Letztes Jahr in Marienbad (Special Edition) (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Was geschah „Letztes Jahr in Marienbad“? Es ist eines der größten Rätsel der Filmgeschichte, worum es in Alain Resnais‘ Kunstfilm geht, wo und wann es spielt und ob es sich überhaupt irgendwo und irgendwann zugetragen hat. Selten verschwammen die Grenzen zwischen Erinnerung und Gegenwart, Traum und Realität, Zeit und Raum so kunstvoll wie im Meisterwerk von 1961. Wie weit Resnais seiner Zeit voraus war, kann nun anhand einer brandneuen, vorerst ultimativen Restauration noch einmal neu bewertet werden. Tatsächlich ist noch einmal ein qualitativer Sprung zu erkennen, wer allerdings – trotz allem – noch weitere Kaufanreize dieser „Special Edition“ gegenüber der 2014 veröffentlichten Version sucht, wird nur wenig Neues finden.

Vermutlich könnte „Letztes Jahr in Marienbad“ mit den Innovationen des technologischen Fortschritts künftig Stück für Stück weiter verbessert werden, doch Alain Resnais selbst wandte schon ein: Nicht jeder der sogenannten „Fehler“ sollte ausgemerzt werden. Es sollte erst gar nicht der Versuch unternommen werden, den Film von der Zeit zu trennen, in der er entstanden ist. Eine wichtige Überlegung gerade auch vor dem Hintergrund der Vorstellung neuer Technologien, in Zeiten, in denen der Unterschied zwischen einem 4k- und einem 8k-Fernseher nur schwerlich auszumachen ist.

Maßgabe sollte demnach sein, dass die Restauration eines Werks der Vision des Schöpfers möglichst nahekommt, ohne in den Film einzugreifen und ihn zu verändern. Die spannende Gratwanderung des Restaurationsprozesses der Firma Chanel kann hier nachvollzogen werden: https://pr-lanneedernieremarienbad2018.chanel.com/film . Das gut erhaltene Original wurde digital von Schäden wie Kratzern und Löchern befreit und erstrahlt in der vorliegenden Version in vermutlich nur schwer zu toppender Qualität. Der Unterschied zur bereits großartig aufbereiteten 2014er-Version ist auch für den Laien zu erkennen und wäre wohl im Sinne Resnais gewesen.

Gerade bei einem Film wie „Letztes Jahr in Marienbad“ lohnt es sich, jedes Detail bestmöglich zu präsentieren. Der Kunstfilm spaltete schon 1961 bei seiner Premiere in Venedig die Kritik, vermutlich vor allem wegen des Frustpotenzials, dass das Filmrätsel für den Lösungsversuch in sich trägt. Schauplatz ist das böhmische Marienbad, doch eigentlich – ob nun absichtlich oder wegen der Beschränkungen der Zeit – wurde der Film rund um Hotels und Schlösser in Deutschland und Frankreich gedreht.

Im Zentrum des Geschehens stehen drei unbenannte Personen, zwei Männer und eine Frau, die (angeblich) in Marienbad aufeinandertreffen. Sie sind zu Gast in einem Schlosshotel, das seine barocke Schönheit in seiner Erstarrtheit auf seine Gäste zu übertragen scheint. Alle wirken wie Salzsäulen, Geister, Schatten, Mobiliar einer vergangenen Zeit, wiederholen ihre Handlungen unentwegt und zeigen keine echten emotionalen Regungen. Der eine Mann (Giorgio Albertazzi) tritt immer wieder an die Frau (Delphine Seyrig) heran und bittet sie, sich an letztes Jahr zu erinnern. Damals habe er sie schon einmal getroffen, hier oder woanders, vielleicht auch in einem anderen Jahr, aber er ist überzeugt, Beweise für ihre Bekanntschaft zu haben. Die Frau wehrt sich gegen die Geschichte, gegen die erzeugte Erinnerung, die sich bruchstückhaft aufbaut und doch immer wieder in sich zusammenfällt.

Resnais‘ Interpretation des Drehbuchs von Alain Robbe-Grillet lässt den Film zu einem Medium werden, das wie kein anderes in der Lage ist, Raum- und Zeitlosigkeit einzufangen. Die Grenzen zwischen Erinnerung und Gegenwart sind verschwommen, die Zeit in ihrer Kontinuität durchbrochen, die Personen wandeln durch Raum und Zeit. Anscheinend – so zumindest die offensichtlichste Interpretation – geht es um eine Liebe, gar eine Affäre, so wie die Rolle des zweiten Mannes (Sacha Pitoëff) gedeutet werden kann. Die Frau wurde durch diese Liebelei den Ausführungen des Mannes zufolge aus dem Zustand einer lebenden Toten erweckt, die frei von jeder Leidenschaft und Fantasie lustlos im Trott von Marienbad gefangen ist.

Das Leben in Marienbad ist genormt und geordnet wie das Hotel geometrisch vollkommen ist. Nicht von außen sieht es aus wie ein Gefängnis, auch innen erzeugt die schwarz-weiß-graue Prunk-Kulisse ein hohles, leeres und bedeutungsloses Schauspiel. Die unruhige Kamera ist ständig in Bewegung und führt durch die Gänge, die unendlich zu sein scheinen. Die Gäste sind in einer Ewigkeitsschleife gefangen, die „schlimmer als der Tod“ ist. Ihnen ist Antizipieren fremd, da sie keine Pläne und Ziele verfolgen. Wer kein Bild von der Zukunft hat, ist in der Vergangenheit und Gegenwart gefangen.

Der wahre Horror der Depression liegt darin, dass die Gefangenen nur durch einen Neuling, einen Auswärtigen aus ihrer Bewusstseinsschleife geholt werden können. Für die Außenstehenden ist es viel schlimmer anzusehen, welches Leben die Gefangenen fristen, aus deren emotionaler Verkrüppelung sie sie zu retten gedenken. Die Kranken kreisen um sich selbst, sind in sich gefangen und agieren indifferent gegenüber ihrer Umwelt. Im Zustand der Anomie erkennen sie nicht, erkennen nicht wieder und bemerken nicht.

„Letztes Jahr in Marienbad“ bietet schöne Einsichten über die Liebe: Zwei Verliebte sehen nur sich; sie haben das Gefühl, sich zu kennen, obwohl sie sich gerade erst begegnet sind; sie scheinen die Einzigen zu sein, die sich einander zuhören, sich verstehen. Aber auch dabei bleibt der Film mehrdeutig und deutet eine Vergewaltigung an. Vor dem Hintergrund der verschwommenen Erinnerungen (als Folge eines Traumas?) lässt sich eben nur ein unsicheres Bild zeichnen, das durch die Erzählungen eines anderen auch noch weiter manipuliert werden können.

Alain Resnais erstellt ein Psychogramm, das beschreibt und wenig deutet. Der Kunstfilm produziert atemberaubende Bilder, Innen- und Außenaufnahmen rund um das Hotel, die es sich einzurahmen lohnt. Manchmal wirken sie gar so unwirklich, dass die Figuren wie ein Teil eines Gemäldes wirken, eingeschlossen in einen genormten Rahmen. Bild in Bild, Schauspiel in Schauspiel, dafür sprechen zudem die zahlreichen Spiegel und das Theaterstück „Rosmer“, das Teil des Films ist. Alles ist in ewiger Wiederholung begriffen, doch was das über „Letztes Jahr in Marienbad“ aussagt, darüber kann sich jeder sein eigenes Bild machen.

Das Bonus Material ist dasselbe wie auf der Blu-ray-Version aus 2014 und liefert einige Interpretationsansätze. Zudem sind zwei Kurzdokumentationen von Alain Resnais enthalten, die klar machen, wie die frühe Profession des Filmemachers sein Meisterwerk nachhaltig beeinflusst hat. Wenn Resnais mit faszinierend kunstvollen Bildern von der Plastik-Herstellung und den Mechanismen der größten Bibliothek der Welt erzählt, möchte man sich von ihm gleich die ganze Welt erklären lassen. Einzig neu ist darüber hinaus nur die Aufmachung der Special Edition mit neuem Cover, Menue sowie einem beiliegenden Booklet. Aber der wahre Neuwert liegt im nochmals aufpolierten Film, der diese Version für alle Fans unverzichtbar macht.

Fazit: „Letztes Jahr in Marienbad“ erscheint nun in einer brandneuen restaurierten Fassung, die das Meisterwerk noch einmal zu neuem Glanz verhilft. Den Details des Kunstfilms von Alain Resnais kommt das gestochen scharfe Bild zugute, respektiert aber ganz im Sinne des Regisseurs das Original. Viel besser geht es eigentlich nicht, ohne das Material zu verändern. Das Bonus Material ist nicht neu, aber umfangreich und informativ. Am wichtigsten bleibt aber: Dem Rätsel „Letztes Jahr in Marienbad“ darf in neuer Qualität auf die Spur gegangen werden. Oder man lässt einfach die atemberaubenden Bilder des Kunstwerks eines Filmemachers auf sich wirken, der seiner Zeit weit voraus war und heute noch fasziniert.

Szenenbilder und Cover © Arthaus

  • Titel: Letztes Jahr in Marienbad
  • Originaltitel: L’Année dernière à Marienbad
  • Produktionsland und -jahr: FRA/ITA, 1961
  • Genre:
    Drama
    Kunstfilm
    Romanze
  • Erschienen: 20.09.2018
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    94 Minuten auf 1 DVD
    94 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Delphine Seyrig
    Giorgio Allbertazzi
    Sacha Pitoeff
  • Regie: Alain Resnais
  • Drehbuch: Alain Robbe-Grillet
  • Kamera: Sacha Vierny
  • Schnitt:
    Jasmine Chasney
    Henri Colpi
  • Musik: Francis Seyrig
  • Extras:
    Einführung von Ginette Vincendeau; Kurzfilme „Das Lied vom Styrol“ (1958) und „Alles Gedächtnis der Welt“ (1956); „Im Labyrinth von Marienbad“ (Porträt über Alain Robbe-Grillet); Booklet; Originaltrailer; Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,35:1 (anamorph)
    Sprachen/Ton
    :
    D, F
    Untertitel:
    D, F, GB
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,35:1 1080/24p Full HD
    Sprachen/Ton
    :
    D, F
    Untertitel:
    D, F, GB
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Über den Autor


Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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