Büchermenschen gegen Rechts – Interview mit Kristine Listau (Verbrecherverlag)

Ich liebe den Literaturbetrieb. Es sind hier einfach die nettesten und
meisten Menschen mit einer sehr guten politischen Haltung vertreten.

booknerds: Liebe Kristine, vielen Dank für Mühe und die Zeit, die ein solches Interview kosten. Ich freue mich, dass mit diesem Beitrag unsere Interview-Reihe „Büchermenschen gegen Rechts“ eine aktuelle Fortsetzung erfährt. Der Anlass zu diesem Interview ist jedenfalls ein aktueller. Dazu gleich mehr. Zuerst ein kurzer Blick auf den Verlag selbst – für die, die den Verbrecher-Verlag vielleicht noch nicht kennen. Der Verlagswebsite kann man entnehmen:

„Der Verbrecher Verlag ist ein unabhängiger Verlag und wurde 1995 von Werner Labisch und Jörg Sundermeier gegründet. Seit 2014 leitet Sundermeier den Verlag gemeinsam mit Kristine Listau. Das Programm ist breit gefächert, der Schwerpunkt liegt auf der Belletristik, zudem veröffentlicht der Verbrecher Verlag insbesondere politische Sachbücher sowie wissenschaftliche Publikationen.“

Darf man dieser allgemeinen Darstellung hinzufügen, dass ihr euch als einen politischen Verlag versteht? Und wenn ja, mit welcher Botschaft?

Kristine Listau: Ja, auf jeden Fall sind wir politisch. Wir setzen uns für eine freundliche, solidarische und diverse feministische Gesellschaft ein, die so sensibilisiert ist, dass sie bei Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus etc. widerständig ist. Dies tun wir vor allen Dingen mit Büchern in unserem Programm. Denn wir glauben fest an die Erkenntnis beim Lesen. Aha-Erlebnisse sind mega wichtig. Sei es zu verstehen, welchen Herausforderungen Menschen mit Migrationserfahrung in unserer Gesellschaft gegenüberstehen wie in Dilek Güngörs Roman „Ich bin Özlem“ sowie in Viktor Funks „Bienenstich“ oder auch zum Beispiel, dass die Popmusik ein großes Antisemitismusproblem hat, wie es Maria Kanitz und Lukas Geck in ihrem Buch „Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis“ aufzeigen.

booknerds: Der Verbrecher-Verlag hat in diesem Jahr den Deutschen Verlagspreis gewonnen. Dazu vor allem von unserer Seite aus Herzlichen Glückwunsch! Bereits in den Jahren 2019, 2020, 2022 und 2023 zählte der Verlag zu den Preisträgern. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für euch, für die Verlagsarbeit ganz konkret?

Kristine Listau: Danke Euch sehr! Ja, das ist großartig. Es ist in erster Linie deswegen so wichtig, weil damit unser Bundeskulturministerium die Vielfalt der qualitativ hoher Verlagslandschaft in Deutschland anerkennt und mit diesen Auszeichnungen die für unsere Gesellschaft notwendige Buchkultur fördert. Das als allererstes! Damit ist das Grundverständnis da, wie wichtig Verlage und dessen Strukturen sind. Wie wichtig wir als Akteur:innen für die Wirtschaft wie Kulturförderung sind. Von uns hängen ja sehr viele weitere Akteur:innen ab: Autor:innen, Herausgeber:innen, Übersetzer:innen, Illustrator:innen, Gestalter:innen, Lektor:innen, Menschen, die in Druckereien wie Auslieferungen, Buchhandel arbeiten oder vom Rezensieren leben.

Was machen wir mit dem Geld genau? Wir stecken es in Personalkosten, in den Buchdruck oder schaffen auch mal einen Computer an oder entscheiden, hey, jetzt können wir die von uns geliebte Künstlerin für eine Coverillu bezahlen. Das Preisgeld hat bislang immer etwas von dem Druck herausgenommen, unter dem wir stehen. Denn die Produktionskosten sind wahnsinnig hoch, die potentielle Gewinnspanne aber sehr mau. Das Buch ist ja vergleichsweise günstig. Am Verkaufspreis in Höhe von 20 Euro müssen all die genannten Akteur:innen beteiligt werden. Und als nicht gerade großer unabhängiger Verlag, der sich sinnvollen politischen Inhalten und der Liebe zur Literaturkunst verschrieben hat, treffen wir eher selten den Mainstream-Geschmack. Das macht es schwierig, Gewinne zu erwirtschaften oder im jeden Fall kostendeckend zu arbeiten. Und da ist wiederum das Preisgeld der Bundesregierung von großer Bedeutung. In Zeiten von Kapitalismus und einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum setzt und nicht auf Nachhaltigkeit, werden wir darauf auch angewiesen bleiben. Aber ist es erstmal nicht großartig, dass unser Staat diese Arbeit anerkennt und fördert? Das feiern wir!

booknerds: Eine solche Auszeichnung zu erhalten ist ja eigentlich ein schöner Anlass. In diesem Jahr gab es aber dann doch auch negative Aufregung. Ein rechtsextremes Medienportal, das Sprachrohr der Neuen Rechten, hatte die Entscheidung des Kulturministeriums scharf kritisiert. Der von mit Steuergeldern finanzierte Verlagspreis unterstütze „linksextreme“ Verlage, hieß es. Der Verbrecherverlag wurde explizit auch genannt. Wie habt ihr von diesem Versuch, den Verlag öffentlich zu diskreditieren erfahren?

Kristine Listau: Durch Freund:innen, die uns darauf aufmerksam gemacht haben. Und wenn man die Medien eh so gründlich verfolgt wie Jörg, dann weiß maus eh sehr schnell Bescheid. Es regnete von allen Seiten: zunächst viel Idiotisches, aber sehr schnell viele Solidaritätsbekundungen sowie von Medien wie Deutschlandfunk oder Tagesspiegel Beiträge, die das Ganze ins richtige Licht gerückt haben.

booknerds: Nun könnte man sagen, wenn ein rechtsextremes Portal einen kritisiert, dann hat man eigentlich alles richtig gemacht. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, oder?

Kristine Listau: Sagen wir mal so, es war sehr unangenehm. Vor allem zu Beginn. Aber ehrlich gesagt, dabei ist es auch geblieben. Der Ton, die Möchtegernberichterstattung waren nun wirklich lächerlich, peinlich, in keinstem Falle satisfaktionsfähig. Im Grunde alles falsch. Wir wissen nicht, wen das wirklich erreicht haben soll. Am End wurden die Kampagnen wegen dem Traffic immer wieder gefahren. Wir ignorieren sie, denn mehr sollte man auch damit nicht tun.

Was jedoch super ist, ist, dass der Verlagspreis dadurch keinen Schaden erlitten hat, das war eine meiner größten Befürchtungen, aber hey, der Bundestag ist in dieser Frage zumindest stabil.

Also haben wir eher was gelernt aus diesen Attacken und vor allem von sehr viel Liebe für unseren Verlag erfahren. Das war unfassbar, wie großartig wir unterstützt wurden. Ich liebe den Literaturbetrieb. Es sind hier einfach die nettesten und meisten Menschen mit einer sehr guten politischen Haltung vertreten.

booknerds: Welche Erfahrungen habt ihr als Verlag bisher mit Protagonisten der Neuen Rechten gemacht? Bei Veranstaltungen, z.B. auf Messen, aber auch sonst? Liegt in der medialen Attacke eine neue „Qualität“? Warum sind solche Hetz-Kampagnen so gefährlich? Wie habt ihr reagiert? Welche Konsequenzen hat eine solche Bedrohung für eure Arbeit bzw. für die Arbeit unabhängiger Verlage generell?

Wir sind ein Team und das in einer Welt, in der sehr, sehr viele zu uns
halten. Daher ist es unsere Aufgabe, uns vor die gefährdeten Personen zu
stellen, sie stark und laut zu machen.

Kristine Listau: Wir haben gar nicht so viel vorher erlebt. Irgendwelche peinliche Hassmails, das ja. Komische Leute am Stand, die sich aber auch nichts trauten außer zu posen. Wahrscheinlich steht den Leuten ihre eigene Intellektuellenfeindlichkeit im Weg.

Ich denke, dass wir als Verlag auch nicht so fassbar sind wie Personen, die trans sind, Schwarz, persönlich identifizierbar, laut feministisch unterwegs etc. Diese Menschen werden dann gemobbt, psychisch und körperlich angegriffen. Das ist ja die Gefahr, in diesen Fokus zu geraten. Wir als Verlag stehen für all diese Menschen, machen ihre Bücher, sind keine Einzelperson. Wir sind ein Team und das in einer Welt, in der sehr, sehr viele zu uns halten. Daher ist es unsere Aufgabe, uns vor die gefährdeten Personen zu stellen, sie stark und laut zu machen.

booknerds: Gibt es etwas, was die „Buch-Bubble“, also die Blogger:innen, Leser:innen aber auch Mit-Verlage tun können?

Kristine Listau: Sensibilisiert und engagiert sein, nicht denken, ach das wird schon, sondern handeln! Das tun, was wir erfahren haben: Respektsbekundungen aller Art, so schön! – das stärkt ungemein, Solibuchkäufe (diese haben uns wohl sehr geholfen, da wir eine gerichtliche Auseinandersetzung mit einem Rechtsextremen hatten), das Teilen von Inhalten, Unterstützung anbieten, im Netzwerk immer wachsam bleiben, nach Leuten schauen und sich auch mal außerhalb der gemütlichen Bubble erkundigen, was da so los ist (tue ich leider viel zu wenig). Und: Unsere Bücher lesen und lieben bitte.

booknerds: Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Verlagsprogramm. Werfen wir einen Blick auf die Vorschau 2026. Welche Schwerpunkte sind geplant? Auf welche Highlights dürfen wir uns freuen?

Kristine Listau: Es wird mega! Schaut, wir haben ein Romandebüt von Jessica Mawuena Lawson mit dem Titel „Kekeli“. Es geht um Coming of Age, Schwarze Menschen in Deutschland und eine cute Liebesgeschichte. Unfassbar schönes Buch!

Wir machen wieder Lyrik!!! Der eine Band heißt „Tiferet“ von unserem beliebten Autor Benjamin Stein und der andere „Aus der Ferne wirkt die Hölle wie ein Abenteuer“ von Tobias Bamborschke, den viele als den Sänger von Isolation Berlin kennen, aber es ist bereits sein dritter Gedichtband. Wir sind von den beiden sehr unterschiedlichen Gedichtbänden mehr als angetan. Sie erscheinen bereits Ende Januar!

Im Sachbuchbereich platzen wir Stolz noch: „Bitch Hunt“ von Veronika Kracher über die (digitale) Misogynie in unserer Gesellschaft und das nicht nur von rechter bzw. antifeministischer Seite. Darum heißt das Buch im Untertitel: „Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“. Ein wahnsinnig wichtiges und auf schöne Weise sehr lautes Buch!

„Gender Punks“ von Kuku Schrapnell. Kuku erzählt in ihrem sehr persönlichen Essay die Geschichten von trans Pionier:innen aus dem 17. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Zum Niederknien. Und ich denke bei Lektorat die ganze Zeit, wieso kenne ich diese Geschichten nicht?! Danke, Kuku!!!

Hatice Açıkgöz gibt ein für unseren Literaturbetrieb sehr notweniges Buch heraus:

„Literarisch Solidarisch“. Mit Beiträgen von Josephine Apraku, Maryam Aras, Sarah Berger, Betiel Berhe, Dara Brexendorf, Seda Çalışkanoğlu, Özlem Özgül Dündar, Mareike Fallwickl, Christiane Frohmann, Heike Geißler, Linus Giese, Mareice Kaiser, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Maline Kotetzki, Hami Nguyen, Andrea Schöne und Ayna Steigerwald. Das wird der Hammer und begründet bestimmt einen neuen Literaturbetrieb.

„Antisemitismus definieren – Anleitung zur Abgrenzung“. So heißt das Buch und die Mammutaufgabe, die sich Nikolas Lelle und Tom Uhlig aufgebürdet haben. Und das übrigens auf nur ca. hundert Seiten. REEESPEKT!

Wir lieben Popkultur und werden zurückgeliebt, denn Tobias Johann und Andreas Borsch veröffentlichen bei uns das Buch „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ mit Beiträgen von Michael Croland, DVMP, Lara Dvorah, Jonas Engelmann, Georg Gläser, Itty Minchesta und Ulrich Gutmair, Nikolas Lelle, Monty Ott, Oz Ozon, Annica Peter, Punks against Antisemitism, Tina Sanders, Teresa Streiß, Klaus Walter, Tobias Johann, Alexander Stärck und Markus Streb. Großer Spaß und eine zunehmend ernste Auseinandersetzung. Wir müssen überall gegen Antisemitismus vorgehen.

Morten Paul stellt die wichtige Frage im Buch „Was war Faschismustheorie?“ und hat diese Leute eingeladen uns für sie zu beantworten: Caroline Adler, Luce deLire, Alex Demirović, Frank Engster, Fernando Esposito, Laura Rivas Gagliardi, Stefan Höhne, Mona Leinung, Martin G. Maier, Maria Muhle, Francesca Raimondi, Yanara Schmacks, Philipp Schönthaler, Cecilia Sebastian, Friederike Sigler, Tatjana Söding und Elena Stingl. Ich bin sehr gespannt darauf. Faschismustheorie ist wirklich interessant und so wichtig ganz genau to know.

Und als Letztes muss ich damit angeben, dass wir eine Buchhändlerinnenlegende ehren und zwar zusammen mit Monacensia: Rachel Salamander!!!

booknerds: Vielen Dank für den Austausch und weiterhin viel Erfolg!

Kristine Listau: Danke Euch! Und sorry für die Ausführlichkeit, aber ich hätte vom Programm nichts weglassen können.

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