Catherine Fisher – Die vergessene Kammer (Buch)

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Catherine Fisher - Die vergessene Kammer / Cover © blanvaletEinen besonderen Schauplatz hat die Jugendbuch-Autorin Catherine Fisher zum Ausgangspunkt ihres phantastisch-historischen Romans „Die vergessene Kammer“ gewählt. Der Handlungsort Bath trug einst den Namen Aquae Sulis, dieser Ort und seine heißen Quellen existieren wirklich. Die Stadt zählt heute zum Weltkulturerbe und ist außerdem für seine architektonischen und historischen Schätze bekannt.
Ungewöhnlich ist auch die Gliederung des Romans. Die Handlung spielt in drei Zeitebenen und wird von drei Protagonisten erzählt. Zwei Erzähler aus der Vergangenheit, Bladud und Zac, berichten in der Ich-Form, die Hauptfigur Sulis in der Gegenwart als personaler Erzähler.
Der Druide Bladud soll um das Jahr 900 ein König der Britons (Keltische Bevölkerung Britanniens im Altertum) gewesen sein. Seine hier erzählte Geschichte entspricht der einer berühmten Legende.  Zusätzlich reisen wir in das frühe achtzehnte Jahrhundert und begleiten Zac, den Lehrling des berühmten Architekten und Baumeisters John Forrest. Ihm wird die Vision des Bauwerks King’s Circus angedichtet, das  es in Bath tatsächlich gibt. Jedoch hat John Wood diese kreisrunde Siedlung, gegliedert in dreißig Wohnungen und von drei sternförmigen Zufahrten unterteilt, erschaffen.

Die im Klappentext erwähnte und auf dem Cover abgebildete „spiralförmige, sich in den Himmel schraubende Straße“ kommt im ganzen Roman nicht vor. Was sich der Blanvalet-Verlag dabei gedacht hat, seinen Lesern eine solche Fehlinformation zuzumuten, bleibt das Geheimnis der dafür Verantwortlichen.

Was ist das große Geheimnis?

Der Druide Bladud baute die erste Befestigung aus Stein um die Quelle Sulis. Aufgrund einer  Hautkrankheit wurde er zum Ausgestoßenen. Fast am Ende seiner Kraft tat Bladud es den Schweinen gleich und legte sich in den warmen Schlamm. Der Druide wurde gesund und machte der Quelle ein Geschenk.

Jonathan Forrest ist ein Visionär und ein eigensinniger Kauz. Inspiriert von den Steinkreisen in Stanton Drew will er eine perfekte kreisrunde Siedlung bauen. Zahlungskräftigen Sponsoren stößt er vor den Kopf und pflegt Umgang mit zwielichtigen Fremden. Zac, der Sohn eines einst angesehenen Adeligen, der sein Vermögen verspielt hat, kann das Benehmen und die hochtrabenden Pläne seines Meisters nicht gutheißen. Ein Umstand, den sich der ehrgeizige Widersacher Compton zu Nutze macht; über seinen labilen Assistenten stellt er dem verkannten Genie eine Falle.

Die siebzehnjährige Sulis zieht aus Sheffield nach Bath an den King’s Circus. Ihre neuen Pflegeeltern leben auch erst seit kurzem dort, sodass sie als Neuzugang in der Siedlung nicht auffällt. Denn Sulis flieht vor einem Fremden, der Zeuge eines furchtbaren Ereignisses in ihrer Kindheit war. Auch nach zehn Jahren wirft der Tod ihrer Freundin einen dunklen Schatten auf Sulis Leben. Sie hofft zunächst am Circus endlich in Sicherheit zu sein, doch schon bald glaubt sie erneut verfolgt zu werden.  

Eine wunderbare Idee, aber zu wenig daraus gemacht

Die Geschichte in „Die vergessene Kammer“ spielt also an einem höchst interessanten Schauplatz, ist einer berühmten Legende nachempfunden und auch noch in drei Zeitepochen angesiedelt. Aus einem derart originellen Setup hätte ein besonderer Roman entstehen können. Doch auch das originellste Storygerüst muss mit einer Handlung ausgestattet werden, die einem roten Faden folgt. Vor allem weil letzteres misslungen ist, kann „Die vergessene Kammer“ nicht wirklich überzeugen. Catherine Fisher hatte eine vielversprechende Romanidee, aber leider nicht den Mut, sie konsequent umzusetzen. Warum hat sie den phantastischen Überbau, der sich praktisch aufdrängt, nicht genutzt?

Stattdessen lesen wir die Geschichte einer jungen Frau, die aufgrund eines traumatischen Erlebnisses in der Kindheit verfolgt wird, oder dies zumindest glaubt. Dass sie in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen und deshalb von einer Familie zur anderen gereicht wurde, kann man vermuten, erklärt wird es jedoch nicht. Immerhin erfährt man, was genau aus Sulis Sicht passiert ist. Danach geht es hauptsächlich darum, ob sich die Ereignisse um ihre Freundin Caitlin wirklich so zugetragen haben, oder ob Sulis sich alles nur einbildet. Das Mädchen leidet unter mysteriösen Erscheinungen. Sie sieht zum Beispiel Eichenblätter, obwohl der dazugehörende Baum fehlt und begegnet einem Fremden, den sonst niemand sieht. Die einzige Verbindung zu Zacs Geschichte besteht in einer kurzen, einseitigen Kommunikation mit ihm. Zu dieser winzigen Szene gibt es keinen weiteren Kontext, sie taucht auf und verschwindet im Nichts. Warum hat die Autorin nicht mehr aus solchen eingestreuten Mysterien gemacht?  

Ähnliches findet sich in der Geschichte um Forrest und seinen Adepten Zac. Da hat die Autorin zunächst den Mut gehabt, einen Unsympathen als Erzähler einzusetzen. Doch dann wandelt der sich, warum wird nicht so richtig klar. Was es mit den geheimnisvollen Freunden des Meisters und dem Oroboros-Symbol (Schlange, die sich in den Schwanz beißt) auf sich hat ebenfalls nicht. Das sind wieder lose eingestreute Segmente mit wenig Bezug zu Zacs Geschichte. Über deren Verbindung zu den anderen Handlungsebenen kann man ebenfalls nur vage spekulieren.

Insgesamt lesen sich die einzelnen Geschichten ganz nett und einige der Charaktere, vor allem Jonathan Forrest oder auch Sulis Freund Josh, werden gut ausgearbeitet. Aber es fehlt das große Ganze, das die Geschichte zusammenhält und ihr einen tieferen Sinn verleiht. Und so wird das mystische Geheimnis, das den Hintergrund zu dieser Geschichte bildet, nicht wirklich gelüftet und auch nicht als verbindendes Element genutzt. Was schade ist, denn dadurch wirkt die Story fragmentarisch. Die Autorin hat das Potential ihrer Romanidee weitestgehend verschenkt. Und so ist die Lektüre des Romans „Die vergessene Kammer“ nicht wie der genussvolle Anblick der ungewöhnlichen Architektur des King’s Circus, sondern eher wie ein kurzer Blick in drei der Wohneinheiten. Die sehen zwar ganz hübsch aus, sind aber nicht das, was diesen Ort zu etwas Besonderem macht.
 
Cover © Blanvalet

  • Autor: Catherine Fisher
  • Titel: Die vergessene Kammer
  • Originaltitel: Crown of Acorns
  • Übersetzer: Wolfgang Thon
  • Verlag: Blanvalet
  • Erschienen: Januar 2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3-442-26406-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite bei Blanvalet
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 7/15 dpt


Über den Autor

Eva Bergschneider


Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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