Gianfranco Carofiglio – Zeit der Schuld


Anspruchsvolle Krimikost aus Italien

Zeit der Schuld
© Goldmann

Seit gut zwei Jahren sitzt Iacopo Cardace im Gefängnis. In erster Instanz wurde er wegen Mordes verurteilt, die Indizienlage war erdrückend. Sein damaliger Anwalt, der ebenso zwielichtige wie legendäre Costamagna, ist inzwischen verstorben und so wendet sich Iacopos Mutter Lorenza  Delle Foglie an Avvocato Guido Guerrieri, mit dem sie vor rund achtundzwanzig Jahren eine kurze Zeit lang liiert war. Aus alter Verbundenheit übernimmt Guerrieri die Verteidigung, wenngleich die Sachlage klar scheint. Eine damalige Telefonüberwachung des Drogendealers Cosimo Gaglione dokumentiert einen heftigen Streit zwischen diesem und Iacopo, wenig später ist Gaglione tot; verblutet nach drei Schüssen in seiner eigenen Wohnung. Eine Zeugenaussage und Schmauchspuren an Iacopos Jacke belasten diesen schwer. Da hilft es nichts, dass Lorenza ihrem Sohn ein Alibi gibt.

Das sagen sie alle, die Eltern oder Freunde oder Partner und Partnerinnen. Mein Kind, mein Kollege, mein Geliebter wäre zu so einer Tat niemals fähig. Auf gar keinen Fall, ich kenne ihn. Würden wir uns nach den Überzeugungen der Angehörigen richten, käme Mord (ebenso wie manches andere) in den Verbrechensstatistiken gar nicht mehr vor.

Gemeinsam mit seinem Team um Consuela Favia, die Senioranwältin der Kanzlei, Annapaola, Privatdetektivin und Guerrieris Freundin, und Carmelo Tancredi, der nach dreißig Jahren als Polizist im Rentenalter gemeinsam mit Annapaola eine Detektei betreibt, geht es an die Arbeit. Dabei ist von Anfang an klar: Die Indizienlage ist stimmig, so dass es gilt, eine zweite Variante des möglichen Tatherganges aufzuzeigen, welche ebenfalls zu den Indizien passt. Dann gäbe es zwei mögliche Szenarien, so dass man Iacopo im Zweifelsfall freisprechen müsste. Zumindest könnte.

Juristische Grundkenntnisse und Interesse an Philosophie sind hilfreich

In seinem bereits sechsten Fall bietet der ehemalige Anti-Mafia-Staatsanwalt Gianfranco Carofiglio ebenso anspruchsvolle wie anstrengende Krimikost. Jedenfalls dann, wenn man nicht über Grundkenntnisse der Juristerei verfügt. Nach einem kurzen Intro stürzt sich der Protagonist mit seinem Team in die Arbeit, welche für ihn aus einem vertiefenden Aktenstudium des erstinstanzlichen Verfahrens besteht. Ansätze werden gesucht, die die damals durchaus schlampig geführten Ermittlungen entkräften. Zwar ist die Indizienlage klar, aber es wurde nie geprüft, ob es für diese noch eine weitere Erklärung geben könnte. Warum Zeugen befragen oder Spuren nachgehen, wenn doch der Sachverhalt eindeutig ist?

Avvocao Guerrieri, können Sie den Zusammenhang dieser Frage mit dem thema probandum erklären?

Es folgt das Berufungsverfahren, bestehend aus ausführlicher Zeugenvernehmung und anschließenden Plädoyers bis zum abschließenden Urteil. Hierbei spielt sich die Handlung nahezu ausnahmslos im Gerichtssaal ab. Man wohnt quasi der Verhandlung live bei. Paragraphen werden zitiert und mitunter reichlich großzügig interpretiert. Einsprüche sind nicht selten die Folge. Wer dies mag, ist hier genau richtig und wird womöglich alle „präjudiziellen Hinweise“ mitbekommen. Teils ist der Stoff sehr trocken und gerade deswegen sehr authentisch und deutlich gehaltvoller als die für ein Massenpublikum angelegten Anwaltskrimis à la Grisham. Man muss es – wie gesagt – halt mögen. Zwischen den gerichtlichen Abläufen folgen immer wieder Rückblicke zu jener Zeit, gemeint ist konkret das Jahr 1987, in der es zu einer kurzen Beziehung zwischen Guerrieri und Lorenza kam, die für Guerrieri mit einer Enttäuschung endete.

Neben den Ermittlungen von Guerrieris Team, die recht überschaubar ausfallen, und den Geschehnissen am Gericht, verbleiben dem Protagonisten etliche Gelegenheiten, bekannte und weniger bekannte Philosophen und Schriftsteller zu zitieren oder sich mit deren Werk zu befassen. Der Bogen spannt sich von Michel de Montaigne und Pyrrhon von Elis hinüber zu Franz Kafka und Elias Canetti.

Ein juristischer wie intellektueller Leckerbissen. 

 

  • Autor: Gianfranco Carofiglio
  • Titel: Zeit der Schuld
  • Originaltitel: La Misura Del Tempo. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
  • Verlag: Goldmann
  • Umfang: 299 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Mai 2021
  • ISBN: 978-3-442-31596-3
  • Sonstige Produktinformationen:
    Produktinformationen


Wertung: 12/15 dpt


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