Jan Wiechert – Scheidung mit dem Beil (Buch)

Kriminalfall aus dem 18. Jahrhundert

Scheidung mit dem Beil
© Gmeiner

Am Donnerstag, dem 13. November des Jahres 1777, finden zwei Wanderer eine Leiche im Graben des Brühlsees bei Langenburg in Baden-Württemberg. Neben der Leiche liegen zwei Pflugsägen, mehrere Hiebverletzungen am Kopf bezeugen, dass es kein Unfalltod war. Der Fund wird daher der fürstlich-hohenlohischen Regierung angezeigt, was dort für Aufsehen sorgt, denn eigentlich ist die Gegend recht friedlich. Im 18. Jahrhundert werden insgesamt nur sechs Tötungsdelikte registriert.

Bei dem erschlagenen Mann handelt es sich um den Schmierbrenner Peter Huther, über dessen Frau Maria Dorothea üble Gerüchte kursieren. Schon mehrfach habe sie öffentlich gedroht, ihren Gatten zu ermorden. Dabei war die Ehe in den Anfangsjahren wohl recht gut, dann folgten Alkohol, Eifersucht und Gewalt. Nicht selten schlug ihr Mann zu, nicht immer bedurfte es hierfür einen Grund. Maria Dorothea flüchtete zunehmend von zuhause, riss immer wieder aus und hatte wohl auch Beziehungen zu anderen Männern; zumindest zu einem. Allein ihr einziger Sohn Jacob Antoni sorgt dafür, dass sie sich immer wieder heimlich nach Hause begibt.

Amtmann Christian Albrecht Zeitler und Stadtschreiber Georg Heinrich Eisenmenger übernehmen die Untersuchung des Falles, wobei Maria Dorothea und Jacob Antoni noch am gleichen Tage verhaftet werden können. Zeitler und Eisenmenger haben allerdings lediglich Erfahrungen mit Eigentumsdelikten und ähnlich Vergehen, aber keine mit der Untersuchung eines Kriminalfalls. Wissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie Fingerabdrücke oder gar DNA-Spuren gab es damals freilich nicht und so waren die Voraussetzungen für eine Verurteilung klar geregelt. Es mussten mindestens zwei Tatzeugen oder ein Geständnis her, letzteres wurde nicht selten durch eine Peinliche Befragung, sprich Folter, herbeigeführt. Doch auch hier gab es klare Regelungen in einem Strafgesetzbuch, genannt „Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V.“, auch als Carolina bekannt; verabschiedet im Jahr 1532.

Doch Maria Dorothea bestreitet vehement den Mordvorwurf, leugnet Beziehungen zu anderen Männern und führt wiederholt andere Personen als vermeintliche Mörder ins Feld (so auch durch die erwähnten Pflugsägen, ein Täuschungsmanöver, da die Tat anscheinend mit einem Beil – daher der Buchtitel – verübt wurde). Sie habe ihren Mann gewiss nicht erschlagen, monatelang geht das so. Erst am 20. August 1778 ist der Fall ausgestanden, Maria Dorothea Huther stirbt durch Enthauptung mit dem Schwert.

Eng an den Dokumenten orientiert

Jan Wiechert hat mit „Scheidung mit dem Beil“ einen interessanten Kriminalfall aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert zu Tage gefördert, bei dessen Schilderung sich der Autor sehr eng an den Originaldokumenten wie den damaligen Prozessakten orientiert. Immer wieder wird hieraus zitiert, was sprachlich interessant zu lesen ist, aber mitunter ein wenig Konzentration erfordert. Die bescheidenen Ermittlungsmethoden der damaligen Zeit, die vor allem aus der Befragung von Zeugen und Verdächtigen bestanden, sind gut wiedergegeben und so erlebt man eindringlich, wie sich Maria Dorothea Huther einerseits in immer neue Widersprüche verstrickt, sich gleichzeitig dennoch gekonnt aus der Verantwortung zieht. Jedenfalls hatten die damaligen „Ermittler“ einen schweren Stand, was erklärt, warum deren Arbeit sich über viele Monate hinzog.

Huther blieb nichts anderes übrig, als seine Frau zu finden und sich mit ihr zu versöhnen. Letztlich wurde ihm in dieser Situation seine Konfession zum Verhängnis. Für eine Prostetanten wäre es auch im 18. Jahrhundert unter bestimmten Umständen möglich gewesen, eine hoffnungslos verkrachte Ehe aufzulösen. Die katholische Kirche hingegen wich nicht von ihrem Standpunkt, dass die vor Gott bekräftigte Bindung nur durch den Tod gelöst werden dürfe. Und so sollte es bei den Huthers am Ende ja auch kommen.

Das harte Leben der Familie Huther wird ausführlich beleuchtet, so dass man fundierte Einblicke in das Leben einfacher Arbeiter erhält, die sich mit der schweren Tätigkeit des Schmierbrenners einen bescheidenen Lebensunterhalt verdienten. Für etliche Trinkgelage von Peter Huther muss es aber gereicht haben, denn dieser kam im fortgeschrittenen Stadium der Ehe meist betrunken nach Hause, wenngleich er oft anschreiben ließ. Kleinste Vermutungen für die Untreue der Frau reichten dann aus, um in Gewalttätigkeiten auszuarten.

Beschrieben werden auch die Lebensläufe zahlreicher weiterer Protagonisten, beispielsweise die der oben genannten Zeitler und Eisenmenger. Dies ist mitunter etwas übertrieben, trägt aber zur Vollständigkeit der Geschichte bei. Auch die Herrschaftsverhältnisse im Fürstentum werden vorgestellt, wobei man schon mal durcheinanderkommen kann. Sei’s drum, wer sich für wahre Kriminalfälle interessiert, findet hier eine umfassende Falldarstellung mit ausführlichen Einblicken in einen Teil der Regionalgeschichte Baden-Württembergs gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

  • Autor: Jan Wiechert
  • Titel: Scheidung mit dem Beil
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 188 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Oktober 2018
  • ISBN: 978-3-8392-2302-4
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt

 


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