quasselt nächtelang über die Weltrevolution. Wen wundert’s, dass sich keiner an Sartres Frisur erinnert. Ja, gut, vielleicht Frau de Beauvoir, so gegen 14:30 Uhr am nächsten Morgen. Aber Sartre wird es sportlich nehmen, dass er keine Erwähnung findet, war er doch Pessimist!

Und da wir gerade bei den Franzosen sind. Michel de Montaigne: interessiert seine Frisur wirklich? Wohl kaum, hat sich der Typ so einfach mal im Mittelalter mit ungefähr 6000 Büchern im Bordeaux auf das Landgut seiner Eltern zurückgezogen und fortan an seinen “Essays“ geschrieben, bis an sein Lebensende! Kann es etwas Schöneres geben? Und dann war da noch Michel Foucault. Hatte der überhaupt Haare? Nee, der hatte doch ein Pendel, oder? Halt, nein, da war doch Umberto Eco! Auf jeden Fall besser lesbar und zu verstehen!

So oder so ähnlich hangeln sich unsere österreichischen Witzbolde durch die Philosophengeschichte, von der Antike bis zur Neuzeit. Und siehe da, sie laufen zu Höchstform auf. Ludwig Wittgenstein, ja, genau der, der Superstar unter den Unfrisierten. Und, endlich, ja, ja zumindest in Wien geboren und in Linz aufgewachsen! Ein, sagen wir mal, halber Ösi! Ende, Schluss, aus, basta (ach nee, das war ja ein deutscher Bundeskanzler mit Cohiba-Zigarre und Brioni-Anzug). Keine weitere Diskussion mehr, Ende der Philosophie.

“Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Keine Philosophie mehr! Alles gesagt! Und welche Frisur hatte der eigentlich? Man kann sagen, so Typ Gymnasiallehrer, aber völlig egal, Hauptsache Österreicher (immerhin ein bisschen) und auf jeden Fall Kult! So, und nun meint ihr, gewonnen zu haben, oder? Wenn, ja wenn, da nicht Fritze Nietzsche wäre. Gut, rechnen wir einfach den Bart zur Frisur, aber irgendwie ist der doch auch schon Kult, nicht wahr? Einverstanden. Und bevor hier der Sturm losgeht, die eine oder andere seiner Ideen ist zweifelhaft, aber er war zumindest konsequent bis zum Letzten in seinem Denken!

Ach, bislang ist überhaupt nicht klar, worum es im wesentlichen in diesem Buch geht? Um Frisuren, ist doch klar. Und natürlich um diese klitzekleinen Kleinigkeiten, die in den Köpfen darunter steckten. Die gesamte Weisheit der abendländischen Philosophie über einen Zeitraum von round about 3000 Jahren. HYDRA und Curt Cuisine verpacken diese suspekte Einführung in die Philosophie einfach in Satire, Ironie und ab und an in haarige Derbheiten. Und warum auch nicht? Es entsteht so eine herrlich schräge Mischung aus Anekdoten und Geschichten rund um die Philosophie. Jeder der Genannten bekommt sein Fett weg. Zum Beispiel dann, wenn der “Flirtfaktor“ eines Philosophen beschrieben wird. Ja, richtig, bereits der Gedanke daran lässt ein Kopfkino ablaufen. Stellen wir uns nur Schopenhauer und seine Eristik im Zusammenhang mit einem Flirt vor. Aber andererseits, ist der Flirt überhaupt etwas anderes…?

Diesem Buch gelingt es ganz vorzüglich, kurz und sehr vergnüglich den jeweiligen großköpfigen Philosophen abzuhandeln und irgendwie auf die Beine zu stellen. Man vergegenwärtige sich einmal die fast schon kilometerlangen Gänge in Bibliotheken; voll und zugestellt mit den Werken des jeweiligen Großmeisters. Ganz zu schweigen von den wahrscheinlich noch längeren Reihen mit den Biografien, Autobiografien und Sekundärwerken. Unzählige Bücher, abertausende von Seiten, die uns diese Philosophen näher bringen sollen! Mal ehrlich, das stößt doch eher ab, als dass es Interesse an der Geistesgeschichte des Abendlandes weckt. Und da kommt dieser schmale Band, die Philosophie liebevoll verhohnepiepelnd, genau richtig. Als eine Einführung gedacht, die den Leser lachend Erkenntnisse über die existentiellen Fragen nahe bringt. Absolut gelungen!

Und, jetzt bleibt doch endlich nur eine Frage: Wer ist denn nun der größte? Liebe Leser, das ist doch zum Schluss völlig egal: Hauptsache, die Frisur sitzt!

  • Autor: Curt Cuisine
  • Titel: Die unfrisiertesten Philosophen aller Zeiten
  • Verlag: Holzbaum Verlag
  • Erschienen: 2014
  • Einband: Broschur
  • Seiten: 136
  • ISBN:  978-3-902980-11-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

     

Wertung: 12/15 dpt

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Über den Autor

Laurent Piechaczek

Nicht mehr ganz der Jüngste. Literatur und Musik sowieso. Neuerdings sehr fotointeressiert. Wohnort: Ruhrgebiet, genauer in der Kulturhauptstadt von 2010! Beruf: zur Zeit leider zu viel!

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von Laurent Piechaczek Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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