Susanne Goga – Die Geister von Beelitz (Buch)

Entlassene Patienten verschwinden

Berlin, Ende Mai 1929. Mit gemischten Gefühlen steht Kriminalkommissar Leo Wechsler vor seiner Eckkneipe, doch seinem besten Freund Joachim kann er nicht länger aus dem Weg gehen. Anfang des Monats kam es zu einer ungenehmigten Demonstration der KPD, die Polizei ging mit harter Gewalt dagegen vor. 33 Tote und rund 200 Verletzte sind zu beklagen, nachdem Polizisten von ihren Schusswaffen Gebrauch machten. Clara, Leos Frau, ist seitdem besonders aufgewühlt, denn sie gehört der SPD an und die politischen Befehle zum Verbot sowie dem harten Durchgreifen kamen von SPD-Politikern, dabei sollten die Gegner eigentlich die immer stärker werdenden Nationalsozialisten sein, was KPD-Mitglied Joachim sehr nachdenklich stimmt. „Sind die Braunen denn noch der gemeinsame Gegner?“ Zudem erzählt Joachim, dass sein Schwager Rudi Patient in der Lungenheilanstalt Beelitz war und sich dort mit einem anderen Patienten anfreundete, den er nach seiner Entlassung besuchen wollte. Dessen Frau konnte ihm allerdings nur mitteilen, dass ihr Mann nie zurück kam.

Am 4. Juni wird Leo zu einer Besprechung bei Kriminalrat Ernst Gennat gerufen, der seinem Freund Egon Piontek helfen möchte. Piontek ist im Vorstand der Landesversicherungsanstalt Berlin und sein Neffe war unlängst in der Heilanstalt Beelitz. Nach seiner Entlassung kam er nie zuhause an, es fehlt jede Spur von ihm. Leo wird hellhörig, zumal Gennat bereits bei der Vermisstenstelle angefragt hat. Seit 1926 gab es fünf derartige Fälle. Kann das Zufall sein oder liegt ein Verbrechen vor?

Zu Claras Entsetzen entschließt sich Leo als vermeintlicher Tuberkulosepatient in Beelitz unter falschem Namen umzusehen. Doch die Regeln dort sind streng, sechs Stunden täglich stehen Liegekuren an der frischen Luft an, dazu muss er einen Kranken mimen und ist abgeschnitten von seinen Kollegen. Dass er neben einem möglichen Mörder auch noch mit einem unsichtbaren Gegner namens Bakterien zu kämpfen hat, macht den Fall besonders scharf.

Jubiläum für Leo Wechsler

Herzlichen Glückwunsch, Leo Wechsler, zum zehnten Fall! Wohlverdient, denn die Serie von Susanne Goga ist empfehlenswert und dies nicht nur, wenn man sich für die Weimarer Republik interessiert. Die Romane bestehen aus drei Handlungssträngen: Der kriminelle Plot, das Familienleben von Leo sowie die politischen Gegebenheiten jener Zeit. Natürlich könnte man den „Familienteil“ deutlich kürzen, da er mitunter nichts mit dem konkreten Fall zu tun hat, aber gerade durch die persönliche Ebene werden die Leser an die Figur des Protagonisten und seinen Angehörigen gebunden. Neben Clara gibt es noch die Kinder Maria und Georg sowie Schwester Ilse nebst Schwager Richard und eine gewisse Erika Sperber. Alle sind aus den Vorgängern wohlbekannt. Hinzu kommen Leos Kollegen Robert Walther, Oskar Neufeld und Jakob Sonnenschein, die aus Berlin heraus versuchen, ihren Chef in Beelitz zu unterstützen. Und ja, natürlich ist ein Arzt vor Ort in alles eingeweiht, damit Leo nicht gleich am ersten Tag auffällt.

„Der Doktor war mitunter schwer zu verstehen. Er benutzte Worte, die gewunden und seltsam klangen, doch was er meinte, war klar. Wenn die Patienten verhungerten oder an Krankheiten starben, die vom Hunger kamen, konnten sie keinen Schaden mehr anrichten und kosteten auch kein Geld. Es war eigentlich ganz einfach.“

Der Krimiplot ist spannend, zumal der Handlungsort im vorliegenden Fall besonders düster und gefährlich ist. Mehrere Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger kommen als Verdächtige in Frage, denn da die fünf Vermisstenfälle sich auf einige Jahre verteilen, muss der Täter vor Ort zu finden sein. Wenn es denn überhaupt einen gibt, denn eine Leiche wurde bislang nicht gefunden und erwachsene Menschen können sich bekanntlich aufhalten wo sie wollen. Die Situation in Beelitz ist gut recherchiert und wird eindringlich geschildert. Dabei geht es um die Frage, wie man mit Patienten umgehen soll, die keine Heilungschancen haben und somit dauerhaft eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Ein düsteres Thema namens Eugenik drängt sich vor, welches Jahre später im Euthanasieprogramm der Nazis seinen menschenverachtenden Höhepunkt fand. Angefangen hat es jedoch 1916/17, im sogenannten Steckrübenwinter, wo unter anderem die Entscheidung getroffen wurde, wer wie viele Lebensmittel erhält. Soldaten waren damals wichtiger als vermeintlich unheilbare Patienten in geschlossenen Anstalten.  

Neben der Fortsetzung von Leos Familiengeschichte und einem spannenden Kriminalfall, werden politisch vor allem besagter Steckrübenwinter, der sogenannte Blutmai (die eingangs erwähnten Unruhen, die sich vom 1. bis 3. Mai 1929 zutrugen) und ein Buch von Karl Binding und Alfred Hoche „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (erschienen 1920) thematisiert.

Ebenso vielseitige wie anspruchsvolle Krimiunterhaltung. Tolle Serie!

  • Autorin: Susanne Goga
  • Titel: Die Geister von Beelitz
  • Verlag: dtv
  • Umfang: 336 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2026
  • ISBN:  978-3-423-22163-4
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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