Books and the City #3 – Queere Bücher (Kolumne)

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Books & The City Logo © booknerds.deDie Literatur, die Großstadt – das gehört zusammen, und zwar nicht erst, seit Fotos von Buch- und Kaffeekunst zu den beliebtesten Motiven auf Instagram gehören. Heute eine neue Geschichte aus der Kulturstadt, von ihren Menschen und Büchern.

Am vergangenen Wochenende bei strahlendem Sonnenschein: Zwischen sandsteinerner Architektur und breitem Elbestrom demonstrierten Tausende für die Rechte und gesellschaftliche Anerkennung von LGBT*IQA. Das nennen wir CSD, im Gedenken an den Aufstand vor dem New Yorker Stonewall Inn in der Christopher Street anno 1969.

Books & The City Bild #3© Georg JäneckeNun könnte man meinen, dass eine durchaus laute Demonstration nicht der richtige Ort zum Lesen ist, aber weit gefehlt. In einer blumen- und regenbogengeschmückten Fahrradrikscha ließ sich eine junge Frau nieder, um in aller Ruhe den Schatten des Gefährts zu nutzen und sich ihrer Lektüre zu widmen: queere Literatur also im wahrsten Sinne des Wortes, oder etwa nicht? Ich kam nicht umhin, mich zu fragen, ist ein Buch schon queer, wenn es auf dem CSD gelesen wird?

Besagtes Buch war das Ausländergesetz (nein, das ist kein belletristischer Titel). Im Wesentlichen behandelt diese demofüllende Lektüre, wie mit Fremden in Deutschland umzugehen ist, was Menschen tun müssen, um in Deutschland leben zu dürfen (wenn sie nicht das Glück haben, per Blutrecht [das klingt nun fast nach Fantasy]die deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen). Ist das queer?

Das Wort queer bedeutet normabweichend. Wie gay (oder im Deutschen schwul) wurde es als Schimpfwort für Menschen gebraucht, die nicht hetero, cis oder monogam sind. Später eroberten die so Geschmähten den Begriff für sich als Selbstbezeichnung (was einige natürlich trotzdem nicht davon abhält, ihn als Beleidigung zu verwenden). In diesem Sinne ist das Ausländergesetz kein queeres Buch.

Schaut man aber genauer hin, sind die Parallelen durchaus sichtbar: Für Menschen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit sieht die BRD offenbar einen derart großen Regelungsbedarf, dass dafür ein eigenes Gesetz notwendig ist. Nicht um der Ehre aber doch der Fairness willen sei erwähnt, dass sie damit auf der Welt alles andere als allein steht.
Die queere Community kennt diesen Regelungsbedarf auch: Bis 1994 war Homosexualität einen Paragraphen im Strafgesetzbuch wert, für Trans*menschen gibt es bis heute ein komplett eigenes Gesetzbuch, Intersexuelle werden im Personenstandsänderungsgesetz mitbedacht (dafür sind sie sicher alle sehr dankbar). Immer wenn etwas von der Norm abweicht – sei es durch Herkunft, sexuelle Orientierung und Identität oder eine Behinderung (wobei man trefflich streiten kann, ob Menschen behindert sind oder werden) – müssen offenbar Dinge geregelt werden.

Immer dann entstehen queere Bücher – Bücher, die weder unterhalten, bezaubern, fesseln oder berühren, selten etwas zum Besseren wenden und nur bedingt zur Unterstützung der regelungsbedürftigen Lebenswege beitragen. Sie sind die Normabweichungen unter den Büchern.

(Fragen zu den Abkürzungen und Begriffen bitte einfach an den Autor richten.)

„books & the city“-Bild © booknerds.de/Verwendung der Buchseite (ISBN 978-3-442-371259) für die Häuser mit freundlicher Genehmigung des blanvalet Verlags

Rikschabild © Georg Jänecke mit freundlicher Genehmigung von Ulrike Bürgel

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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