Xavier-Marie Bonnot – Der erste Mensch (Buch)

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Prähistorie, Wahnsinn und Michel de Palma

Marseille, 2010. An den Ausläufern des Calanque-Massivs endet Marseille. Hier befindet sich eine kleine Bucht, von der man in achtunddreißig Meter Tiefe den Eingang der Le-Guen-Höhle erreicht, einen trockenen Höhlenraum mit prähistorischen Malereien und Zeichnungen. Diese sind Gegenstand eines aktuellen Forschungsauftrages, doch bei einem Tauchgang verletzt sich der erfahrene Archäologe und Taucher Rémy Fortin schwer. Ein Dekrompessionsunfall der dazu führt, dass Fortin zunächst im Koma liegt; wenig später wird er seinen Verletzungen erliegen. Die Leiterin der Mission, Pauline Barton, glaubt nicht an einen Unfall und bittet Hauptkommissar Michel de Palma von der Kripo um Hilfe. Dieser kennt die Le-Geun-Höhle nur allzu gut, denn vor zehn Jahren wurden dort drei brutal entstellte Frauenleichen gefunden. Dem Team de Palmas gelang es schließlich, den Serienmörder Thomas Autran zu fassen, der seitdem in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzt.

De Palma und sein Kollege Karim Bessour befassen sich mit dem mysteriösen Tauchunfall und finden sich bald in einem wilden Durcheinander von prähistorischer Geschichte, Wahnsinn vielfacher Art und der Jagd nach einem Mörder wieder, der kaum zu fassen scheint. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Es kommt zu einem weiteren Tauchunfall an der Höhle, Thomas Autran gelingt der Ausbruch, weitere brutale Morde folgen.

Arg konstruierter, aber informativer Krimiplot

Xavier-Marie Bonnot schickt ein weiteres Mal seinen Kultermittler Michel de Palma, von allen nur „Baron” genannt, ins Rennen. Gleich zu Beginn folgt jedoch für dessen Fans ein kleiner Schock, denn de Palma soll bereits in drei Wochen in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Ist „Der erste Mensch” womöglich sein letzter Fall? Oder lässt der Autor seinen beliebten Protagonisten im Ruhestand weiterarbeiten, so wie vergleichsweise Ian Rankin seine Kultfigur John Rebus?

Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es neben dem aktuellen Fall auf eine große Zeitreise, denn Thomas Autran, der schon in jungen Jahren viele Jahre in geschlossenen Anstalten verbrachte, träumt von einem Leben vor der neolithischen Revolution (diese war der Beginn der Jungsteinzeit) als „die Menschen noch frei waren.” De Palma steigt tief in die Urgeschichte ein und pendelt bald wie Autran zwischen Altsteinzeit und Mystikwahn, zwischen Neandertaler und Cro-Magnon-Mensch und den Verbrechen der Gegenwart. Man sollte ein Faible für die Frühgeschichte der Menschheit mitbringen, sonst wird man von einem „zu viel” an Fachwissen (und Vermutungen) erschlagen. Zudem gibt es breite Passagen, die sich der Psychiatrie widmen, denn nicht nur Thomas Autran ist seit Geburt psychisch schwer geschädigt. Die Grenzen zwischen den normalen und verrückten Menschen sind hier mitunter fließend.

Der Unabomber war ein Anhänger eines naturzentrierten Anarchismus. Der Mensch sei durch die Technologie entfremdet und müsse daher von ihr befreit werden. Zurück zu einem Leben wie vor der neolithischen Revolution, ohne Tierzucht oder Eigentum.

Die Geschichte der Familie Autran will gut recherchiert werden. Auch hier gab es seltsame Todesfälle und noch mehr Wahnsinn, eine gelungene Pointe zur Abstammung einer bestimmten Person bietet der Autor zum Schluss des Romans. Neben Urgeschichte, Psychiatrie und den aktuellen Morden widmet sich Xavier-Marie Bonnot einmal mehr der intensiven Schilderung seiner Geburtsstadt Marseille und deren Landschaft, hier vor allem den Calanques genannten Küsteneinschnitten. Über das Privatleben de Palmas erfährt man überraschend wenig, außer dass dieser durch den Tod seines Bruders vor vielen Jahren selber Erfahrungen mit Psychologen und Psychiatern hatte. Zudem ist er inzwischen von Marie geschieden, lebt mit seiner Jugendliebe Eva in dem ehemaligen Arbeiterviertel La Capelette und hört – zum großen Verdruss von Eva und Karim Bessour – ausschließlich klassische Musik. Somit bliebe noch zu erwähnen, dass die Oper „Elektra” von Richard Strauss ebenfalls einen gewichtigen Anteil im Roman findet, da diese Ähnlichkeiten zum Verhältnis von Thomas Autran zu seiner Schwester Christine aufzeigt, die übrigens auch im Gefängnis sitzt; wegen Beihilfe zu den damaligen Morden ihres Bruders.

Cover © Unionsverlag

  • Autor: Xavier-Marie Bonnot
  • Titel: Der erste Mensch
  • Originaltitel: Premier Homme
  • Übersetzer: Gerhard Meier
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 02/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 347
  • ISBN:978-3-293-20829-2
  • Sprache: Französisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Xavier-Marie Bonnot – Der erste Mensch (Bu…

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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