David E. Gehlke – Systemstörung – Die Geschichte von Noise Records (Buch)

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Noise Records war ein deutsches Musik-Label, das sich auf Heavy Metal spezialisiert hatte und einige der großen Namen des Genres sowie einige der größten Namen des europäischen Metal hevorbrachte. Gegründet Anfang der Achtziger vom selbsternannten Anarchisten Karl-Ulrich Walterbach gehören so szenebekannte Namen wie Helloween, Kreator, Celtic Frost, Gamma Ray, Grave Digger, Running Wild, Tankard oder Voivod zum Katalog des Labels. Fast alle diese Bands wurden durch Noise groß und trennten sich im Laufe ihrer Karrieren aus verschiedensten Gründen von Walterbach und seinem Label, bis er selbst es schließlich Anfang des 21. Jahrhunderts an das Major-Label Sanctuary verkaufte. Journalist David E. Gehlke schildert in seinem Buch spannend und aufschlussreich die Geschichte dieses Indie-Labels, um einige Ungereimtheiten aufzuklären und ihm seinen wohlverdienten Platz in der Metal-Geschichte zu geben.

Dabei geht er äußerst geschickt vor: Das Ganze wird natürlich chronologisch geschildert und an der Person Karl-Ulrich Walterbachs festgemacht. Die Biografie seines Labels ist eben auch seine Biografie, also ist er auch der präsenteste Kommentator. Neben ihm kommen viele Musiker der ehemaligen Noise-Bands zu Wort, so wie viele andere aus dem Dunstkreis des Labels, wie Mitarbeiter, Produzenten, Journalisten, und viele mehr. Die Liste der Namen ist ellenlang. Gehlke zieht das Ganze sehr wirkungsvoll auf, indem er die Geschichte des Labels an seinen Bands festmacht und ihnen jeweils ein Kapitel widmet, in dem es nur um die jeweilige Band und ihr Verhältnis zu und ihre Geschichte bei Noise geht. So bewegen wir uns chronologisch und auch thematisch sinnvoll durch die Label-Historie. Eines wird dabei jedoch auch sehr deutlich: Walterbach scheint nicht der angenehmste Zeitgenosse zu sein.

Zumindest, wenn man manchen Berichten Glauben schenken darf. Da wird ihm vorgeworfen, der skrupellose Labelboss gewesen zu sein, dem der künstlerische Aspekt nur unter Berücksichtung des Geldes wichtig war. Da wird von Verträgen berichtet, die junge Bands unterschrieben, obwohl Anwälte ihnen dringend davon abrieten. Die Bands taten es trotzdem – sie waren meist noch keine 20 und wollten einfach Alben aufnehmen. Da wird von Änderungen der Albencover und Songabfolgen auf Alben berichtet, von denen die Bands erst nach Veröffentlichung erfuhren. Da wird von auszehrenden Tourneen gesprochen, auf die die Bands unter teils katastrophalen Umständen geschickt wurden. Ob dies nun schlimmer als bei anderen Labels war oder einfach nur Alltag in diesem Geschäft ist, bleibt dabei offen. Und überhaupt bekleckert sich kaum einer der Beteiligten mit Ehre: Es liest sich mitunter schon fast komödiantisch, wenn Musiker und Labelboss sich gegenseitig in ihren Statements die Schuld zuschieben und sich rechtfertigen. Es gibt halt immer zwei Seiten der Geschichte. Manch eine Band hegt größeren Groll, manch eine Band bzw. manch ein Schicksal ist an der Zusammenarbeit mit Noise zerbrochen. Die, die am höchsten steigen, fielen meist am tiefsten (Stichwort Helloween, die zur Noise-Zeit ihre Genreprägenden „Keeper“-Alben herausbrachten und in Folge eines Gerichtsprozesses mit Walterbach einige Jahre später zerbrachen). Und dann gibt es die, die sagen, es war nicht alles toll, aber Noise war DAS Sprungbrett, das wir brauchten und ohne das wir nie so weit gekommen wären. Beispielhaft seien hier Kreator genannt, die heute im Gegensatz zu einigen anderen Noise-Kombos nicht im Nirwana verschwanden, sondern größer sind denn je. Und das wäre ohne Noise nicht möglich gewesen. Das sagt Frontmann Mille Petrozza auch ganz offen, und kristallisiert sich sowieso mit seinen Aussagen und seiner Einstellung als sympathischster Charakter des Buches heraus.

Dabei steckt auch Walterbach voller Widersprüche: Der Anarchist, der ein Label aufzieht und damit Geld macht; der Labelboss, der sich mit Bandmanagern anlegt, wenn die sich um die Belange ihrer Schützlinge kümmern wollen, wird nach Ende des Labels selbst Manager mehrerer Bands (unter anderem Wucan) und erklärt ganz selbstverständlich seine Pflichten gegenüber seinen Bands und wie man sie gegen böse Labels verteidigt.

„Systemstörung – Die Geschichte von Noise Records“ ist ein spannendes Zeitzeugnis, das einen Überblick über ein kleines, aber stilgebendes Label und die Epoche, in der es gewirkt hat, gibt. Vor allem Genre-Fans werden sich an der Fülle an teils bisher unbekannten Informationen und Statements der vielen Beteiligten kaum sattlesen können. Für junge Bands kann es durchaus auch als eine Art Leitfaden wirken, wenngleich sich das Business seit den Achtzigern sicher grundlegend geändert hat. Ein ausführliches, aber nie langweiliges Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte, wenn man einmal angefangen hat. Dass es einige Konflikte klärt oder ungeklärte Fragen löst, ist allerdings unwahrscheinlich.

Cover @ Michel „Away“ Langevin/Iron Pages Books

  • Autor: David E. Gehlke
  • Titel: Systemstörung – DIe Geschichte von Noise Records
  • Verlag: Iron Pages Books
  • Erschienen: 2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 501
  • ISBN: 978-3-940822-10-9
  • Sprache: Deutsch
  • Sonstige Informationen:
    Infos auf der Verlagsseite
    Official Noise Homepage

Wertung: 11/15 dpt

 

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Über den Autor

Philipp Roettgers

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„I was born in ’89, the year of “ … but seriously … „three days before the Wall came down …“ Seit einigen Jahren lebe ich in Bonn und studiere dort „English Literatures and Cultures“. Ich spiele Schlagzeug, und schreibe für die Musikmagazine Intro, Betreutes Proggen und The Dutch Progressive Rock Page. Im Sommer bin ich auf Festivals unterwegs und helfe dort teilweise aus, unter anderem auf dem Burg Herzberg Festival. Meine Heroen: Hermann Hesse, Hunter S. Thompson, Der Dude („The Big Lebowski“), Steve Hogarth, Genesis, David Eddings, The Beatles, Dennis Hopper, Bela B. und Monty Python.
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von Philipp Roettgers Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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