“A Dark Song” ist über weite Strecken ein klaustrophobisches zwei-Personen-Kammerspiel, unterbrochen von grandiosen Landschaftsaufnahmen, die die Weite des nur am Rande von Menschen berührten Raumes betonen.
Sophia Howard mietet ein einsam gelegenes Anwesen in Wales, um dort mit dem okkultischen Mittler Joseph Salomon ein magisches Ritual durchzuführen, das sie ihrem toten Sohn wieder nahebringt. Salomon hingegen möchte sich auflösen, aus der Welt verschwinden.

Es beginnt eine mehrwöchige Klausur, voller Entbehrungen, Missbrauch, psychischer und physischer Zusammenbrüche. Salomon besteht auf unbedingtem Gehorsam, damit das Ritual nach dem Buch “Abramelin” des Abraham von Worms, funktioniert. Sophia sperrt sich in ihrer Doppelrolle als Arbeitgeberin und verzweifelt Suchender, den teils abusiven Befehlen und Wünschen ihres spiritistischen Führers zu gehorchen. Die Grenzen von Realität und Wahn verschwimmen, die Magie hält Einzug in das alte Gemäuer, doch nicht ganz auf die Art wie die beiden Probanden sich das vorgestellt haben. Folgerichtig steht am Ende das Begehren um Vergebung und nicht um Rache.

Der walisische Regisseur Liam Gavin hat mit seinem Langfilm-Debüt einen bildgewaltigen, faszinierenden Horrorfilm der etwas anderen Art erschaffen. Getragen von zwei exzellenten Hauptdarstellern, die sich entblößen, bis mehr zu sehen ist als nackte Haut. Catherine Walker als Sophia reibt sich auf zwischen erfolgsorientiertem Gehorsam und dem Widerstand gegen einen übergriffigen Mann, den Steve Oram mit Mut zur körperlicher und mentaler Hässlichkeit anlegt. Liam Gavin hält geschickt offen, ob Solomon ein wahrer Zeremonienmeister oder ein notgeiler Scharlatan ist.

Ambivalent bleibt auch, ob das Ritual zu wirken beginnt, ob sich das Unerklärliche einen Weg in diese Welt bahnt. Der Film nimmt sein Sujet ernst; es ist ein harter, zeitaufwendiger Weg, den Sophia und Joseph beschreiten. Fasten, Schlafentzug, Demütigungen und diskriminierende Aufgaben, die vor allem Sophia zu erleiden hat. So muss sie unter anderem Josephs Blut trinken, begleitet von der bedenkenswerten Frage, wie es denn um die Gefahr einer Hepatitis-Ansteckung stehe (von Aids ganz zu schweigen).

Im Laufe der aufreibenden Prozedur mehren sich, neben den gewalttätiger werdenden Konflikten, rätselhafte Ereignisse, Visionen und kriechender Schrecken. Eine Schattenwelt öffnet ihre Portale und zieht die beiden Protagonisten unaufhaltsam in ihre Mitte. Ohne zu spoilern: Am Ende bekommen Sophie und Joseph, was sie sich vom Ritual erwünscht haben. Ob es ihren Erwartungen entspricht, ist aber fraglich.

“A Dark Song” ist eine intensive Reise ans Ende der Nacht, die auf verschiedenen Ebenen stattfindet. An der Oberfläche treffen sich zwei traumatisierte Persönlichkeiten und greifen nach einem spirituellen Strohhalm, der ihnen die Möglichkeit gibt, mit sich und Welt ins Reine zu kommen. Liam Gavin inszeniert das konzentriert, ohne ironische Brechungen. Es gibt Anflüge von bitterem Humor, die aber die Ernsthaftigkeit des Projekts nie überlagern. Das Ritual selbst ist kein schmückendes Beiwerk, das mit dem Zeichnen eines Druidensterns und dem Erzeugen von Salzkreisen seine oberflächliche Bahnen zieht. “The Dark Song” zeichnet das rituelle Geschehen als Mühsal, als physische und psychische Anstrengung, die beiden Beteiligten das Äußerste abverlangt.

Der Film nähert sich langsam, aber mit unerbittlicher Macht seinem halluzinatorischen Höhepunkt, in dem Horror und Befreiung sowie ein wenig Verklärung eindrücklich kulminieren. Doch funktioniert “A Dark Song” auch als psychologisches Kammerspiel, in dem das Geschlechterverhältnis, Verlust, Angst und Traumata mit bohrender Intensität aufgearbeitet werden. Ein so schmerzliches wie kluges und befreiendes Werk, das zudem mit einer höchst effizienten und atmosphärischen Sound- und Musikbegleitung aufwarten kann. Die zudem nicht zur manipulativen Dauerberieselung á la Hans Zimmer aufgeblasen wird. Auch hier ist “A Dark Song” sehr ökonomisch gestaltet.

Die Aufmachung des Mediabooks von Camera Obscura ist famos. Es enthält unterhaltsame, erhellende Interviews mit Regisseur, Cast- und Crewmitgliedern, Storyboards, Produktionsnotizen, und fast schon obligatorisch, entfallene Szenen. Zudem wurden vier vorangegangene Kurzfilme Liam Gavins spendiert. Die ersten beiden sind von ruppiger Komik, die späteren Shorts beschäftigen sich bereits eingehend und gekonnt mit Themen wie Verlust, Trauer und Erlösung, die später auch “A Dark Song” prägen werden. Das wie immer lesenswerte Essay Prof. Dr. Marcus Stigleggers erörtert eingehend und genreübergreifend den okkulten, rituellen Hintergrund des Films und die detaillierte Ausarbeitung des zentralen Rituals.

Ob man die zusätzliche DVD braucht, liegt im und am Auge des Betrachters. Eine erneut höchst gelungene Edition!

Cover und Szenenfotos: © Camera Obscura Filmdistribution

  • Titel: A Dark Song
  • Originaltitel: A Dark Song
  • Produktionsland und -jahr: Irland/GB, 2016
  • Genre:Psychodrama, Mystery, Horror, Ritualfilm
  • Erschienen: 11.10.2021
  • Label: Camera Obscura
  • Spielzeit:
    96 Minuten auf 1 DVD
    100 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Catherine Walker
    Steve Oram
    Susan Loughnane
  • Regie: Liam Gavin
  • Drehbuch: Liam Gavin
  • Kamera: Cathal Watters
  • Schnitt: Anna Maria O’Flanagan
  • Musik: Ray Harman
  • Extras:
    – Interviews mit Regisseur Liam Gavin, Kameramann Cathal Watters, Darstellern Steve Oram & Catherine Walker
    – Entfallene Szenen, Storyboards
    – 4 Kurzfilme von Liam Gavin
    – Deutscher und englischer Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,35:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch DD 5.1, Englisch DD 5.1
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,35:1 (1080p)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeit


    Wertung: 12/15 dpt


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